20er
Kultur

Shopping-Nostalgie - Einkaufen wie zu Omas Zeiten

Foto: Gerhard Berger


Einkaufen ist nicht gleich einkaufen. Auch in Innsbruck gibt es sie noch: Geschäftsperlen aus der guten alten Zeit. Stolpert man dort über die Schwelle, werden Kindheitserinnerungen wach. Das Glockenspiel an der Ladentür kündigt mit melodischem Klang die Eintretenden an. Unter den Füßen knarrt der Holzboden und lang vermisste Gerüche bestürmen die Nase. Ein munteres „Grüß Gott“ weckt aus dem Wachtraum und man ist versucht sich zu kneifen um festzustellen, dass das die Wirklichkeit ist. Kein kaufanimierendes Soundbett, kein bemüht cooles Shop-Design. Statt dessen freundliche Menschen, die zur Beratung bereit stehen. Der 20er hat sie gesucht und gefunden: Läden wie zu Omas Zeiten. Die letzten ihrer Art. Sie haben es geschafft, allen Versuchungen getrotzt und bis heute in alter Gestalt überdauert.
SYLVIA RIEDMANN



Doris und Waltraud Daler wissen, was sie der Kundschaft schuldig sind. Immerhin seit 1880 befindet sich das Geschäft im Familienbesitz. In schmucke, rot-weiß gestreifte Mäntel gehüllt überblicken die charmanten Damen jeden Winkel ihres Schleckermaul-Paradieses in der Anichstraße. Zwischen Seidenzuckerln, Katzenzungen und Pischinger-Ecken wirbeln sie herum, hantieren mit Glasdosen, wiegen ab und verpacken. Unentwegt öffnet und schließt sich die alte hölzerne Ladentür mit verzierter Glasscheibe. „Wie war der Urlaub, Frau Schöpf?“ „Danke der Nachfrage. Heuer leider ein bisschen verregnet.“ „Ojeggerl, wie schade. Was darf’s denn sein? Anisbögen und eine Tafel Valrhona wie immer?“ „Ja, bitte. Wissen’s, die Enkerl kommen heute wieder zu Besuch.“ „Ach wie schön. Das macht vier Euro sechzig, bitte.“ Das Mobiliar des Geschäfts besteht aus hohen Glasvitrinen an den Wänden, bis zur Hüfthöhe gegliedert in kleinteilige Laden und Fächer. Im unteren Bereich lockt die offene Ware. Bunt, glänzend und mit zartem Vanilleduft. In der Mitte steht Abgepacktes: Konfekt und feine Zuckerbäckerei. Ganz oben prangen stolz die Krönungen des Süßwarensortiments: Schön aufgemacht Bonbonnieren – Geschenke für besondere Gelegenheiten. Während sich ihre Schwester den Kunden widmet, erzählt Doris Daler. Von der täglichen Mühsal noch heute, zur Zeit der gnadenlosen Konkurrenz durch Supermarktketten, ein solches Geschäft zu betreiben. Aber auch von der Freude der beiden Schwestern, „ihre“ KundInnen gut versorgt zu wissen. „Nach dem Krieg, das war ein Aufschwung. Damals war es für uns viel leichter als jetzt. Damals kamen zu uns eher die Besserverdiener, das waren sehr gute Kunden“, erinnert sich die Herrin der süßen Versuchungen. Heute sei es viel schwieriger, in der Innenstadt überleben zu können. „Sobald die Infrastruktur gestört ist, weil der eine oder der andere zusperren muss, spüren das alle“, erklärt sie, nur um fast trotzig anzuschließen: „Aber wir sind tapfer!“ Gut so, ist man versucht, sie zu unterstützen. Frau Schuster tut das. Sie kauft – wie sie nachdrücklich betont – seit ihrer Kindheit hier ein. Sie schwärmt: „Ich liebe solche Geschäfte. Das Flair, die fachkundige Beratung, der Geruch! Da fährt man extra hin, das macht man nicht bloß so en passant. Da wird der Einkauf zum Erlebnis und man schätzt hinterher, was man erworben hat!“

Einige Straßenzüge weiter weist ein gediegenes Schild auf „Schirme Völk“ hin. Betritt man über wenige Stufen das etwas über dem Niveau des Trottoirs liegende Geschäft, wird man von klassischer Musik begrüßt. Den Klängen aus dem Hinterzimmer folgt bald Herr Geißler. Ein distinguierter Herr mit Brille im blauen Mantel, der bereitwillig Auskunft über die Geschichte des Ladens gibt. Seit vier Generationen betreibt seine Familie das Fachgeschäft für Schirme jeder Art. Sogar drei große, strandbadtaugliche Sonnenschirme gehören dazu. Inmitten der Vitrinen aus den 1930er-Jahren, gefüllt mit Schirmen in allen nur erdenklichen Farben, Größen und Macharten, gibt er den Schlüssel zu seinem Metier preis: „Ich bin sehr wetterabhängig. Je weniger Regen, desto weniger Geschäft.“ Hier gibt es freilich nicht nur neue Schirme; schöne Modelle werden von Richard Geißler auch fachkundig repariert. Vor allem ältere Damen und Herren nähmen dieses Service in Anspruch, die Nachfrage danach sei allerdings leider rückläufig. Wie als Beweis für diese Behauptung erhascht man in einem der Nebenräume den Blick auf eine alte, mit Fußpedal zu betreibende Nähmaschine. Sie dämmert unter einer dicken Staubschicht vor sich hin, friedlich beobachtet vom ausgestopften Kopf einer wohl lange schon toten Tiroler Gams.

