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| Foto: Gerhard Berger |
Im Dezember offeriert der 20er seinen LeserInnen - als Dankeschön für die Treue das ganze Jahr über - von nun an ein ganz besonderes Zuckerl: Wir publizieren jeweils einen Text aus der Feder deutschsprachiger GegenwartsautorInnen. Den Reigen eröffnet Franzobel, der an dieser Stelle eine Weihnachtsstory der der etwas anderen Art erzählt.
FRANZOBEL

Als Klaus Samsa eines Sommermorgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem Ungeheuer verwandelt, einem Weihnachtsmann. Er sah an sich hinunter, konnte aber äußerlich nichts feststellen. Wie auch, war seine ganze Verwandlung doch nur innerlich passiert. Da aber, in seinem Inneren, wuchs ihm schon ein grauer Bart, hatte er einen purpurroten Mantel an und Kinder auf sich sitzen. Instinktiv wollte er noch ein Männchen gegen diese, seine Bestimmung machen, aber bald schon musste er bei Fuß gehen und apportieren, sein Schicksal pfiff, und er, Klaus Samsa, war zur Stelle. Weihnachtsmann!
Die Sonne machte aus den Tagen eine Eierspeise, die Menschen liefen in Badekleidung herum, nagten an Eiskeulen, ließen sich Wasser auf den Kopf laufen und neigten überhaupt zu jeder nur erdenklichen Verflüssigung, so dass ihnen Samsa in seiner Winterkleidung vorkam wie etwas Ausgetrocknetes, ein Suppenwürfel etwa.
-Was ist denn mit dir passiert, erschrak auch seine Frau. Du wirst dir doch nicht wieder einen Bart wachsen lassen wollen. Weißt du denn nicht mehr, was beim letzten Mal herausgekommen ist? Ich kann mich noch gut an deine Bartflechte erinnern. Warum soll es diesmal besser sein?
-Hast du schon jemals einen glattrasierten Weihnachtsmann gesehen?
-Wie bitte?
-Es ist nämlich so, blies sich Klaus Samsa etwas auf, machte eine lange Oberlippe, breitete seine Arme aus, sah gen Himmel, und sprach mit fester Stimme. Ich habe eine Verwandlung durchgemacht.
-So? Bist du etwa auch im Wechsel?
-Bitte, lass mich ausreden.
-Hast du eine Freundin? Betrügst du mich, du Schwein?
-Jetzt bitte.
-Du willst dich von mir trennen?
-Nein! Ich bin der Weihnachtsmann!
-So ist das also, begann Frau Samsa loszukreischen, dass sich ihre Stimme überschlug wie in einer Achterbahn, ein Spinatstecher, nach 15 Jahren Ehe. Das ist doch die Höhe! Der eigene Mann! Der eigene Mann! Eine Schande ist das, der eigene Ehemann, homosexuell.
Tränen liefen ihr Gesicht hinab und fielen in die Tiefe ihrer Brust. Sie trat gegen die Wand, räumte mit einer einzigen Handbewegung den Frühstückstisch ab, und sah zu, wie Tassen, Gläser und die Butterdose am Boden zerbarsten. -Und was wird aus den Kindern?
Ein großer Kaffeesee hatte sich auf dem Linoleum gebildet, Brote und Marmeladeberge schwammen darin. Langsam lief der gelbe Dotter eines Eies hinzu.
-Der Weihnachtsmann? So ein Blödsinn!
Gut, dachte Samsa, war auch das geklärt. Ein Weihnachtsmann und eine Familie, das passte ohnehin nicht recht zusammen. Aber was nun? Er griff sich seinen roten Anorak, eine Pudelmütze und die Bibel. Schließlich war es für einen Weihnachtsmann nicht statthaft, so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Ein Weihnachtsmann sprach? Ja, wie sprach der überhaupt? Mit tiefer Stimme jedenfalls. Samsa aber neigte von Geburt an mehr zum hellen, überdrehten Krächzen. Seine Stimme war, als stünde ihm der Stimmbruch noch bevor. Was also tun? Er schlug das heilige Buch auf und bemühte sich zu brummen: „Du tust Gutes deinem Knecht, Herr, nach deinem Wort.“ Doch nein, das funktionierte nicht, viel zu hell. So wurde er nur heiser. Also stopfte er sich das Taschentuch in seinen Mund und brummte: „Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle, die nach dir fragen.“ Ja, man verstand zwar kaum noch was, aber es klang zumindest tief.
