20er
Kultur

Ritterspiele - Wo Kinderträume wahr werden

Foto: Gerhard Berger


Metall klirrt auf Metall. Ein Mensch ächzt, ein zweiter stöhnt. Trockene Äste krachen im Unterholz. Zwischen den Nadelbäumen flirrt in vereinzelten Sonnenstrahlen Staub. Plötzlich springen zwei seltsam gewandete Menschen aus dem Gebüsch: Sie kämpfen miteinander. Ein junger Mann mit langem Haar drischt mit einem Holzstab auf sein Gegenüber, eine rothaarige Frau mit zur Verteidigung erhobener Sense, ein. Im Eifer des Gefechts haben die beiden gar nicht bemerkt, dass sie beobachtet werden.
SYLVIA RIEDMANN



Ein kleines Stück hinter ihnen tauchen zwei Männer in Ritterrüstung auf. Sie wirbeln zwei Schwerter in der Hand und schlagen blitzschnell zu. Gleich links daneben, nah am Abgrund, ringen zwei weitere Burschen miteinander. Im Kampfgetümmel kann man Rufe und den einen oder anderen verständlichen Wortfetzen ausmachen: „Stirb, Graf Syrius von Rattenberg, du Bauernschlächter!“, ist da zu hören. Oder: „Jetzt kommt Anja, die Feurige!“ Spätestens da ist jedem harmlosen Spaziergänger klar: Man hat es mit Freaks zu tun, Mittelalter-Freaks. Menschen, die aus ihrer Leidenschaft zu längst vergangenen Zeiten keinen Hehl machen. Im Gegenteil: Sie kultivieren sie. Dass sie damit nicht immer auf Verständnis stoßen, erzählt Gerhard Buratti von der mittelalterlichen Schaukampftruppe „Dreschflegel“, die immer wieder im Wald zwischen Absam und Gnadenwald trainiert: „Es ist uns schon einige Male passiert, dass die Polizei vorbeigekommen ist. Aber meistens fahren die dann wieder.“ Marco Madl, einer seiner Kollegen bei den „Dreschflegeln“, ergänzt: „Ja, weil sie uns schon kennen.“

Es ist Mittwoch-Abend, Trainingszeit. Am Sportplatz in Absam ist es dunkel und kalt. Am Nachmittag hat es noch stark geregnet. Überall stehen Wasserlacken und Pfützen. Die Flutlichtanlage taucht den Kunstrasen in unnatürliches Licht. Am Rand, unter einem Überdach, versammelt sich die Gruppe. Insgesamt gehören an die 22 Mittelalterfans im Alter zwischen 17 und 42 Jahren zu den „Dreschflegeln“. Damit bei den Schaukämpfen, an denen sie vor allem in den Sommermonaten teilnehmen, nichts passiert, muss regelmäßig trainiert werden. Zweimal wöchentlich trifft man sich dafür. Einmal am Absamer Sportplatz (im Winter in der Turnhalle), ein andermal im Wald.
„Unsere Hochsaison ist von Mai bis Oktober, da sind wir eigentlich ständig unterwegs. Von einem Ritterturnier zum nächsten, auf zahllosen Mittelaltermärkten oder -lagern“, erklärt Buratti, der im „richtigen“ Leben als Qualitätsmanager einer Lichtfirma arbeitet. Sein organisatorisches Talent kann er auch bei den „Dreschflegeln“ unter Beweis stellen, die er vor zwei Jahren gemeinsam mit einigen weiteren begeisterten Mittelalterfans gegründet hat und deren unausgesprochener Manager er bis heute ist. Die „Dreschflegel“ verstehen sich nämlich auch als Showkampftruppe, die vom Faust- über den Stock- bis zum Schwertkampf samt Feuershow ein spektakuläres Programm anbietet. Für eine halbstündige Show mit rund zehn Involvierten muss man dann rund 350 Euro hinlegen – die genaue Summe hängt von den Wünschen der Auftraggeber ab. In den Sommermonaten tingeln die „Dreschflegel“ so von Termin zu Termin, von Event zu Event und verbringen ihre Wochenenden samt Urlaub eigentlich fast ausschließlich in irgendwelchen Mittelalterlagern. „Am Ende der Saison bin ich immer dermaßen fertig“, erzählt die 25-jährige Anja Sturzeis, „aber im Winter kann ich es gar nicht erwarten, bis es wieder losgeht.“ Für die Teilnahme als „Darsteller“ erhalten die „Dreschflegel“ von den Organisatoren der Mittelalterevents meist eine kleine Gage, die gerade mal für die Abdeckung der Fahrtkosten reicht. Dafür kann die „Dreschflegel“-Crew dort auch ganz für ihre Leidenschaft leben und zwar möglichst originalgetreu mittelalterlich. Das heißt, der bequeme Schlafsack, die Zigarette oder der iPod bleiben zuhause. Gemeinsam mit unzähligen Gleichgesinnten tauchen sie ein in die Welt des Mittelalters, die sie so lieben. Bekleidet, wie anno dazumal. Aber auch gebadet und gekocht wird wie ehedem. „Eigentlich wären wir ja definitiv nicht überlebensfähig“, lacht Anja Sturzeis, die sich beim Holzspalten vor kurzem eine ganze Fingerkuppe abgehackt hat. Aber Narben und Schrammen haben hier ohnehin den Wert von Medaillen.

