20er
Kultur

Schichtwechsel beim Wirtn - Wenn die Nacht zum Tag wird

Foto: Dave Bullock


„Die Italiener, i kenn die Mannschaft relativ guat, die woarn anfoch die besten“, stellt Charlie mit ziemlichem Zungenschlag und wild gestikulierend fest. „Na, des stimmt ja goar net“, kontert Florian, der seine Augen nur mehr mit Mühe offen halten kann. Fußball ist auch um 6.30 Uhr morgens, nach einer durchzechten Nacht noch ein dankbares Thema, um sich auf den Beinen zu halten. Nur bei Christine, die zwischen den beiden am Tresen sitzt, oder vielmehr liegt, zeigt selbst dies keine Wirkung mehr. STEFFEN ARORA und JOHANNES WETZINGER





Kurz vor Sonnenaufgang liegt eine merkwürdige Ruhe über der Stadt. In diesem Zeitfenster, in dem Tag und Nacht aufeinander treffen, scheinen zwei Welten miteinander zu kollidieren. Die nur vereinzelt anzutreffenden Menschen auf der Straße gehen weitgehend unbemerkt ihrer Wege. Plätze zum gemeinsamen Verweilen sind um diese Tageszeit rar. Die wenigen geöffneten Lokale werden so zwangsläufig zu Schmelztiegeln für jene, die ihren Tag gerade erst begonnen und jene, die ihn noch nicht beendet haben. Dabei treffen die unterschiedlichsten Charaktere aufeinander. Innsbrucks Beislszene hält frühmorgens so manche Überraschung bereit.

„Mama, bring ma no a Bier“, ruft Charlie durch das kleine Lokal in der Amraserstraße. Muhterem Yigiter, Besitzerin und gute Seele des Café Platzl, von ihren Gästen liebevoll „Mama“ genannt, bringt ihm mit geduldigem Lächeln eine neue Flasche. Seit fünf Jahren sperrt sie täglich um sechs Uhr morgens das Lokal auf um „ihre Gäste“ zu bewirten. So auch an diesem Freitag. Meist seien es ohnehin die selben, denn trotz der frühen Stunde stehe sie selten alleine im Café. Doch es ist nicht immer einfach in diesem Job, wie Yigiter weiß. Selbst ihre Gäste pflichten ihr in diesem Punkt bei. „Du hasts auch nicht leicht mit uns Mama“, meint Charlie lachend, „des erste was du siehst, wennst aus dem Urlaub kommst, sind mir!“ Dennoch sei das einfach „ihre Zeit“ und sie arbeite gerne morgens. Die Nachmittagsschicht übernehmen dann ihr Sohn und ihr Mann. Das Platzl ist ein echter Familienbetrieb. Auch manche Gäste scheinen schon beinah zur Familie zu gehören.

Charlie etwa, der schon Stammgast bei den Vorbesitzern war, kommt, „seit die Mama da ist, noch öfter“. Der Dachdecker sieht im Platzl fast so etwas wie ein zweites Wohnzimmer, denn: „Biertrinken könnt i zu Haus auch, aber da schlaf i so schnell ein. Da red ja keiner mit mir.“ Auch Christine, die ihren Kopf mittlerweile wieder vom Tresen erhoben hat, ist regelmäßig hier. Meist aber nachmittags, doch heute Nacht sind sie „abgestürzt“. „Zuerst Testarossa, dann Mausefalle, aber da war zu“, versuchen sie ihren Weg zu rekonstruieren. Irgendwie seien sie dann doch wieder im Platzl gelandet, denn um die Uhrzeit habe sonst ohnehin kaum was offen. Florian, der dritte im Bunde, seufzt laut auf: „I muass ins Bett!“ Er hat für sich mit dem Abend abgeschlossen und bestellt einen Kaffee. Um etwas gegen seinen Jetlag zu tun. Denn Florian kam erst vor wenigen Stunden vom Wanderurlaub aus Sibirien zurück. Zum Beweis zückt er Rubelscheine aus dem Portemonnaie und reicht sie herum. „Ah, Bulgarien“, meint „Mama“ – „Nein, Russland“, schulmeistert Florian die Wirtin. Seine müden Augen strahlen plötzlich wieder, als er beginnt von einsamen Kolchosen und seinen Erlebnissen mit der sibirischen Mafia zu erzählen. Die übrigen Gäste an der kleinen Bar lauschen mehr oder weniger gespannt seinen Geschichten. Nur Christine scheint das kalt zu lassen und ihr Kopf sinkt wieder langsam auf den Tresen. Charlie sieht das gar nicht gerne und ruft laut auf: „Jetzt schlafsch du schon wieder! I hab die eh schon fünf mal aufgweckt.“