Später würde noch genug Zeit bleiben, daran zu feilen. Nun galt es aber erst einmal, sich um die dringlichen Dinge zu kümmern. Ein Weihnachtsmann brauchte vor allem einen Schlitten, Renntiere und Geschenke, und natürlich einen weissen Rauschebart. Also ging Samsa zu einem Friseur, und brummte mit dem Taschetuch um Mund:
-Tief vom Walde komme ich her, und ich höre, es weihnachtet schon sehr.
-Wie bitte?
Der Friseur hatte kein Wort verstanden und sah ihn nur ungläubig an. Also nahm Samsa ausnahmsweise noch einmal das Taschentuch aus seinen Mund und wiederholte:
-Tief vom Walde komme ich her, und ich höre, es weihnachtet schon sehr.
Doch bevor er sich versah, hatte ihm der Friseur auch schon eine geknallt.
-Verarschen kann ich mich selbst auch. Spinner.
-Ich möchte, bemühte sich der verschwollene Samsa zu sagen, lange Haare, einen Vollbart, alles weiß. Weil –.
-Ist das jetzt Mode? Also ein richtiger Spinner?
So etwas, war der Friseur derart irritiert, dass er vergaß, dass man immer etwas höher als auf das Ziel visieren muss. Und als er Samsa das Bleichmittel wieder aus dem Haar wusch, erschrak auch er nicht schlecht: Gulaschblond!
-Na, ja, Feschak sind Sie jetzt vielleicht keiner, aber dafür verlange ich auch nichts.
-Schon recht, stopfte sich der vermeintliche Weihnachtsmann mit dem Taschentuch wieder die Backen aus. Kaum war er auf der Straße, kam ihm auch schon sein Chef entgegen.
-Gut dass ich Sie treffe, lief er auf ihn zu. Doch der Herr Knirsch, Abteilungsleiter der städtischen Versicherungsgesellschaft, hielt ihn für einen heruntergekommenen Bettler, und hob abwehrend die Hände:
-Nein, ich gebe nichts. Schon aus Prinzip.
-Aber Herr Knirsch. Herr Knirsch, erkennen Sie mich nicht. Wieder musste Samsa sein Taschentuch rausnehmen.
-Ja, was ist denn mit Ihnen passiert? Sie sehen ja aus wie der Reinhold Messner? Herr Knirsch rümpfte die Nase und ging, seinen Widerwillen zu demonstrieren, einen Schritt zurück.
-Sehen Sie, das ist es ja, genau darüber muß ich mit Ihnen reden. Ich hatte nämlich, eine Veränderung, etwas, ich habe mich verwandelt.
-Ja, das sehe ich. Aber bitte, verschonen Sie mich bloß mit ihrer Aussteigerphilosophie, sah ihn Knirsch verächtlich an. Sie sind entlassen! Fristenlos!
-Aber? Ich bin der Weihnachtsmann.
-Auch wenn Sie mir gegenüber auf unzurechnungsfähig machen, werden Sie Ihr Recht auf Abfertigung verwirkt haben. Sie, Sie Parasit! Wissen Sie, wie ich denke über Sie? Parasiten suchen sich immer einen frommen Wirt, aber nicht mit mir, Sie Früchtchen.
-Aber, brüllte ihm Samsa hinterher, Weihnachten, Geschenke! Was glauben Sie denn, wer die bringt?
Doch der Herr Knirsch drehte sich nicht einmal mehr um. Samsa blicke ihm lange hinterher und sah zu, wie mit dem Herrn Knirsch auch sein früheres Angestelltenleben bei der städtischen Versicherungsgesellschaft am Horizont verschwand. So zog er also hin, der Herr Knirsch, und mit ihm die Brocken eines früheren Samsalebens, langsam, Schritt für Schritt.
Tragisch, wirklich tragisch, dachte der Herr Knirsch bei sich, der Samsa war so hoffnungsfroh, so aufstrebend. Aber so kann’s gehen, so schnell passiert es. Die Zeit geht nicht, sie überrennt uns, haut uns um. Drum aufpassen, aufpassen, Knirsch.