Mondän gibt sich im Vergleich dazu Uhren Pfister in der Museumstraße. Der Uhrenfachbetrieb ist die Dependance des Hauptgeschäfts, in dem Schmuck und Juwelen verkauft werden. Die Inhaberin Hilde Götsch sieht in beiden Betrieben nach dem Rechten. Ihre Eltern hatten 1930 mit einem Geschäft in der Sillgasse begonnen. In umittelbarer Nähe zur Fennerkaserne, für damalige Verhältnisse relativ weit von den Einkaufsachsen des Zentrums entfernt, erwies sich das Geschäft als „bitterhart“. „Meine Mutter erzählte mir oft von Ratengeschäften in der Höhe von gerade mal 50 Groschen“, erinnert sich Frau Götsch. 1938, noch vor dem Umbruch, wie Hilde Götsch betont, sei man ins Geschäft am Franziskanerplatz übersiedelt. Schon damals hieß es, dass die vorgelagerten Ladenlokale vom Abbruch bedroht seien. Nach dem Krieg habe man sich deshalb nach einem Ersatzort umgesehen und sei in der Museumstraße fündig geworden. 1953 baute die noch heute aktive Chefin das Geschäft gemeinsam mit dem Architekten Ludwig Haselwanter um. Das Interieur ist bis heute erhalten geblieben und beeindruckt durch seinen konsequenten 1950er-Jahre-Stil. Vom Gehsteig aus vermutet man hinter den mit Uhren vollgestopften Auslagen kaum ein architektonisch so stimmiges Inneres. Zwei halbrund gebogene Ladentische werden von einsehbaren Wandschränken ergänzt, die ihren Inhalt gut beleuchtet den Blicken der KundInnen präsentieren. „Ich war damals mit nichts zufrieden. Auf einem 70 qm großen Schlauch musste nicht nur der Ladentisch Platz finden, sondern auch Raum für die Werkbänke von fünf Uhrmachern eingeplant werden, ohne die Ästhetik des Verkaufsraums zu beeinträchtigen“, erzählt Hilde Götsch zwischen dem Ticken zahlloser Uhren.

Nur ein paar Häuser weiter herrscht Hochbetrieb. Damenmoden Schneider entpuppt sich beim Betreten des Geschäfts als doppeltes Lottchen. Im vorderen, eher verwaisten Bereich wird Damenoberbekleidung feilgeboten. Der hintere Raumteil, dominiert von einer überdimensionalen Ladentheke, gehört den Kurzwaren. Denen gilt, wie man leicht feststellen kann, die Aufmerksamkeit der meisten KundInnen. Knöpfe in allen vorstellbaren Farben und Formen, sorgsam verpackt in kleine weiße Kartons sind fein säuberlich in die Regale an der Wand geschlichtet. Bordüren und Spitzen harren daneben, ordentlich aufgefädelt, ihrer Bestimmung. Das Rattern und Klingeln einer altertümlichen Registrierkasse durchdringt das Stimmengewirr der unterschiedlichen Verkaufsgespräche. Das Ungetüm wird von den Damen hinter der Theke mit Hilfe einer Kurbel an seiner rechten Seite betrieben. Verena Forster, von ihren Mitarbeiterinnen freundschaftlich Verena genannt, ist die Eigentümerin des Geschäfts. Sie hat den Betrieb 1989 von ihrer Mutter übernommen. Gegründet wurde Damenmoden Schneider jedoch in den 1930er-Jahren von ihrem Großvater. Die Blütezeit des Geschäfts ist lange vorbei. Zu den besten Zeiten beschäftigte man hier immerhin 16 MitarbeiterInnen. Heute arbeiten inklusive der Chefin vier Frauen im Geschäft. Alle sind schon jahrzehntelang im Betrieb. Frau Margit, Frau Edith und Frau Romy sind zu wichtigen Identifikationsfiguren für die Kundschaft geworden. Die intensiven Beziehungen zu den Kunden und das gute Betriebsklima sind Verena Forster wichtig: „Man muss das hier mögen und gerne tun. Die Beträge, mit denen wir arbeiten, sind eigentlich geradezu lächerlich. Bei uns gibt es alles einzeln: Die Nähnadel, den Reißverschluss oder den Knopf. Und da kommt es dann schon einmal vor, dass wir eine halbe Stunde mit dem Kunden sprechen und er oder sie geht mit einer Nadel für 50 Cent hinaus. Reich wird man dabei nicht und aus diesem Grund darf man das auch nicht tun.“

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