14.000 Tiroler sind spielsüchtig. Über tausend illegale Spielautomaten animieren allein in Tirol zum Zocken, dabei ist das Glücksspiel, bis auf wenige Ausnahmen, eigentlich verboten. Durch laufende Gerichtsverfahren sind der Polizei jedoch weitgehend die Hände gebunden. JULIA STALLER, STEFAN HOHENWARTER
Um 11:30 Uhr in einer Innsbrucker Spielhalle: Auf geschätzten fünfzehn Quadratmetern reiht sich ein Spielautomat an den anderen, ein Spieler an den anderen. Die nervöse Stille wird nur durch ein monotones, rhythmisches Klicken unterbrochen. Immer wieder drücken die Spieler den Start-Knopf ihres Automaten. Gesprochen wird nicht. Auf den Automaten des Nachbarn wird nur mit großer Vorsicht und heimlich geschielt. Mit einem Fünfzig-Euro-Schein nach dem anderen füttern die Spieler die Automaten, hämmern auf den Start-Knopf, starren auf die bunten Lichter, die über Sieg oder Niederlage informieren, ohne Pause, ohne Ende: Adrenalinkicks im Sekundentakt.
Auch Helmut (Name von der Redaktion geändert) stand noch vor Kurzem hier. Er hat sein gesamtes Vermögen verloren und noch mehr als das. Nur Schulden blieben ihm aus seiner Zeit als Spielsüchtiger. Begonnen hat alles als Jugendlicher, als er mit vierzehn Jahren das erste Mal kriminell wurde und sein gestohlenes Geld in einen Automaten steckte. Helmuts Spielsucht begann mit einer Glückssträhne. Der Gewinn habe ihn dazu animiert, weiterzumachen, erzählt er heute. Und als die Glückssträhne vorbei war, versuchte er wieder und wieder an Geld zu kommen, nur um weiterzocken zu können. Wenn Helmut heute von seiner Zeit als Spielsüchtiger erzählt, wirkt er gefasst und frei von jeglicher Gefühlsregung. Das war nicht immer so: „Wenn du spielst, beginnst du dich irgendwann selbst zu hassen.“ Er nippt an seinem Kaffee und wird nachdenklich: „Spielsucht beendet Beziehungen. Du distanzierst dich von deinem Leben, von deinen Freunden, von deinen Hobbys. Irgendwann stehst du allein vorm Automaten und hast nichts und niemanden mehr.“
Dabei ist Helmut bei weitem nicht der Einzige, der durch Spielsucht sein soziales Leben verloren hat. Der österreichische „Verein Spielsuchthilfe“ schätzt, dass 1,5 Prozent aller Österreicher spielsüchtig sind. Allein in Tirol seien es an die 14.000 Menschen, rechnet der Tiroler Suchtberatungsverein BIN vor. Pathologisches Spielen, so die trockene Definition des Krankheitsbildes, ist die Unfähigkeit, dem Impuls des Glücksspiels oder Wettens zu widerstehen. In der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) wird die Spielsucht in dieselbe Kategorie wie Kleptomanie, Trichotillomanie, also dem Zwang, sich die Haare auszureißen, und der pathologischen Brandstiftung gereiht. Gemäß neuesten Studien rutschen immer mehr Jugendliche in die Spielsucht ab, zugleich sind die Beratungsstellen überfüllt. Trotzdem reagiert die Politik nicht.
Dass Glücksspiel bei hohen möglichen Gewinnen außerhalb von Casinos untersagt ist, ist rechtlich klar. Es gibt sogar drei unterschiedliche Gesetzesmaterien, die sich damit beschäftigen: Glücksspiel ist einerseits ländergesetzlich geregelt. Laut Tiroler Veranstaltungsgesetz sind „Geldspielapparate“ generell verboten, ausgenommen sind hier nur typische Kirtagsspiele, wie etwa solche, bei denen mittels mechanischen Arms nach Stofftieren oder Geldscheinen geangelt wird. Bundesgesetzlich ist laut dem Glücksspielgesetz außerdem jede Form von Glücksspiel verboten, bei dem der Einsatz 1,50 Euro übersteigt und ein Gewinn von mehr als zwanzig Euro möglich ist. Liegen Einsatz und Gewinn darunter, gilt das Glücksspiel als „kleines Glücksspiel“ und ist – wie in Wien, Niederösterreich, Kärnten und der Steiermark – erlaubt, sofern nicht im jeweiligen Bundesland, wie etwa in Tirol, eine andere Regelung greift. Zusätzlich ist unerlaubtes Glücksspiel auch im Strafrecht erfasst, bei einer Verurteilung drohen bis zu sechs Monate Haft. „Dadurch, dass bei vielen Automaten mehrere Spiele gleichzeitig laufen können, übersteigt der Einsatz locker 1,50 Euro und zählt damit eigentlich nicht mehr als kleines Glücksspiel“, erzählt Helmut aus seiner Zeit als Süchtiger. Er fordert ein hartes Durchgreifen gegen Automatenbetreiber.
