20er
Kultur

War Games

Foto: Kuma Games


Kriege können heutzutage nicht nur in Echtzeit im Fernsehen mitverfolgt werden. Aktuelle Konflikte werden mittlerweile von jugendlichen Computerspielern auch in den heimischen Spielhallen und Kinderzimmern ausgetragen: In Gewaltspielen wie „Americas Army“ oder in „Kuma War“.
Auch in der militärischen Ausbildung spielen neben den „klassischen Instrumenten“ wie Drill und Training Videospiele eine wichtige Rolle. Die Knallerei am Bildschirm ist jedoch umstritten – genau wie ihre Indizierung. Kann ein Verbot bestimmter Spiele eine Lösung sein? Oder birgt das eher die Gefahr des „Reizes des Verbotenen“, wie manche meinen?
GEORGIA SCHULTZE



Immer mehr Computerspiele adaptieren aktuelle militärische Konflikte. Der reale Kriegshorror wird direkt zur interaktiven Wohnzimmerunterhaltung umprogrammiert. Mit dem Slogan „Play the news – from the headlines to the frontlines“, – wirbt die Firma Kuma für ihr Produkt „Kuma War“. Das Computerspiel hört sich an wie die Reportage aus einem Kriegsgebiet. Auch die Bilder sind zum Verwechseln ähnlich. Denn die Berichterstattung amerikanischer Nachrichtenkanäle lieferten den Rahmen für das Game. „Kuma War ist ein Spiel, das in erster Linie darauf abzielt, aktuelles Weltgeschehen am Computer nachzuspielen. Praktisch alles wird im CNN-Stil präsentiert“, erklärt Andreas Weinberger, Redakteur des Online Spiele-Magazins Gamers.at. Monatlich erscheinen Updates. „Für einen Beitrag von zehn Euro pro Monat kann man hier aktuell am Weltgeschehen bleiben“, erzählt Andreas Weinberger. Auf seinen Einsatz auf dem Bildschirm wird der Spieler gründlich vorbereitet: „Man sieht vorher einen Berichterstatter, man sieht Interviews, man sieht Originalaufnahmen des Geschehens, die wirklich alles zeigen. Hier wird nichts zensiert. Man versucht natürlich, auf die Sensationsgeilheit der Menschen loszugehen.“ Das unterstreicht auch die gepresste Stimme des Moderators im Spiel: „Kumas News Team takes you to the top stories. With the expert analysis, which you need to understand a world in crisis. After we report it, you play it. You advise the tactics, you make the hard choices. We create the news as it happens. We make it as you think the action should have gone down.“

So gut informiert stürzt sich der Spieler begleitet von dramatischen Orchesterklängen ins Kampfgetümmel. In perfekter 3-D-Simulation ziehen US-Soldaten durch das jeweilige Kampfgebiet. Hinter jeder Ecke hocken bewaffnete Gegner. Sie werden per Mausklick erledigt. Die Entwicklung des Kuma Reality Games soll das Pentagon unterstützt haben. Eigentlich wurde die PC-Animation entwickelt, um Soldaten für den Häuserkampf auszubilden. „Kuma“ bietet so eine neue Art von militärischem Entertainment. Solche Spiele kratzen freilich an den Grenzen des guten Geschmacks. Doch Video- und Computerspiele gehören mittlerweile zum Alltag einer ganzen Generation.

Den Spieltrieb macht sich auch das Militär zu Nutze. Videospiele und Simulatoren werden heutzutage in allen Armeen eingesetzt. Die US-Army verwendet Computersimulationen, um Menschen für das Töten zu trainieren. „Bei einem gezielten Training kann sich im Hirn ein Automatismus entwickeln. Derjenige, der das Signal zu schießen bekommt, schießt dann auch wirklich“, hegt die Psychologin Roswitha Pippan keinen Zweifel an der Effizienz solcher Simulatoren.

Mit Videospielen wird für den Krieg ausgebildet. Kriege werden scheinbar zum Videospiel. Ziel-Videos der Raketen ließen erstmals die Grenzen verschwimmen. Und schließlich hat der Einbruch des bislang nur virtuell für möglich Gehaltenen in die Realität auf dieser Ebene zu einer Konfusion geführt: Was ist real, was virtuell?

