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| Foto: Dave Bullock |
Filme sehen ist nicht schwer, sie zu machen dagegen sehr – vor allem, wenn dabei etwas Besonderes herauskommen soll. Wie er daran geht, seine Projekte zu realisieren, was ihm dabei wichtig ist und warum ohne Respekt vor DarstellerInnen und Publikum gar nichts geht, darüber sprach einer der interessantesten österreichischen Filmemacher, der Tiroler Daniel Pöhacker, mit dem 20er. JENS NICKLAS

20er: Sie kommen aus einer Künstlerfamilie, Ihr Vater ist der bekannte Bildhauer Franz Pöhacker. War da ein künstlerischer Beruf vorherbestimmt? Und wie ist es gekommen, dass Sie sich gerade fürs Filmemachen entschieden haben? Daniel Pöhacker: Die Affinität zur Kunst war zwar da, aber mein Berufswunsch war überhaupt nicht klar. Ich habe immer gern gezeichnet. Als Kind habe ich enorm viel fotografiert, nachdem ich schon mit sieben Jahren von meinem Vater einen Fotoapparat bekommen habe. Und obwohl ich mich auch viel mit Film beschäftigte, begann ich doch Psychologie und Pädagogik zu studieren. Weil aber einem Freund der Familie die Fotoserien aufgefallen sind, die ich als 11-Jähriger bei ihm in Berlin gemacht habe, hat er mir die Aufnahmeprüfungsunterlagen einer Kameraschule geschickt. Ich hab das dann ausprobiert und bin dort gelandet. Vorher, um Filmberufspraxis nachzuweisen, habe ich im Kamerateam von Christian Berger sowie beim Bayrischen Rundfunk als Praktikant gearbeitet.
20er: Wann waren Sie da in Berlin? Dort muss ja eine sehr produktive Stimmung geherrscht haben? Daniel Pöhacker: Das erste Mal eben 1977, da war ich elf und bin den ganzen Tag mit der superteuren Fotoausrüstung des besagten Freunds, Ernst, unterwegs gewesen, um mir Berlin gleichsam durch die Linse anzusehen. Auf der Bambusbrücke über dem Krokodilsgarten im Berliner Aquarium hab ich einen Pfennig über meine Schulter zu den Alligatoren hinuntergeworfen. Ernst sagte, das heißt, dass du wieder zurückkommen wirst. Und zehn Jahre später war es dann so weit, von 1987 bis 1991 absolvierte ich dort meine Kameraausbildung. Und ab 1989 war einer der Hauptdrehorte, an dem wir viele Übungs- und Kurzspielfilme gedreht hatten, auf einmal durchlässig: die Mauer. Die Stadt war ohnehin interessant, aber zu dieser Zeit war es natürlich doppelt spannend; auch zu sehen, wie Unterschiede da aufeinanderprallten. Was für uns Studenten besonders toll war: Wir konnten mit dem Studentenausweis in fast allen Berliner Kinos gratis Kinogehen. Ich war etwa 300 Mal pro Jahr im Kino, und wir haben alles, was wir gelernt hatten, sofort im Kino gesucht und überprüft und danach nächtelang diskutiert.
20er: Wie kam es, dass Sie nach Ihrer Ausbildung nach Österreich zurückkehrten? Wo es doch in Deutschland viel mehr Möglichkeiten gibt, beim Film zu arbeiten? Daniel Pöhacker: Na ja, viele meiner Berliner Studienkollegen jammern momentan über die Situation in Deutschland und behaupten, in Österreich sei es leichter, weil es weniger Leute beim Film gibt. Durch die steigende Anzahl der Filmschulen drängen etwa 100 neue Kameraleute jährlich auf den deutschen Markt, und für die gibt es kaum Arbeit. Abgesehen davon, hatte ich auch den Kontakt zu Christian Berger in Österreich, der mich immer wieder in sein Team geholt hat. Über ihn und über Leute aus seinem Team, die meist in Wien arbeiteten und mich dann in andere Produktionen holten, bin ich zu anderen Regisseuren und Teams gekommen. So etwa zu Eliska Stibrova, einer tschechischen Grande Dame des Spielfilmschnitts, die ich sehr schätze, von der ich viel gelernt habe und mit der mich immer noch eine wichtige und liebe Freundschaft verbindet.
20er: Sie sind Kameramann und Cutter. Wie fiel die Entscheidung, auch als Regisseur zu arbeiten? Daniel Pöhacker: Weil ich immer mit Bildern erzählen wollte, hatte ich die fälschliche Annahme, dass eine Kameraausbildung das Richtige ist, weil ja die Kamera die Bilder macht. Dass dieser Beruf aber vor allem ein technischer ist, war mir anfangs nicht so klar und hat mich später bereuen lassen, dass ich nicht sofort eine Regieausbildung gemacht habe. Allerdings haben mir diese Grundlagen in Kamera und Schnitt schon auch viel gebracht und durch die Zusammenarbeit mit den verschiedensten RegisseurInnen konnte ich auch im Regiefach Unterschiedlichstes dazulernen. Und mit ihnen hätte ich ja sonst nicht gearbeitet, wenn ich von Anfang an Regie gemacht hätte. Der Wunsch, auch Regie zu machen, war also schon von Anfang an da, wenn auch der Mut dazu noch nicht. Der Auslöser für diesen Schritt war aber eindeutig die sich öfter wiederholende Situation, der man als Cutter, oder vielfach sind es ja Cutterinnen, ausgesetzt ist: Dass man Ideen und Lösungen findet und im Schnitt umsetzt, die dann ganz wesentlich für die ganze Geschichte, den ganzen Film sind – und für die sich Regisseure dann feiern lassen. Es war also ein logischer Schritt, denn wenn der Anteil an der Gesamtgestaltung und der Dramaturgie eines Films bei einem Cutter immer mehr wächst, kommt der Wunsch, für die eigenen Verbrechen wie auch Geniestreiche selbst gerade zu stehen.
