Großinventarisierung - Die Vielfalt der Natur erleben
Foto: Dave Bullock
Jedes Jahr lädt das Magazin GEO zu einer großangelegten Naturexpedition mit dem Titel „GEO Tag der Artenvielfalt“. Aus der Ursprungsidee einer 24 Stunden andauernden Artensuche hat sich in den letzten Jahren eine Vielzahl von Naturaktivitäten entwickelt, die den Lebensraum „Natur“ genau unter die Lupe nimmt. Besonders in Tirol sind die Themen „Biodiversität“ und „Artenvielfalt“ in den letzten Jahren über enge Forscherkreise hinaus zu wichtigen Begriffen in der Diskussion um Naturschutz geworden. Der 20er hat mit zwei Hauptakteuren dieser Entwicklung gesprochen. VERENA KONRAD
Etwas abgelegen in der Industriezone Wiltens sind die Naturwissenschaftlichen Sammlungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum untergebracht. Noch im Inneren des Gebäudes in der Feldstraße herrscht der Charme eines Logistikunternehmens, doch beim Betreten der dritten Ebene wird schnell klar, dass hier ein wahrer Schatz behütet wird. In verschiedenen Archivräumen lagern an die zwei Millionen Objekte, aufgeteilt in einzelne Spezialsammlungen. Peter Huemer gehört zum Team der Naturwissenschaftlichen Sammlungen. An seinem Arbeitsplatz häufen sich Bücher und filigrane Präparate in kleinen Glasbehältern. Peter Huemer ist Schmetterlingsexperte. Genauer gesagt erforscht er das Vorkommen und die Lebensbedingungen alpiner Schmetterlinge und gehört auf diesem Gebiet zu einer kleinen Gruppe ausgewiesener Fachleute. „Das Interesse für Schmetterlinge und für das Sammeln und Züchten von Schmetterlingen hat sich schon in meiner Kindheit entwickelt“, erzählt der Forscher. Mittlerweile gehört er zu einem internationalen Netzwerk an Experten, das sich mit wissenschaftlichen Methoden, wie der Bestimmung neuer und bisher noch nicht beschriebener Arten, beschäftigt. Ein solches Projekt ist das „dna-barcoding“. „Das ist eine Art Suche nach einem genetischen Artschlüssel“, erklärt Peter Huemer. „Weltweit sind bisher rund 1,5 Millionen Tierarten beschrieben worden. Allein in Tirol kommen davon rund 30.000 Arten vor.“ Das komplizierte Thema Artenvielfalt begleitet ihn nicht nur durch seine tägliche Arbeit, sondern ist auch Teil der Vermittlungsarbeit des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum. „Es fängt eigentlich schon damit an, dass keiner, auch kein Experte, genau sagen kann, worüber wir reden, wenn wir von Arten sprechen. Sehr salopp könnte man sagen, dass Arten so etwas wie Fortpflanzungsgemeinschaften sind.“
Artenvielfalt ist so etwas wie eine Maßeinheit, die die Vielfalt der biologischen Arten innerhalb eines Lebensraumes oder geographischen Gebietes benennen soll. Dazu zählen sowohl Flora, Fauna als auch Mikroorganismen. Ein mindestens ebenso gebräuchlicher Begriff ist der der Biodiversität. Diese geht über den reinen Artenbegriff hinaus, denn Biodiversität umfasst neben der Vielfalt der Arten auch die genetische Vielfalt und die Vielfalt der Ökosysteme. „Ein Laie kennt vielleicht drei bis vier Vogelarten, vielleicht einige Schmetterlinge. Ein Experte hingegen kann vielleicht dreitausend bis viertausend Arten erkennen. Es braucht für ein Thema wie die Vielfalt der Arten also einen ganzen Stab an Experten, um überhaupt einen sinnvollen Diskurs führen zu können“, erklärt Peter Huemer.
