20er
Kultur

Des Pudels Kern - Auf der Suche nach Design

Foto: Dave Bullock


Die drei jungen Tiroler Designer von „Pudelskern“ geben sich nicht mit Provinzgeplänkel zufrieden. Sie mischen die Szene international auf. Trotzdem schwärmen sie vom Tiroler Handwerk und den Ressourcen, die in kleinen, regionalen Betrieben schlummern. Und sie setzen sich auch für eine stärkere Positionierung der Tiroler Designszene ein. Eine „Space Agency“ auf der Suche nach neuen Lebensformen. NICOLA WEBER





Nina Mair, Horst Philipp und Georg Öhler vom Kreativbüro „Pudelskern“ kommen gerade vom Pressetermin auf der Innsbrucker Herbstmesse zurück in ihr Atelier. Eine kleine Innsbrucker Lichttechnikfirma stellt dort zwei ihrer Entwürfe aus, die gerade in die Serienproduktion gehen: Die wirr gewickelte Schafwolllampe „Woozily“ sowie geheimnisvolle Mor-sebotschaften aus Schafwollsträngen. Die Entwürfe geistern auch schon durch die internationale Presse. Nicht dass sich die massenhaft auf der Herbstmesse aufgehalten hätte – begonnen hat ja alles schon vor zwei Jahren, im Vorfeld der Mailänder Möbelmesse. Damals bewarben sich die drei Raumdesigner, unbekümmert und optimistisch, wie es ihre Art ist, für die Aufnahme in den Jungdesignerpavillon, dem „Salone Satellite“ – einem Forum für Nachwuchsdesigner, bei dem sich alljährlich zukunftsträchtige Jungdesigner präsentieren können. Prompt wurde „Pudelskern“ aufgenommen. Ein echter Sprung ins kalte Wasser, beziehungsweise aufs internationale Parkett. Mailand, das Mekka der Möbeldesigner, lockt jährlich immerhin 250.000 Besucher an.


Damals war das Kreativbüro „Pudelskern“ gerade erst geboren. Zwei Architekten, die während des Studiums erkannten, dass sie perfekt zusammenarbeiten können, und ein gelernter Tischler, dessen experimentelle Herangehensweise gut dazu passte, wollten ihre Qualitäten bündeln und „Wege beschreiten, die nie zuvor von Menschen beschritten worden sind“, wie ihre Homepage anpreist. In knappen drei Monaten entstanden in Zusammenarbeit mit einer Firma für Kunststoffkomponenten die Entwürfe und Prototypen für einen frei geformten Heizkörper und ein Sitzobjekt aus einem speziellen Kunststofflaminat. „Wir haben diesen besonderen Werkstoff entdeckt und damit experimentiert“, erklären die drei Tiroler Jungdesigner ihre Herangehensweise, die sich in Zukunft als ganz die ihre herauskristallisieren wird. Die Heizkörper aus Kunststoff wollen sie auf alle Fälle noch weiterentwickeln: Warum etwa nicht einen als wohlig warme Sitzbank formen? Oder die Lichtdurchlässigkeit des Materials nutzen und den Heizkörper zum Leuchtobjekt machen?


Nach diesem erfolgreichen Schnellschuss wollten die drei von „Pudelskern“ für Mailand 2009 dann ein umfassendes Designkonzept präsentieren, wollten eine schlüssige Story erzählen. Da kam ihnen der Designauftrag der „Ötztaler Manufaktur Regensburger“, die aus der Wolle des Tiroler Bergschafs Teppiche herstellt, gerade recht. „Als wir dort hingekommen sind, haben wir sofort gespürt, was für ein Potenzial im Material Schafwolle schlummert. Wir wollten herausfinden, was man außer Teppichen noch alles damit machen kann“, beschreibt Nina Mair den Ausgangspunkt. Diese Erklärung kommt der eigenen Interpretation des, frei nach Goethes „Faust“ gewählten, Gruppennamens schon recht nahe: Das wahre Wesen eines Werkstoffs oder einer Form aufspüren. Eben des Pudels Kern finden. Und der muss ja nicht gleich der Teufel sein.


