Wenn das heiße Metall in Form gegossen wird, bestimmt eine sengende Hitze den Raum. Mit einem Metallhaken wird eine kleine Luke im Gussofen geöffnet, ein helles Licht bahnt sich den Weg in die dämmrige Werkstatt. Das Handwerk des Metallgießers hat etwas Archaisches und ist zugleich Präzisionsarbeit. In der Telfer Kunstgießerei Krismer wird aus Metall Kunst. VERENA KONRAD
Das Gießereihandwerk gehört zu den ältesten Handwerksberufen unserer Geschichte. Seit über 6.000 Jahren werden Alltags- und Kunstgegenstände in Metall gegossen und geben uns so bis heute Aufschluss über das Leben und die Kultur unserer Vorfahren. Trotz dieser langen Tradition ist das Gießereihandwerk bestimmt von immer neuen Problemstellungen, die sich gerade im Kunstguss dadurch ergeben, dass es sich vorwiegend um Unikate oder geringe Auflagen handelt. Die Telfer Kunstgießerei Krismer ist bekannt für ihre Experimentierfreudigkeit. „Nur so können wir Künstlerinnen und Künstler in ihrer Arbeit unterstützen. Es geht immer darum, Lösungen für konkrete Aufgabenstellungen zu entwickeln“, erzählt Wolfgang Krismer, der den Betrieb 1994 zusammen mit seinem Bruder Roland Krismer übernommen hat.
Etwas versteckt in einem Wohngebiet unweit der Autobahnabfahrt im Zentrum von Telfs liegt die Kunstgießerei der beiden Brüder. Wer die Werkshalle der Metall- und Kunstgießerei betreten will, dem schlägt schon einige Meter zuvor ein metallener Geruch entgegen. Wände und Fenster im Inneren der zentralen Betriebshalle, an die ein Wohnhaus angebaut ist, sind mit einer gräulichen Patina überzogen. Wolfgang Krismer durchschreitet mit prüfendem Blick den Raum. Zwei Hälften einer überdimensionierten Kaffeebohne aus Metall liegen am Boden und warten auf ihre Fertigstellung. „Die ist für Hamburg“, meint der Gussexperte im Vorbeigehen, um in einem Nebenraum einen ganzen Fundus an alten Abgussformen zu präsentieren, die er auch nach der Fertigstellung eines Gusses aufbewahrt. Er nennt Namen wie Bruno Gironcoli, Gero Schwanberg, Erwin Wurm und es wird klar: Hier geht die Creme de la Creme der österreichischen Kunstlandschaft ein und aus.
„Wir machen hier die unterschiedlichsten Dinge“, erzählt Wolfgang Krismer. „Das Unternehmen geht auf unseren Vater Kunibert Krismer zurück, der bei den Tiroler Röhrenwerken den Beruf „Former und Gießer" erlernte und sich 1959 selbständig machte. Angefangen haben wir mit Maschinenteilen und uns nachfragebedingt von der Metallgießerei immer mehr Richtung Kunstgießerei entwickelt.“ Das künstlerische Auge dafür haben beide Brüder, die sich die Arbeit im Betrieb gut aufgeteilt haben. „Mein Bruder Roland ist gelernter Gold- und Silberschmied und übernimmt Aufgaben wie das Ziselieren und Patinieren. Ich bin für den Guss zuständig.“ Die Kunstgießerei ist Anlaufstelle für unterschiedlichste Aufträge. Traditionelle Figurengruppen, Reliefs und überlebensgroße Pferdeskulpturen werden hier ebenso gefertigt wie avantgardistische Formen und künstlerische Experimente. „Zu uns kommen sowohl sehr bekannte als auch junge oder unbekannte Künstler/innen. Wir bemühen uns in jedem Fall um ein gutes und solides Handwerk, das den Ansprüchen und Erwartungen unserer Kunden gerecht werden soll.“ Als Ausgangspunkt für den Metallguss dient ein bildhauerisches Modell. „Dieses wird je nach gewünschter Oberflächenstruktur zumeist aus Holz, Gips, Wachs, Ton oder einem anderen Material gefertigt und uns zur Bearbeitung überlassen.“ Dieses Modell ist Grundlage für den Guss, indem zunächst eine Negativform erarbeitet wird, die schließlich für den eigentlichen Arbeitsschritt, das Gießen verwendet wird.