Samsa aber stopfte sich wieder das Taschentuch ins Maul und grinste. Er lebte, lebte wie er schon immer hätte leben sollen.
-Tief vom Walde komme ich her, brummte er, und wiederholte unablässig für sich selbst: Rentiere, ich brauche unbedingt Rentiere.
-Tja, zuckte der Verwalter des Wildparks Hochfilzen mit den Achseln, um ihn gleich darauf anzufahren, wie stellen Sie sich das denn vor? Ein Rentier mitnehmen? Sie haben vielleicht Nerven.
Der Verwalter war zusammengepresst wie eine Sprungfeder gewesen, und Samsa, schien es, hatte ihn entsichert. Nun hüpfte er herum wie das Rumpelstilzchen persönlich und schimpfte auf die Menschen, die keine Ahnung hatten von den Tieren.
-Ein Rentier? Wie stellen Sie sich das denn vor? Oder glauben Sie, ein Rentier ist eine Eieruhr? Wie kommen Sie überhaupt dazu? Und wenn Sie der Weihnachtsmann persönlich sind, Sie –?
Samsa wollte sich schon hinausschleichen, als er die verschwollene, von hunderten Tierzungen wundgeleckte Wildparkverwalterhand auf sich spürte. Oje, auch das noch, ragte die Erwartung an ein Unheil in Samsa hinein, löste schreckliche Ideen.
-Warten Sie, vielleicht habe ich doch etwas für Sie. Der Verwalter grinste. Alles nicht so schlimm. Und schon wenig später standen sie vor Max, dem Maultier.
-Ein hübscher Bursche, nicht wahr. Eine Pracht! Wenn Sie wollen, können Sie die Karre auch gleich mitnehmen. Ein Kohlehändler hat ihn uns gebracht. Ich glaube, er hat auf Erdöl umgestellt. Oder auf Strom?
-Besser als nichts, kraulte Samsa das Tier am Kinn.
-Seien Sie bloß vorsichtig, zog ihn der Verwalter zurück, nicht dass er Sie gleich beißt. Er kennt Sie ja noch nicht.
Tatsächlich hätte das bei Max gar keinen Unterschied gemacht. Er war nicht nur ein störrisches, sondern auch ein ausgesprochen aggressives Tier, das vor allem eine Abneigung gegen Schnauzbärte besaß. Also ist es nur verständlich, dass der Verwalter froh war, ihn loszubekommen. Innerhalb nur einer Woche hatte dieser Max nämlich bereits drei Pfleger und eine Besucherin gebissen. Wer weiß, dachte der Verwalter, was dieser Esel noch so alles anstellte.
-Tief vom Walde komm ich her, und ich höre, es weihnachtet schon sehr, trabte Samsa auf seinem Maultierkarren wieder in die Stadt.
Gut, mit seinem roten Anorak, den gulaschblonden Haaren unter der Pudelmütze und dem Taschentuch im Mund sah er tatsächlich mehr einem mumpskranken Kohlehändler ähnlich als dem Weihnachtsmann.
-Halt, wurde er auch schon von einem Polizisten mit einer Schokoladetafel in der Hand gestoppt. Was wollen Sie denn in der Stadt, heute ist doch gar kein Wochenmarkt? Biss der Gesetzeshüter in die Schokolade.
-Hohoho, brummte Samsa, erkennt er mich denn nicht?
Aha, ein Ausländer, dachte der Polizist, der kein Wort verstand. Aber vielleicht lag das auch an seinem Schmatzen. Er schluckte.
-Zeig mir mal deinen Ausweis, Bürschchen, zupfte der Gesetzeshüter, ein wahrer Lulatsch von Mensch, nun an seinem Schnauzbart.
Das hätte er aber besser nicht getan, lenkte er doch so Maxsens Aufmerksamkeit auf sich. Warum auch um Himmels Willen mussten Polizisten immer Schnauzbärte tragen? Weltweit? Nur die intimsten Stellen waren sonst so dicht behaart, die Scham, die Achselhöhle und das Haupt. Oder war bei Polizisten auch die Stelle unter der Nase eine Art von Scham? Dann wären die Nasenlöcher quasi Ersatzgenitalien? Jedenfalls konnte sich der arme Polizist noch nicht einmal entscheiden, welche Art von Strafmandat bei einer Eselskarre überhaupt in Frage kam, als er auch schon ein schmerzhaftes Zwicken in der Nase spürte. Noch ehe er begriff, was los war, sah er auch schon Blutstropfen seinen großgewachsenen Körper hinunterrinnen, langsam wurde alles rot. Er blickte zu Boden und sah die zerschellenden Tropfen, spürte auf einmal einen fürchterlichen Schmerz. Das war keine Schokolade! Der Esel! Der Esel hatte ihm die Nasenspitze abgebissen! Und nun fraß er sie auch noch auf.
