Am grünen Rasen gehört er dazu. Joshua Ndybisi ist Torhüter beim Tabellenführer der Tiroler Liga, der SPG Union/Reichennau. Doch kaum sind die 90 Minuten vorbei, holt den 20-Jährigen der triste Alltag als Asylwerber ein. Seit sechs Jahren zum Warten verurteilt, immer mit der Angst im Hinterkopf, abgeschoben zu werden. Doch Joshua hat Glück, sein Verein steht hinter ihm. STEFFEN ARORA
Nieselregen und Eiseskälte: Englische Verhältnisse am Fußballplatz am Fennerareal, mitten in Innsbruck. Eingepfercht zwischen Busparkplatz, Hofgarten und dazugehöriger Gärtnerei, liegt die etwas triste Heimstätte des Fußballklubs SPG Union/Reichenau 1B, seines Zeichen aktueller Spitzenreiter in der Tiroler Liga. Die schlechte Infrastruktur tut der Fußballbegeisterung an diesem Samstagabend keinen Abbruch. Gut 40 Fans trotzen dem Schlechtwetter und feuern ihre „Buam“ an. Die, allesamt durchtrainierte Amateurfußballer, laufen heute gegen Kitzbühel auf. Union geht als Tabellenführer mit satten vier Punkten Vorsprung ins Duell. Der Titel und der damit verbundene Aufstieg in die Regionalliga scheint sechs Runden vor Ligaschluss zum Greifen nah.
Einer ist heute nur am Spielfeldrand mit dabei: Joshua Ndybisi. Der 20-jährige Nigerianer fungiert als einer von zwei Torhütern bei Union. Wer von den beiden Goalies zum Einsatz kommt, entscheidet Trainer Josef Pranter je nach Trainingsleistung. Eine Verletzung zwingt Joshua diesmal zum Zuschauen: „Gegen Imst hat mir ein Gegenspieler mit dem Schuh ins Gesicht getreten.“ Die Folge, ein riesiges Cut über dem rechten Auge, ist noch deutlich zu sehen. Trainer Pranter merkt gestreng an: „Neben der Verletzung hat Josh zuletzt gegen Matrei nicht überzeugt.“
Trainer Josef Pranter ist Fußballer aus Leidenschaft. Seit 17 Jahren coacht er Klubs, davor stand er selbst als Amateur am Platz. Joshua und sein Trainer lernten sich vor vier Jahren im Bundesnachwuchszentrum Tirol (BNZ) kennen, wo Pranter die hoffnungsvollsten Fußballtalente betreute. Eines dieser Talente war Joshua, der zwei Jahre lang im BNZ spielte. „Josh war zweiter Torhüter. Er ist wirklich sehr gut, aber leider fehlen ihm 15 Zentimeter Körpergröße für eine Profikarriere“, attestiert Pranter seinem Schützling. Bei Union reicht es aber für einen Stammplatz in der Mannschaft: „Auch in der Regionalliga würde er noch gut mithalten können.“ Joshuas großes Manko sei seine Emotionalität, so Pranter: „Er ist ein sehr sensibler Bursche und private Probleme drücken bei ihm auf die Leistung.“ Dass Joshua die Ungewissheit seines laufenden Asylverfahrens plagt, weiß und versteht der Trainer, der im Zivilberuf als Polizeibeamter arbeitet: „Diese lange Warterei ist sehr belastend. Das hat mit einem Rechtsstaat nimmer viel zu tun, das sollte viel schneller gehen.“ Joshua habe sich mittlerweile „bestens integriert“, sagt Trainer Pranter: „Der Verein hilft ihm, wo immer es geht. Wir würden ihm sofort auch Asyl geben, wenn das in unserer Macht stünde. Aber das ist halt nicht unsere Entscheidung ...“
Trotz der verordneten Zwangspause läuft Joshua an diesem Samstag im Torwartdress auf und hilft seinem Goalie-Kollegen Kristijan Basic beim Aufwärmen. Man merkt ihm beim Aufwärmen nicht an, dass er heute nicht spielen wird. Der Rasen ist vom wochenlangen Dauerregen aufgeweicht, der Strafraum gleicht einem Schlammloch. Joshua hechtet dennoch bei jedem Schuss unerschrocken in den Morast. Fast so, als ginge es um den WM-Titel. Nur allzu gerne würde er heute selber den Kasten sauber halten. Joshua ist ehrgeizig und hasst nichts mehr als Niederlagen.