Unterdessen sucht ein Mitarbeiter der Kunstgießerei kleinere Metallstäbe aus einem Restefundus zusammen und legt diese auf eine auf dem Boden liegende Gipsplastik in Pferdeform auf, nimmt sie wieder ab, sucht neue, passendere Stäbe. Pyramidenartig aufgeschaufelte Haufen von Quarzsand und Tonerde türmen sich entlang der Wände. „Hier arbeiten wir mit dem sogenannten Sandguss“, moderiert Wolfgang Krismer die einzelnen Arbeitsschritte. Teile der Plastik sind bereits mit einem einige Zentimeter dicken Sandgemisch bedeckt. „Die Stäbe sind zur Stabilisierung da. Ist der Sand getrocknet, wird die Masse vorsichtig abgenommen und dient als Negativform für den Guss.“ Der Sandguss gehört zu den am meisten verbreiteten Techniken im Gusshandwerk. „Er eignet sich vor allem für kleinere Serien und ist im Vergleich preiswert“, erklärt Krismer. „Unsere Spezialität ist allerdings das Wachsausschmelzverfahren – eine sehr aufwendige und qualitativ hochwertige Methode, die wir uns in den vergangenen Jahren angeeignet haben und die uns viele Aufträge bringt.“ Das Wachsausschmelzverfahren erfordert die Abfolge etlicher Arbeitsschritte. Zunächst wird das abzuformende Objekt mit einer dicken Silikonschicht ummantelt, welche nach einer Trocknungszeit eingegipst und dadurch stabilisiert wird. Nach abermaligem Trocknen wird das Modell ausgeformt indem die Gipssilikonform vorsichtig geöffnet, abgezogen und schließlich wieder als Negativform zusammengesetzt wird.
Eine Mitarbeiterin ist derweil bereits mit dem Ausgießen der Silikonform beschäftigt. Vorsichtig füllt sie das heiße Wachs zuerst mit einem Schöpflöffel in die Form und lässt den letzten Rest schließlich direkt aus dem Topf tropfen. Nach dem Erkalten des Wachses wird sie die Form vorsichtig aufschneiden und langsam abziehen. „Dabei ist es wichtig äußerst sorgfältig zu arbeiten. Ziel ist die Gewinnung einer absolut identen Form des bildhauerischen Originals“, erzählt sie. Diesem Wachsabbild wird nun eine Trichterform mit aus Wachs geformten Stäben, sogenannten Eingusskanälen, angefügt. „Durch diese Kanäle wird später das flüssige Metall laufen und gleichzeitig kann hier Luft entweichen,“ erklärt Krismer.
Der nächste Arbeitsschritt ist der Überzug der Wachsform mit einer speziellen Keramik- bzw. Schamottmasse, die das Wachsobjekt nun anstelle des Silikons ummanteln wird. „Wir nennen diese Form dann Grünform.“ Wolfgang Krismer kontrolliert in einem separaten Raum das Keramikgemisch, das in großen Behältern gerührt wird. Ein säuerlicher Geruch liegt in der feuchten Luft. Sobald die Masse am Wachsobjekt getrocknet ist, beginnt das Ausschmelzen der Grünform. „Während des Brennvorganges wird das Wachs im Inneren der Form schmelzen. Was bleibt, ist ein genauer Hohlraum, eine Negativform, die wir schließlich mit Metall ausgießen können.“ Nach dem Erstarren des Metalls wird die Form zerschlagen werden und die ebenfalls mitgegossenen Eingusskanäle werden abgenommen. „Diesen Vorgang, das Ziselieren und das anschließende Patinieren, übernimmt schließlich mein Bruder.“ Beide Techniken haben eine lange Tradition. Das Ziselieren ist etwa ein Verfahren, das bereits in den frühen Hochkulturen eingesetzt wurde, um Schmuck aus Metall zu formen. „So wie das Patinieren ist auch das Ziselieren eine vom Zeitgeist abhängige Methode der Metallverarbeitung.“ Die Wünsche der Künstlerinnen und Künstler sind dabei auch heute sehr unterschiedlich. „Manchmal werden die Objekte auch bemalt oder lackiert. Dann entfällt das Patinieren natürlich.“
Wolfgang Krismer zeigt einige vorbereitete Objekte, darunter auch zahlreiche Experimente. „Wir probieren zwischendurch immer gern aus, was möglich ist, wo unsere Grenzen liegen.“ Er zeigt eine in Wachs getauchte Jeans und einen bereits mit Keramikmasse überzogenen BH. „Viele Ideen kommen mir im Austausch mit den Künstler/innen, die hier ihre Arbeiten produzieren lassen. Das Gespräch mit derart kreativen Menschen ist überhaupt einer der inspirierendsten Momente unserer Arbeit.“ Befragt nach den Highlights seines Berufslebens huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Und dann erzählt er von den Gironcoliskulpturen bei der Biennale Venedig 2003, einem Mozart für Tokyo und läuft einmal mehr um ein Modell. www.kunstgiesserei-krismer.at