Der Tag der Artenvielfalt, der mittlerweile auch in Österreich schon in mehrere Veranstaltungen aufgesplittet wird und an verschiedenen Orten parallel stattfindet, ist auch für das Landesmuseum eine wichtige Aktion, so Huemer: „Zum einen freut uns natürlich der Aspekt der Sensibilisierung für so ein wichtiges Thema. Andererseits kommen zu diesen Veranstaltungen viele Experten und Naturschützer, aber auch interessierte Laien, und es passiert eine ganz wichtige Netzwerkarbeit.“
Das Bundesland Tirol ist unter anderem aufgrund unterschiedlicher Höhenstufen besonders reich an Arten und Lebensräumen. Dennoch ist der Befund auch für Tirol ein drastischer. Besonders Wiesen in niedrigen Tallagen sind einer enormen Belastung ausgesetzt, die vor allem aus der landwirtschaftlichen Intensivierung, aber auch aus Straßenbau, Tourismus- und Freizeitnutzungen sowie durch industrielle Nutzung erwächst. Diese Faktoren haben zusammen in den letzten Jahrzehnten zu einem Verschwinden zahlreicher Pflanzen- und Tierarten geführt. Peter Huemer beobachtet dies genau: „Eine unserer Tätigkeiten ist das Führen von so genannten „Roten Listen“. Listen also, die bedrohte Arten – Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen – beinhalten. Dennoch muss man auch sagen, dass das Verschwinden von Arten Teil des Evolutionsprozesses ist. Was wir gegenwärtig bemerken, ist vor allem eine zunehmende Beschleunigung dieses Prozesses durch äußere Faktoren.“
Robert Mühlthaler sieht das schon von Berufs wegen sehr differenziert. Er arbeitet im Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement der ÖBB als konzernweiter Ansprechpartner für das Programm „ÖBB & Natur“. Unter anderem konsolidiert und steuert er alle Initiativen und Projekte seitens des Unternehmens, die im Zusammenhang mit der Kommunikationskampagne „vielfaltleben“ stehen. „Zu sagen, dass die Nutzung des Inntales durch Verkehr, auch Bahnverkehr zum Beispiel, zu einer Verdrängung von Arten führt, ist nur die halbe Wahrheit. Gerade in den Böschungen und Gräben entlang der Bahnstrecke haben zahlreiche Arten auch einen Lebensraum aufbauen und diesen als Rückzugsgebiet nutzen können, den es ohne diese Bebauung nicht gegeben hätte.“ Die Aktion „vielfaltleben“, die vom Lebensministerium initiiert wurde, und das Jahr der Biodiversität 2010 sind schon deshalb wichtige Themen für Robert Mühlthaler, weil er „ein grünes Herz“ hat, wie er sagt. „Ich bin schon seit Jahren im Umwelt- und Naturschutz tätig“, erzählt der ÖBB-Manager, der in der Vergangenheit bereits als Naturfotograf, Mitbegründer der Vereine „ptolemaeus“ und „Plattform Artenvielfalt“, als Bergsteiger und sogar Expeditionsteilnehmer durch Franz-Josef-Land 2005 bekannt wurde. 2004 hat er erstmals den Tag der Artenvielfalt als Hauptaktion nach Österreich geholt und seither jährlich daran mitgearbeitet, viele Aktionen auch selbst initiiert. „Das Schöne an dieser Aktion ist vor allem die Tatsache, dass es hier zu einem unglaublichen Austausch kommt“, erzählt Robert Mühlthaler. „Ich habe 2003 gemeinsam mit Experten ein Konzept für einen GEO Tag in Tirol verfasst, das dann 2004 realisiert worden ist.“ Seither hat sich viel getan. Die Plattform Artenvielfalt wurde ins Leben gerufen und gemeinsam mit dem Amt der Tiroler Landesregierung eine inzwischen schon traditionelle Kooperation in der Umsetzung des Tages der Artenvielfalt in Tirol realisiert. Zusätzlich wurde jüngst die wohl weltweit größte Einzelaktion am 29. Mai 2010 zeitgleich in allen Nationalparks Österreichs umgesetzt.
„Auch die Experten selbst gehören zu einer aussterbenden Art, die absolut schützenswert ist“, meint Mühlthaler und freut sich umso mehr, dass sich das Organisationsteam Jahr für Jahr über regen Zulauf von Expert/innen verschiedener Fachbereiche freuen kann. „Im Rahmen der letzten GEO-Veranstaltungen waren jeweils über 100 Forscher und Forscherinnen dabei, dazu kommen noch interessierte Zuschauer und Schulklassen. Diese breite Teilnahme an einer Aktion ist nicht selbstverständlich und zeigt, dass wir mit unserer Arbeit richtig liegen“, ist sich Robert Mühlthaler sicher. „Wichtig im Sinne der Biodiversität ist nicht nur der Erhalt einer Art, sondern das Erkennen des Stellenwertes, den jede Art, jeder Organismus, im System hat. Das setzt ein Schätzen und ein Erkennen voraus und darum geht es auch bei den Aktionen der Plattform Artenvielfalt.“