-Halt. Stehenbleiben! Gib mir die Nase wieder, die Nase, zog er die Dienstwaffe und schoss blind ein paar Mal in die Luft. Dabei konnte er lediglich nichts riechen.
Max aber, der sich die Nase samt der daran klebenden Schokolade und Schnauzbarthaare schmecken ließ, und in seinem Maultierhirn sicher ahnte, dass er etwas angerichtet hatte, galoppierte wie von Sinnen, rannte, was er konnte. Samsa saß noch immer auf dem Leiterwagen und schrie Brrrrr, Brrrr, so laut er konnte, aber nütze es etwas? Es nützte nichts. Alle Versuche, den Esel zu stoppen, waren vergeblich. Brrr. Doch kein Erfolg. Das Vieh lief völlig durchgedreht durch Einbahnstraßen, verursachte Auffahrunfälle, trampelte Hunde nieder, erschreckte ihre Besitzer zu Tode, beschädigte parkende Autos, und lief jetzt auch noch in das Haus des Meeres, stieß gleich beim Eingang einen Aufseher um, rannte gegen die Aquarien, schlug gegen das Glas, drehte sich, so dass der Leiterwagen samt dem armen Samsa voll dagegen schlug, alles kaputt ging, barst. Hunderte Tiefseefische zappelten nun am Boden und verendeten jämmerlich. Kinder schrieen, ihre Eltern waren außer sich. Doch was sollten sie viel tun? Ehe überhaupt jemand etwas begriff, war der verrückte Esel auch schon wieder weg.
-Brrr, brüllte Samsa, doch dass Maultier lief und lief, hatte sich als nächstes ein Einkaufszentrum auserkoren, trampelte durch Parfümeriestände, Modeinseln, stieß auch hier sämtliche Stände um, fauchte schnauzbärtige Verkäuferinnen an. Alte Damen sprangen beiseite, verletzten sich dabei.
-Brrr, schrie Samsa, doch das Maultier raste weiter, raste durch Unterwäschelager, Schreibartikelregale, in Umkleidekabinen, Drehständer voller Jacken, schmiss alles um, und wirbelte herum, so dass bald der ganze Leiterwagen angefüllt mit lauter Geschenken war. Jacken, Hemden, Parfüms, Küchengeräte, und Spielsachen, alles war darauf gelandet. Aber hatten die Leute sich gefreut? Nein, sie hatten nur gekreischt. Hatten sie den Weihnachtsmann erkannt? Nein, „Hilfe, der Teufel!“ hatten sie geschrieen. „Der Teufel selbst!“ So dass dem armen Samsa nichts mehr übrig blieb, als wieder in der Bibel zu lesen und zu brummen: „Und sie gingen und erkundeten das Land“.
In der Zwischenzeit kam auch noch eine Fahndung raus, die vor dem gemeingefährlichen Eselsgespann warnte. Im Rundfunk wurde eine Meldung verlesen. Bis an die Zähne bewaffnete Polizeieinheiten rückten aus, und was dann geschah, grenzte an Weihnachten. Es war wie eine Bestätigung aller Träume und guten Absichten. Und am Ende erhoben sie sich, und dehnten ihre jungen Körper. Denn am Ende war doch noch einmal alles gut geworden. So wie immer.
Franzobel, eigentlich Stefan Griebl, wurde 1967 in Vöcklabruck geboren. Nach
seiner HTL-Ausbildung in Maschinenbau wählte er das Studium der Germanistik. Er hat zahllose Bücher veröffentlicht, darunter Gustostückerl wie „Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt“, „Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit“ oder „Böselkraut und Ferdinand“. Franzobel arbeitet auch als Dramatiker. Außerdem ist er als passionierter Fußballfan bekannt!
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