In den Kriegsspielen der amerikanischen und der israelischen Armee ist nach guter alter Tradition nur ein toter Araber ein guter Araber. In „Operations“ muss der Spieler nach einem harten militärischen Training „Terroristen“ im Irak und in Afghanistan beseitigen. Das israelische Gegenstück zum US-amerikanischen Regierungsspiel ist der Kampfflugsimulator „Israeli Airforce“ aus dem Hause Electronic Arts.

Was der amerikanischen und israelischen Armee recht ist, kann den Arabern nur billig sein. Mit Special Force bringt die arabische Gegenseite ihr eigenes Propaganda-Game in Umlauf. Damit versucht die Organisation Hisbollah eine Medienlücke zu schließen. Was der Sender Al-Jazeera im Nachrichtengeschäft ist, will die Guerilla-Organisation in der Computer-Unterhaltung sein: Eine arabische Gegenöffentlichkeit zur prowestlichen Vorherrschaft. Hajj Fuad Rostom vom Internet-Büro der Hisbollah in Beirut erklärt: „Die Israeli und die Amerikaner haben Spiele produziert, in denen sie versucht haben, die Araber und die Moslems als Terroristen hinzustellen.“ In „Special Force“ ist der Held ein arabischer Freiheitskämpfer, der sein Land gegen israelische Soldaten verteidigt, sagt Rostom. Und: „Es ist ein pädagogisches Spiel, um die junge Generation etwas über Befreiung zu lehren. Das ist dein Land unter einem Besatzer, Wenn du in Würde leben willst und deine Freiheit möchtest musst du kämpfen und ihn aus deinem Land schmeißen.“ Ahmed, ein in Wien lebender Palästinenser, glaubt, es gehe nur um das Selbstbewusstsein der Hisbollah. Mit Special Force wolle die Hisbollah allen zeigen, dass sie die Fähigkeit hat, sogar so ein Spiel gegen Israel zu produzieren. Der Internet-Spezialist der Hisbollah erklärt, dass es um die politische Botschaft geht. Zu einem Preis von sieben Dollar werde das Spiel verkauft, weiß Ahmed. Er glaubt, dass die Hisbollah damit überhaupt kein Geld verdienen will. Es sei nur Propaganda um Jugendliche für den Kampf zu motivieren. Das Spiel ist im arabischen Raum weit verbreitet. In der westlichen Welt wurden nur geringe Stückzahlen verkauft. Hajj Fuad Rostom vom Internet-Büro der Hisbollah behauptet den Grund dafür zu kennen. Er macht die jüdisch-israelische Lobby dafür verantwortlich, die nicht wolle, dass durch das Spiel ihr wahres Gesicht zu Tage kommt. Special Force gedenkt der Vertreibung der israelischen Besatzungsmacht aus dem Südlibanon im Jahr 2000 – dem „großen“ und auch einzigen militärischen Sieg, der je von der Hisbollah über Israel errungen wurde. Die Kids in den Internet-Cafés in Österreich zeigen sich von diesem Spiel aber wenig begeistert. Andreas Weinberger glaubt zu wissen, warum: „Bei dem Hisbollah-Game ist wirklich alles technisch sehr weit zurück. Auch von der Spieltechnik her ist es sicher in keinster Weise da, wo man aktuelle Games der heutigen Zeit finden würde.“ Denn es muss schon richtig scheppern und krachen, damit ein Spiel erfolgreich ist. Genau hier greift auch die Argumentationslinie von Hajj Fuad Rostom. In Special Force fließe kein Tropfen Blut: „Wenn man die Isrealis in dem Spiel sterben sieht, gibt es keinen einzigen Tropfen Blut. Alles was man sieht, ist ein Soldat, der dein Land besetzt. Und wenn man ihn erschießt, wird nur angezeigt: Du hast mich getötet. Und dann fällt er auf den Boden.“ Und so sei das Spiel weniger „blutrünstig“ als andere Kriegsspiele amerikanischer und israelischer Herkunft, ganz zu schweigen von diversen Alien-Jagden, Weltkrieg II – und Nazi-KZ-Spielen, die übrigens frei übers Internet verfügbar sind.

Die Popularität dieser Spiele wird immer öfter eingesetzt, um einem jugendlichen, vermeintlich noch „formbaren“ Publikum die richtige politische Gesinnung zu vermitteln. Um welche auch immer es sich handeln mag.

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