Auch heute abend sind einige in mittelalterlicher Montur zum Training gekommen: Handgenähte Lederstiefel, die weich und sehr bequem aussehen, werden zu Lederhosen und halblangen Wamsen mit Schnüren und Bändern kombiniert. Eine der jungen Frauen trägt einen glockig schwingenden Rock, ein Oberteil mit Mieder und ein um das lange Haar gewundenes Kopftuch. Für den Schwertkampf legen die Kontrahenten Lederhandschuhe an, die mit überlappenden Stahlschuppen besetzt sind. Einer hat sich einen Dolch in schwarzer Scheide um den rechten Oberschenkel gebunden. Das richtige Equipment ist überhaupt sehr wichtig: „Jeder von uns hat zwei bis drei Waffen daheim, aber es gibt auch Fanatiker, die haben dann noch viel mehr, obwohl sie die ohnehin nicht brauchen können. Da liegen dann an die zehn Schwerter unter dem Bett und rosten vor sich hin“, erzählt Martin Lieb, eines der Gründungsmitglieder der „Dreschflegel“. Die Pflege der Stahlschwerter, aber auch der Rüstungen ist unabdingbar. Was im Mittelalter von Knappen ausgeführt wurde, müssen die wackeren Kämpfer heute jedoch selbst erledigen: Die schweren Stahlteile wollen nach jedem Kampf sorgfältig poliert werden. Die alteingesessenen Mittelalterfreaks belächeln vor allem jene Besucher der Turniere, die im internen Jargon als „Touristen“ bezeichnet werden, die sich mit Hilfe von Piratenhemd sowie Lederhosenimitat und Schwert aus Plastik in die Vergangenheit zurück versetzen wollen. Authentizität ist das Um und Auf in der Mittelalterszene.
Das Wissen darüber, wie sowohl Adel und Klerus als auch das gemeine Volk damals gelebt haben, holen sich die „Dreschflegel“ nicht von Historikern. In der zur Zeit boomenden Mittelalterszene gibt es eigene Magazine, die über das „richtige“ Leben im Mittelalter informieren. Sie tragen klingende Namen wie „Pax et gaudium“ oder „Karfunkel“ und sind auch bei einigen Zeitschriftenhändlern in Innsbruck zu haben, obwohl die Szene hierzulande im Vergleich zu jener Deutschlands geradezu verschwindend klein ist. Nützliche Informationen wie Kochrezepte, Tipps zur Waffenpflege oder historische Hintergründe kann man sich aber auch ganz problemlos im Internet holen. Die Szene diskutiert mit Vorliebe in den Foren „Amanitas Lagerfeuer“ oder „tempus vivit“.

Die wöchentlich zweimal stattfindenden Trainingseinheiten nutzen die „Dreschflegel“ sehr vielseitig: Hier trifft man sich mit Gleichgesinnten, scherzt, tauscht Neuigkeiten aus und fachsimpelt über mittelalterliche Waffen, Bekleidung und Alltagsbedarf. Daneben probieren selbst bei der nassen Herbstkälte einige Unentwegte neue Kniffe aus, stürzen sich in einen Kampf mit dem Gegenüber oder tüfteln an Choreographien für den nächsten Auftritt. Befragt, warum man das tut, lacht Martin Lieb: „Es ist einfach eine unglaubliche Leidenschaft, die Lust, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Und wer wollte nicht schon als kleiner Bub einmal ein großer Ritter sein?“ Ganz unbemerkt scheinen die Kämpfer, die nun mitten am Fußballfeld ihre Klingen kreuzen, miteinander ringen und aufeinander einschlagen, zu versinken. Den dampfenden Atem, das Flutlicht und den wenig romantischen Sportplatz haben sie längst vergessen.

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