Doch: Sämtliche Verfahren gegen Automaten-Betreiber in Tirol stehen derzeit still. Grund ist eine Anfechtung des österreichischen Glücksspiel-Monopols vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH). Würde das Monopol ersatzlos aufgehoben, wäre das Verbot des Glücksspiels in Österreich für andere Betreiber als Casinos Austria und die Österreichische Lotterie nicht mehr haltbar und viele laufende Strafverfahren müssten eingestellt werden. „Wir können derzeit nicht mehr machen als anzeigen, und das tun wir auch regelmäßig“, erläutert Peter Oehm vom Landespolizeikommando Tirol. Nun liege der Ball bei den Gerichten, die ihrerseits auf das Urteil des EuGH warten. Die Rechtslage sei momentan dermaßen undurchschaubar, dass selbst der Polizei weitgehend die Hände gebunden sind, meint Oehm: „Wenn wir Geräte beschlagnahmen, haben wir sie bei uns stehen und werden von den Betreibern verklagt, weil wir denen die Geschäftsgrundlage nehmen.“
Auch das Bundes-Glücksspielgesetz soll demnächst reformiert werden. Die Bundesregierung feilt bereits seit Ende 2008 an einer entsprechenden Vorlage, zu Redaktionsschluss war aber auch hier noch nichts beschlossen. Zuletzt hieß es unter anderem, dass mit der Gesetzesnovelle eine Beschränkung der erlaubten Spielautomaten auf einen pro 1.200 Einwohner kommen sollte – mit geschätzten 1.500 Automaten stehen derzeit fast drei Mal so viele in Tirol, als nach der Gesetzesänderung erlaubt wären.
Und so bleibt vorerst alles beim Alten. Spielautomaten stehen in vielen Lokalen in der Ecke und verleiten zum Zocken. „Ich habe ständig ans Spielen gedacht. Ich war angespannt und gereizt, wenn ich nicht spielen konnte“, erzählt Helmut. Das Verhalten sei so ähnlich wie bei Alkoholikern oder Drogenabhängigen, meint auch Manuel (Name von der Redaktion geändert). Auch er hat schon öfters probiert, von der Spielsucht loszukommen, geschafft hat es der Tiroler aber noch nicht. Trotz Therapie. Heute ist er verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Dass er in die Spielhallen geht, um sein Geld zu verzocken, weiß niemand, selbst seine Frau nicht. „Viele Menschen können mit dem Outing nicht umgehen, verstehen nicht, dass Spielen eine Sucht sein kann“, flüstert Manuel mit gesenktem Kopf und erläutert, wie schwierig es sei, das eigene Lügengerüst aufrechtzuerhalten. Auch Helmut kennt das nur zu gut aus vergangenen Tagen. Neben der Gefahr der sozialen Isolation, erzählt Helmut, „kommen dann noch die Suizidgedanken hinzu, die du beim Verlieren hast. Wenn ich verloren habe, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich wollte nicht mehr leben.“ Geld scheint im Leben beider eine große Rolle zu spielen – egal ob noch in der Spielsucht gefangen oder eben nicht. Es scheint, als könnten sie ihre persönliche Glücksspiel-Buchhaltung in- und auswendig. Jeden Gewinn, jeden Verlust können sie sich ins Gedächtnis holen, erzählen, wo und wann sie wie viel in Automaten gesteckt und wieder herausbekommen haben.
Der Besuch bei einer wöchentlichen Selbsthilfegruppe hat Helmut dabei geholfen, von der Spielsucht loszukommen. Eine solche leitet der Sozialarbeiter Christoph Hannemann in Mutters. „Wenn jemand in die Selbsthilfegruppe kommt, merkt er oft das erste Mal, dass er nicht alleine ist“, erläutert er seine Erfahrung. Wie auch bei anderen Süchten können sich Spielsüchtige ihre Sucht nur schwer eingestehen. „Meist ist es erst dann so weit, wenn eine absolute Katastrophe eintritt“, erklärt der Sozialarbeiter: Wenn etwa die Partnerschaft in die Brüche geht, man straffällig wird oder die Arbeit verliert. „Erst durch diese massiven Konsequenzen wachen Spielsüchtige auf.“ Spielsüchtige erfahren jedenfalls nur selten Verständnis von ihrer Umwelt. Abhängigkeit wird mit einer Substanz in Verbindung gebracht – mit Alkohol, Nikotin oder anderen Drogen – mit Spielen jedenfalls nicht. „Das wird dann schon mal als bloße Schwäche abgetan“, weiß Hannemann. Selbst die österreichische Krankenkasse erkennt die Spielsucht als Krankheit nicht an.
Dass er süchtig ist, das weiß Markus. Genauso wie für Helmut war der Lernprozess aber auch für ihn schmerzhaft. Und die Sucht hat ihn immer noch im Würgegriff: „Das Schlimmste ist dabei für mich, dass ich noch nicht einmal mit meinem Sohn spielen kann. Denn ich kann ihn nicht gewinnen lassen. Das bricht mir das Herz.“