Ein paar Barhocker weiter sitzt ein anderer Stammgast. Nicht annähernd so gesprächig wie die Dreierrunde studiert er beim ersten Bier die Tageszeitungen. Nur als die Wirtin auf ihren eben zu Ende gegangenen Türkeiurlaub zu sprechen kommt, hebt er kurz den Kopf und fragt: „Du, ich bin auf der Suche nach einem günstigen Elektroherd. Was kostet so was in der Türkei?“ Die „Mama“ zuckt mit den Schultern. Er widmet sich wieder seinem Kleinformat und schweigt weiter vor sich hin. Im selben Moment betritt Ismail das Lokal und nimmt neben dem Zeitungsleser platz. Er betreibt seit 17 Jahren eine Änderungsschneiderei im Sillpark und kommt jeden Tag vor Dienstbeginn auf einen Kaffee ins Platzl. Nach einem kurzen Plausch mit der Chefin schnappt er die aktuelle Ausgabe der Hürriyet und zieht sich in ein ruhigeres Eck zurück. Inzwischen erfüllt sich auch die Szenerie auf der Straße mit geschäftigem Treiben. Verschlafene Gesichter versammeln sich an der Bushaltestelle und andere treten auf ihren Drahteseln den Radweg entlang. Wenige Zentimeter vor dem Eingang zur Gaststube passiert mit lautem Getöse ein Reinigungsfahrzeug den Gehsteig und kündigt einen neuen Arbeitstag an. Hinter dem orangen Ungetüm wartet auch schon Stefan um seinen Stammplatz im Gastgarten am Trottoire einzunehmen. Er sitzt gerne im Freien. So habe er alles im Blick. Außerdem führt er den Beinamen „der Gärtner“ da er sich stets liebevoll um die Blumendekoration am Vorplatz kümmert.

Auch vor den Viaduktbögen kehrt bereits hektische Betriebsamkeit ein. Während auf der Baustelle am Gelände des früheren Bürgerbräu bereits die Maschinen angeworfen werden, genießen andere noch ihren Feierabend. Einige Meter weiter im Café Rubin hat sich der Inhaber eines Nachtlokals eingefunden um nach Dienstschluss noch das eine oder andere Whiskey-Cola zu kippen. Das Geschäft scheint gut gelaufen zu sein, denn er versucht unablässig sämtliche Gäste im Lokal auf ein „Schnapserl“ einzuladen. Selbst Kellnerin Romana kann sich nur mit Mühe entziehen. Sie ist seit 24 Jahren im Gastgewerbe und in diesem Job weit herumgekommen. Hotels in Italien und im Zillertal, Konditoreien in Innsbruck und seit wenigen Wochen als Aushilfe im Rubin. Die routinierte Kellnerin wirkt sichtlich erschöpft, was in Anbetracht der Uhrzeit und der Gäste wenig verwunderlich ist. Seit kurz nach sechs Uhr zapft sie Bier. Romana nützt einen kurzen Moment der Ruhe um die Theke abzuwischen und die Tageszeitungen zu sortieren. Kaum fertig, schallt es vom anderen Ende der Bar: „Noch a Whiskey-Cola, Schatzl!“ Im selben Moment betritt der erste weibliche Gast dieses Morgens den Raum und wird aus der selben Ecke mit einem „Schatzl sitz die her da, trink ma was“ begrüßt. Sie winkt ab: „Heit is a Ruh. I hab scho gestern.“ Er versucht es weiter, doch sie bleibt hart. Auch auf einen Kaffee wolle sie sich von ihm nicht einladen lassen: „Den zahl ich schon selber.“ Während Romana die Getränke zubereitet, gerät sie erneut ins Visier des trinkfesten Nachtclubbesitzers: „Willst bei mir tanzen?“ „Ich kann gar nicht tanzen“, erwidert sie nüchtern und stellt das Whiskey-Cola auf den Tresen. Darauf er: „Ich mein an der Stange tanzen. Das bring ich dir schon bei.“ Sie ignoriert ihn und wendet sich ab. Der Job sei nicht immer einfach, aber schließlich müsse man ja irgendwie sein Geld verdienen. Und morgens, während ihrer Schicht, ginge es ja noch halbwegs. Abends sei es schlimmer.

Mittlerweile ist es kurz vor neun Uhr. Die Morgensonne verspricht einen strahlenden Tag. In den Lokalen rund um den Bahnhof sind Pendler wie Touristen bei Buttercroissant und Kaffee anzutreffen. Mittlerweile sind jene, die den Tag eben erst begonnen haben, deutlich in der Überzahl. Nur mehr vereinzelt trifft man auf übrig gebliebene Nachtschwärmer. Auch im Conte in der Raiffeisenpassage, ist der Arbeitstag bereits in vollem Gange. Die Kellnerin serviert den unterschiedlichsten Gästen, von der Geschäftsfrau bis zum Pensionisten, ein schnelles Frühstück. Zwischen all den ausgeschlafenen Gesichtern stechen zwei junge Männer hervor. Sie haben sich für ein „Repair-Seidl“ eingefunden, um ihren Kater zu bekämpfen. Die beiden kommen von einer Studentenparty und gönnen sich heute einen freien „Tag danach“. Allerdings legen sie Wert auf die Feststellung, dass „so etwas die Ausnahme ist und nicht jeden Tag vorkommt“. Man wolle schließlich nicht in ein schlechtes Licht gerückt werden.

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