20er
Kultur

Der ÖSV - Ratlosigkeit in roten Jacken

Foto: Erich Spiess ÖSV


Als Toni Sailer bei den Olympischen Winterspielen 1956 drei Goldmedaillen heimfuhr, jubelte eine ganze Nation. Heute sucht der ÖSV eifrig nach einer Neudefinition des Skisports – hat er seine identitätsstiftende Rolle verloren? Eine Analyse über den Mainstream-Sport, dessen Stern im Sinken ist. MANUEL FASSER







Hans Pum schüttelt neuerdings im Zielsack jeden Rennens jedem die Hand, drückt dabei kräftig zu, lächelt vom einen bis zum anderen Ohr und versucht, mit seiner Gestik eine Botschaft in die Welt zu tragen: „Ich bin’s, der Hans, ich bin einer von euch!“ Was daran ungewöhnlich ist? Hans Pum, 55, ist Sportdirektor des Österreichischen Skiverbands, dem Synonym für Erfolg, für Macht, für elitäre Abgrenzung zwischen denen da unten und uns hier oben. So mancher drittklassiger Rennläufer beklebt sein Auto mit „Ski Austria“ und fährt mit stolzgeschwellter Brust vor einer Landdisco vor. Man will dazugehören – zu denen da oben. Zum ÖSV.


Mit seinem Händeschütteln versucht Pum ganz offensichtlich, dem Skiverband Anstoß zu einem Imagewandel zu geben. Hin zu einem Freund, einem Partner, der auf Augenhöhe grüßt, der sympathisch ist – und nicht von oben herab Audienzen gewährt. Der ÖSV, das ist für viele ein Synonym einer Erfolgsmaschinerie, für eine abgekapselte Welt von Auserwählten mit Präsidenten Peter Schröcksnadel an der Spitze. Der Österreichische Skiverband, kurz ÖSV, das war bis zu Beginn des Jahrtausends eine Festung des sportlichen Erfolgs. Die Läufer gewannen Rennen, die Skifirmen verkauften ihre Bretter und es schien, als sei dieses Erfolgsrad eine Maschinerie, die sich bis zum St.-Nimmerleins-Tag selbst reproduziert. Der Sport sonnte sich in seinen Erfolgen – und bemerkte dabei ganz offensichtlich nicht, dass sich die Welt rundherum veränderte. Der Sport an sich erlebte, beginnend mit den 1980er-Jahren, eine nie da gewesene Ausdifferenzierung: Skifahren verlor zusehends sein Monopol am alpenländischen Winterhorizont. Das mittlerweile wieder selbst niedergegangene Snowboard ist Ausdruck dieser Nischenrevolution.


Noch tiefgreifender veränderten neue Urlaubsgewohnheiten der Menschen die Szene: Fernreisen wurden von Jahr zu Jahr billiger; mehr und mehr Urlauber tauschten Apres-Ski gegen Strandbar, Ski gegen Surfbrett, Kälte gegen Wärme. Das Resultat der Entwicklung: Der weltweite Skiverkauf brach 2006 von rund acht Millionen Paar Ende der 1970er auf unter vier Millionen Paar ein und erholte sich seither kaum. Einerseits lässt sich dies durch den Katastrophenwinter 2006/07 erklären; andererseits schleuderten die Produzenten infolge der Absatzschwäche ihre Bretter aus den Fabriken, um die Auslastung einigermaßen konstant zu halten, was bei gleichzeitig weiter sinkender Nachfrage zu einem Preisverfall und zu sich füllenden Lagern führte. Für den heurigen Winter rechnen die Skiproduzenten mit abverkauften Lagern und in Folge einem leichten Plus des Umsatzes – Goldgräberzeiten sind jedoch nicht in Aussicht. „Ich glaube, dass keiner Gewinne schreibt“, sagte der Branchensprecher der österreichischen Skiindustrie und Atomic-Chef Wolfgang Mayrhofer der Austria Presseagentur im Februar des Vorjahres. Für heuer hofft er auf eine schwarze Null. Erleben wir derzeit einen nachhaltigen Niedergang des Skisports? Oder war Skifahren stets immer nur innerhalb des Alpenbogens eine ernsthafte Größe?


Es muss wohl getrennt werden zwischen Skisport als Breitensport und dem Rennsport. Blickt man in die Breite, fällt auf: Im vergangenen Jahrzehnt war eine sich beschleunigende Fokussierung auf Großskigebiete zu beobachten. Während Destinationen wie St. Anton, Ischgl und Sölden ihr Publikum ausbauen oder zumindest halten konnten, brach in Kleinskigebieten der Umsatz ein. Die Ursache: Wer sich doch den Reizen der Karibik entzog und sich auf in die Berge machte, suchte Gebiete, die etwas boten. Und dieses Etwas sind beheizte Sessellifte, mehr als 150 Pistenkilometer und die abendliche Urlaubsinszenierung. Ischgl lebte als einer der ersten Orte diese Eventkultur vor – und treibt sie weiter auf die Spitze. Dorflifte sperrten nach und nach zu; einige überlebten dank Subventionszahlungen aus den Kassen von Tourismusverbänden und Gemeinden.