Joshua wuchs in Lagos auf, dem Zehn-Millionen-Einwohner-Moloch in Nigeria. Schon dort sei Fußball seine große Leidenschaft gewesen: „Wir haben immer nachmittags auf der Straße gespielt. Aufgeteilt in Sets, das sind Fünferteams mit einem Tormann.“ Die Gewinner blieben immer am Platz. Er sei schon beim Straßenkick in Lagos als bester Torhüter im Viertel bekannt gewesen, sagt Joshua. Nachdem Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften zunahmen, floh Joshua im Alter von 14 Jahren auf Drängen seiner Eltern – sein mittlerweile verstorbener Vater war als christlicher Priester zur Zielscheibe geworden – aus dem krisengebeutelten Nigeria. Als blinder Passagier in einem Schiffscontainer versteckt trat Joshua im Kindesalter allein die lebensgefährliche Reise übers Mittelmeer, ins vermeintlich gesegnete Europa an. Er schaffte es bis nach Österreich. Seit sechs Jahren ist er nun hier. Und ebenso lange wartet er auf die Entscheidung in seinem Asylverfahren. „Dieses Warten bringt mich noch um den Verstand“, sagt er, „das sind meine besten Jahre und ich bin zum Nichtstun verurteilt.“ Asylwerber in einem laufenden Verfahren dürfen in Österreich nicht arbeiten. So bleibt Joshua nur seine Leidenschaft zum Fußball als Ablenkung und einzige Möglichkeit, am Leben in der neuen Heimat teilzunehmen. Manchmal verkauft er auch den 20er, was für Asylwerber rechtlich möglich ist. „Aber das ist kein richtiger Job, es ist mehr wie betteln“, erklärt Joshua, der die Straßenzeitung als Notfalllösung zwar schätzt, aber lieber einer geregelten Arbeit nachgehen würde.
Viermal pro Woche trainiert er mit seinem Verein Union/Reichenau: „Plus Samstag, da ist Spieltag.“ Daneben schaut er als „Mädchen für alles“ am Fußballplatz nach dem Rechten. Seit kurzem ist Joshua auch als Nachwuchstrainer im Verein aktiv. Die übrige Zeit verbringt er zu Hause, in seinem kleinen Zimmer über einem Schnellimbiss und wartet. Im Stiegenhaus vor seiner Zimmertür hängt der hartnäckige Gestank von altem Bratfett in der Luft. Schnell zieht Joshua beim Eintreten die Tür hinter sich zu, um den Fettgeruch nicht mit ins Zimmer zu nehmen. An der Wand über seinem Bett hängt ein großes Jesusbild: „Ich bin sehr gläubig, das gibt mir Halt und Kraft.“ Direkt daneben Joshuas ganzer Stolz: Mit aufwändigen Stickereien geschmückte Baseballkappen in verschiedenen Farben. „Rot, blau, schwarz und, und, und ... für jedes Outfit die passende Kappe“, erklärt er.
Sein kleines Refugium und die Beschäftigung im Verein verdankt Joshua seinem „Präsidenten“. Gemeint ist Herbert Lener, Obmann der SPG Union/Reichenau. Er kennt Joshua seit mehreren Jahren: „Ich habe eine Art Vaterrolle bei ihm eingenommen.“ Lener hat den jungen Mann sichtlich ins Herz geschlossen: „Er ist für alle im Verein ein großer Gewinn – sportlich wie menschlich.“ Dass sein Asylverfahren noch immer nicht abgeschlossen ist und Joshua jederzeit abgeschoben werden könnte, ist Lener klar. „Aber ich bin Berufsoptimist, das wird gutgehen.“ Und wenn nicht? Lener gibt sich kämpferisch: „Dann werden wir von Vereinsseite aus Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Die nehmen uns Joshua nicht weg. Wir sind gut vernetzt.“
Es regnet immer noch am Sportplatz am Fennerareal. Doch Herbert Lener ist das miese Wetter herzlich egal, er strahlt übers ganze Gesicht. Kurz vor Spielende liegen seine Buben gegen Kitzbühel klar mit 4:2 voran. Das große Ziel Regionalliga, immerhin dritthöchste Spielklasse in Österreich, ist beinahe erreicht. Joshua Ndybisi wird im Falle des Aufstieges weiterhin im Fixkader bleiben. Was ihm abseits des Rasens seit Jahren verwehrt wird, ist am Fußballplatz kein Problem. Asylwerber können genauso einfach einen gültigen Spielerpass des ÖFB erhalten wie jeder andere. „Wie viele es österreichweit sind, können wir nicht sagen, aber es ist eine beträchtliche Zahl“, heißt es dazu auf Anfrage des 20er aus dem ÖFB. Der Status „Asylwerber“ werde aber beim Ausstellen eines Spielerpasses nirgends gesondert vermerkt, so der ÖFB weiter: „Weil wir beim Fußball niemanden diskriminieren wollen.“
Das Spiel am Fennerareal ist vorbei: Heimsieg für Union/Reichenau. Der wolkenverhangene Himmel hat aufgehört zu weinen, doch nun zieht schon die Nacht übers Spielfeld am Hofgarten herein. Joshua packt seine Sporttasche und spaziert entlang der regennassen Straße nach Hause. Eilig hat er es nicht, denn dort wartet ohnehin niemand auf ihn. So glücklich Joshua am Fußballplatz auch ist, er würde seinen Spielerpass sofort gegen den positiven Asylbescheid eintauschen: „Damit das Warten ein Ende hat und ich endlich richtig arbeiten gehen kann. Ich bin jung, ich will eine Familie gründen und leben.“