Firmenchef Regensburger ließ die drei im Zuge der Zusammenarbeit an seinem umfassenden Wissen teilhaben, das von der Schafzucht bis hin zur einzelnen Wollfaser reicht. Er wusste zu erzählen, dass Schafwolle in Tirol sehr stiefmütterlich behandelt wird, zum Teil als Abfallprodukt gilt, für die Bauern kaum verwertbar und somit schlecht bezahlt ist. Mit dem Rückgang der Schafzucht droht außerdem vielen hochalpinen Weideflächen die Verwaldung. „Pudelskern“ nahm sich vor, diese Kausalkette vom Endprodukt her zu beeinflussen. „Gut vermarktete Designprodukte aus Schafwolle können das Material ins Designsegment hinaufheben und ihm ein ganz neues Image verleihen. Dadurch kann der Erste in der Wertschöpfungskette, der Schafbauer, wieder einen höheren Preis für sein Produkt erzielen“, erklärt Horst Philipp die Strategie. Entstanden sind aus den dicken, festen Wollsträngen schließlich mehrere Prototypen für Lampen, wirr gewickelt und mit überdimensionalen Häkelnadeln bearbeitet. Oder als Morsebotschaften auf Stahloberflächen gestickt, die nun am besten Wege sind, unter der Bezeichnung „grown furniture“ das Konzept auch aufgehen zu lassen. Der Aussteller und Exklusivproduzent, der mit den Designern die Weiterentwicklung zur Serienreife gemacht hat, zeigt sich jedenfalls optimistisch: „Innovationen muss man erkennen. Die Gruppe hat einen Background und lebt ihre Konzepte.“ Außerdem habe das Material es ihm angetan: „Diese digitale Geschichte, das ist den Leuten heute schon zu viel. Mit einem Naturprodukt gehen wir wieder ein Stück weit zu den Wurzeln zurück.“ Und „Pudelskern“ ergänzt: „Uns war wichtig, mit einem regionalen Werkstoff zu arbeiten und regional produzieren zu lassen. Wir haben hier in der Umgebung hochqualitative Handwerksbetriebe, die aber bei der Gestaltung oft nicht das volle Potential ausschöpfen.“


Das volle Potenzial jedes einzelnen ihrer drei Raumdesigner konnte „Pudelskern“ bei einem Projekt in größerem Maßstab nutzen, das im Frühsommer in Linz fertig gestellt wurde. Für die Homosexuelleninitiative (HOSI) in Linz übernahmen die drei Designer das Innenraumdesign der neu gebauten Vereinsräumlichkeiten und wollten damit die interdisziplinäre Qualität ihrer Truppe beweisen. „Dieses Zusammenspiel ist bei uns das Schöne. Wir haben den theoretischen Background aus dem Architekturstudium und das Entwerferische aus der Perspektive des Raums sowie aus der des Möbeldesigns, mit dem handwerklichen Fachwissen, das nötig ist. Das ermöglicht stimmige Lösungen“, zeigt sich das Trio überzeugt. Design, abgestimmt auf die Bedürfnisse des Nutzers, bedeutet im Fall der HOSI etwa ein langgezogenes, knallpinkes Sofa als dominierendes Möbelstück im Café zu platzieren, auf beiden Seiten Rücken an Rücken besitzbar und mit so schmaler Lehne, dass sich Frisuren oder Hinterköpfe zwangsläufig berühren, was Anlass zur Kontaktaufnahme bietet. Auch die speziell entworfene Tapete spielt augenzwinkernd mit dem Thema. Auf den ersten Blick ein konservatives Blumenmuster, offenbart sie bei näherem Hinsehen Stellen, die wie aufgerissen, weggezupft aussehen und geheime Kritzelbotschaften zum Vorschein bringen. Eine durchaus gewollte Einladung zum individuellen Weiterkritzeln.


Dass „Pudelskern“ in den nur zweieinhalb Jahren ihres Bestehens ein beträchtliches Ausmaß an öffentlichem Interesse erregt hat, scheint ganz mühelos funktioniert zu haben. Doch da widerprechen die drei Jungdesigner. Locker sei da gar nichts gegangen, sie hätten sich bewusst Gedanken über das Marketing gemacht, hätten eine Strategie und betrieben aktiv Pressarbeit. In der Öffentlichkeit zu stehen bedeute übrigens, sich ihr nicht nur zu präsentieren, sondern auch auszusetzen – was nicht immer nur lustig sei. Als Einzelkämpfer im nicht gar so designvertrauten Tirol könne es umso schwieriger sein, das hätten die drei von „Pudelskern“ auch bald gemerkt und deshalb vor Kurzem den Verein „Design in Tirol“ gegründet. Der soll in Zukunft für eine stärkere Positionierung der Tiroler Designszene sorgen und Bewusstseinsbildung bei der Industrie betreiben. Daneben bereiten sich Nina Mair, Horst Philipp und Georg Öhler schon auf den „Salone Satellite 2010“ vor. Drei Jahre hintereinander dürfen Jungdesigner dort ausstellen, wenn sie die Aufnahme geschafft haben. So viel sei verraten: „Es wird wieder eine Kooperation mit einer Tiroler Firma werden, aber mit einem ganz anderen Material.“


Übrigens: Samstagnachts, nach einer Achtzig-Stunden-Woche, noch über einem Entwurf brütend, wie so mancher aus der Kreativbranche, wird man die drei von „Pudelskern“ nicht auffinden. „Wir haben ein sehr konservatives Arbeitszeitkonzept“, lächelt Horst Philipp, „wir arbeiten Nine-To-Five sozusagen. Denn Abschalten ist oft viel förderlicher für die Kreativität. Außerdem zwingt es uns zu Effizienz und verhindert, dass wir nach drei Jahren völlig ausgebrannt sind.“ 


www.pudelskern.at    www.designintirol.at


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