20er: Als Regisseur drehen Sie Dokumentarfilme. Was macht für Sie den Reiz des nicht-fiktionalen Kinos aus? Daniel Pöhacker: Diese Neigung zum Dokumentarischen hat sich immer mehr ergeben. Zuerst zu Spielfilmen, die gar nicht mehr so sehr auf die formale Perfektion des Films abzielen, weil durch den Hochglanz der Abstand zur Realität, oder sagen wir besser zur Glaubwürdigkeit, immer größer wird. Und so wuchs die Lust, mit einer in der Realität gefundenen Authentizität größtmögliche Glaubwürdigkeit beim Zuschauer zu erzielen. Mit realen Personen und Situationen ist das für mich oft spannender und berührender als in der Fiktion.
20er: Machen Sie aus Überzeugung ein „kleines Kino“, also eines, in dem man seine Arbeit mit geringen Mitteln selbst organisiert, produziert und ausführt – oder aus Not? Daniel Pöhacker: Ich möchte nahe bei den Menschen bleiben, die in meinen Filmen vorkommen, und nahe auch an mir selbst dran. Es ist sicher leichter, mit dem „kleinen Kino“ am Authentischen zu bleiben. Die Gefahr, sich in Größen, denen man sich zu schnell übergibt, zu verlieren, ist enorm. Es ist ja gerade die Herausforderung, mit den finanziellen, handwerklichen, künstlerischen oder technischen Mitteln, die vorhanden sind, so kreativ umzugehen, dass die bestmögliche Qualität herausschaut. Dennoch möchte ich natürlich schon auch einmal mit einem größeren, dem Projekt angemessenen Budget entspannt arbeiten können – aber eben erst dann, wenn es für mich auch stimmig ist. Bei mir haben die kleineren Produktionen also nichts mit Not zu tun, sondern mit Überzeugung.
20er: Wie entsteht bei Ihnen ein Film? Wie verdichtet sich ein Einfall zu einem Konzept? Ist da vorher eine formale Idee oder ein Thema? Daniel Pöhacker: Die Filme entstehen sehr unterschiedlich. Aber meistens ist das Thema vor der Form da und bedingt dann die Form. Aber es gibt ja die verschiedensten Gründe für die Form. Bei Ich & Welt waren neben dem Inhalt auch die technischen Vorgaben ein Grund für die formale Entscheidung, eine Dreifachprojektion herzustellen – und außerdem noch die Lust auf kreative Formgestaltung und darauf, etwas Neues auszuprobieren.
20er: Sie arbeiten sehr genau, sehr durchdacht. Entsteht aus Genauigkeit Schönheit – oder Authentizität? Daniel Pöhacker: In einem meiner Filme sagt der Hauptdarsteller Drugo einmal: „Genauigkeit ist nicht Wahrheit. Wenn etwas ganz genau gearbeitet ist, heißt das noch lange nicht, dass es schön ist, hingegen ein windschiefer Boden, der schon einige Jahrhunderte und Erdbeben hinter sich hat ...“ Das heißt, es kommt darauf an, wo einem die Genauigkeit wichtig ist. Manchmal möchte man vielleicht, dass es rotzig oder angeschlagen daherkommt und gar nicht sauber, so wenig perfekt, wie wir alle selbst sind. Und genau das kann es sein, was einen berührt und was man gerade dann als schön empfindet. Und oft eben auch als authentisch. Mir ist es meistens recht, wenn etwas primitiv ausschaut und sehr unprätentiös oder glanzlos wirkt, dafür aber die Genauigkeit dort ansetzt, wo es um das Einfangen und Vermitteln von Authentischem geht.
20er: Michael Haneke hat gesagt, sein größtes Ziel wäre, Empathie zu provozieren. Nun ist das Einfühlen in die Protagonisten in Ihren Filmen sehr spürbar. Ist diese Empathie auch für Sie ein Ziel? Daniel Pöhacker: Ich glaube, ein wesentlicher Teil ist das eigene Interesse und die Neugier an der Welt, an den Menschen, den Wesen, den Dingen. Ich beobachte und staune viel und egal mit welchen Themen ich konfrontiert werde, oder in wessen Leben ich Einblick bekomme, beinahe alles eröffnet mir eine Faszination. Das heißt, es geht hier ums Eingemachte, nicht um Oberflächen oder etwas, was bloß vordergründig beeindruckt. Und es geht sehr viel um Respekt, sogar um etwas Liebevolles. Über vordergründig Dargestelltes hinauszublicken und Authentisches freizulegen, ist ohne Respekt und Empathie gar nicht möglich. Das betrifft die Protagonisten bei den Dreharbeiten in großem Maße, aber ebenso das Publikum, das genauso Respekt verdient und das Vertrauen, dass es selbstständig spüren und wahrnehmen kann und eben nicht bevormundet werden muss, indem man alles bis ins letzte Detail erklärt. Als würde man es für nicht selbstständig oder intelligent genug halten. Es ist ein unglaubliches Gefühl, im Kino zu sitzen und zu merken, wie der Funke auf die Betrachter überspringt. Das ist ein Geschenk.
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