Ein Blick auf die zweite Kategorie, den Rennsport, wirft weitere Fragen auf: Passt der Skiweltcup in seiner jetzigen Form noch in die Zeit? Wird er immer noch als identitätsstiftend wahrgenommen wie zu Zeiten von Toni Sailer, der 1956 in Cortina d’Ampezzo mit drei Goldmedaillen heimkehrte und der geschundenen Nation neues Selbstvertrauen schenkte? Oder wird der Skiweltcup aufgrund einer Trägheit konsumiert? Man schaut Skirennen sozusagen, weil man immer Skirennen geschaut hat. Alpiner Skiweltcup im Jahr 2010, das bedeutet Suche nach Neudefinition und Diskussionen, wie es sie in Ausdauersportarten nicht gibt. Ein Beispiel: Diesen Winter dominierte die Gewichtsdebatte bei den Damen über Wochen die mediale Berichterstattung. Anfänglicher Grund: Nachdem die US-Amerikanerin Lindsey Vonn die Konkurrenz in Grund und Boden fuhr, attestierten die unterlegenen Österreicherinnen ihrer Konkurrentin Übergewicht. Herbert Mandl, Cheftrainer des Damenteams, erinnerte an die Weltmeisterschafts-Abfahrt von St. Moritz aus dem Jahr 2003, „wo kaum eine am Stockerl unter 90 Kilogramm wog“. Vonns Vorteil seien ihre rund 80 Kilogramm, verteilt auf 176 Zentimeter, die ihr auf Gleitabfahrten den nötigen Antrieb bescherten. Zudem sei sie nur ihres Gewichtes wegen in der Lage, Männerski zu fahren. Nach Protesten von Vonn ruderten die unterlegenen Österreicherinnen zurück: Alles ein angebliches Missverständnis, alles sei nie so gemeint gewesen. Vonn selbst erklärte, sie sei nicht übergewichtig; und die Austria Presseagentur sprach gar von „den zarten Österreicherinnen“. Fragt man Sportmediziner Kurt Moosbrugger, zeichnet er ein anderes Bild: „Zierlich ist keine Einzige im Skiweltcup.“ Bei den meisten attestiert er Übergewicht; einige, etwa die schwedische Weltmeisterin Anja Pärson, bezeichnet er als adipös. Moosbrugger: „Man kann zweifelsohne von Fettsucht sprechen.“


Der Weltcupwinter kennt Höhepunkte, die seit Jahrzehnten funktionieren. Einer davon ist das Hahnenkamm-Rennwochenende von Kitzbühel, das heuer seine 70. Austragung feierte. Kitzbühel funktioniert, weil Kitzbühel einzigartig ist. Der Berg gibt die Strecke vor; jedes Schulkind kennt Abschnitte wie Mausefalle, Seidlalm-Sprung oder Hausbergkante; das Drumherum sorgt für Flair, wie es eben nur Kitzbühel kennt. Kitzbühel ist das weltweit einzige Skirennen, das selbst in den Hauptnachrichten des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNN Erwähnung findet. Nur vereinzelt konnten neue Rennen Kultstatus erreichen. Eines der wenigen Beispiele ist der Nachtslalom von Schladming. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel glaubt einen der Gründe im schleichenden Niedergang des Sports in den – so interpretiert er sie zumindest – starren Regeln des Internationalen Skiverbands, der FIS, die sich als Hüterin des klassischen Skisports versteht. Schröcksnadel, der quirlige Innsbrucker, im Schweizer Boulevardblatt BLICK als „Ober-Ösi“ verschrien, rief Ende 2009 zum Großen Gegensteuern auf. Wenige Monate zuvor hatte Schröcksnadel maßgeblich den Europäischen Skiverband initiiert und die erste Hallen-Europameisterschaft ausgeschrieben. In der Halle von Amneville, in einem ehemaligen Kohleabbaugebiet im deutsch-französischen Grenzgebiet, wollte Schröcksnadel dem Sport ein neues Gesicht geben: Mann gegen Mann, wenn auch zeitlich hintereinander, auf einem kurzen Slalomkurs im K.O.-System gegeneinander antreten.


Ob dies die Zukunft des alpinen Skisports sei, wollten Journalisten nach Ende des Rennens von Schröcksnadel wissen? Der Präsident sprach von einem Erfolg. Wie es weitergehe, werde die Zukunft weisen.


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