20er
Soziales

Unfallambulanz - Oberschenkelhals- und Schlüsselbeinbruch

Foto: Dave Bullock


Wenn der Zufall es will und ein Unfall passiert, ist dies meist mit einem Notfall verbunden. Davon landen in etwa 48.000 Betroffene im Jahr an der Unfallambulanz der Universitätsklinik in Innsbruck. Besonders an den Winterwochenenden herrscht hier Hochbetrieb. EVA JANOVSKY, MARTHA FUCHS






Zügig verschwinden die Lamellen des Einfahrtstors an der Decke. Das Rettungsfahrzeug fährt mit Blaulicht auf die Einfahrtsrampe. Mit einem leisen Schleifgeräusch öffnet sich die metallene Schiebetür zur Unfallambulanz an der Universitätsklinik Innsbruck. Zwei dunkelblau gekleidete Pfleger nähern sich dem Rettungsauto, aus dem ein kleines blondes Mädchen auf einer Bahre liegend geschoben wird. Beim Ausladen fällt ein schwarz-weiß geflecktes Stoffhündchen auf den Asphalt. Die Mutter der Kleinen steigt schnell aus dem Wagen, hebt es auf und setzt es ihrer Tochter wieder auf den Bauch. „Hast du dein Lieblingskuscheltier zu uns mitgebracht?“, fragt Pfleger Sebastian. Die Kleine schaut verängstigt und bringt keinen Ton hervor. „Das bekam Maike von dem netten Sanitäter im Einsatzfahrzeug“, erklärt ihre Mutter mit zaghafter Stimme, während sie sich zu einem Lächeln durchringt. Die wenigen Meter von der Rampe bis zu den Ambulanzliegen im Klinikgebäude sind die Hände von Mutter und Tochter fest ineinandergeklammert. Die Pfleger heben das wimmernde Mädchen vorsichtig auf eine der Liegen, Oberarzt Andreas Bölderl erkundigt sich inzwischen bei der Mutter nach dem genauen Unfallhergang. Ruhig gehen die Rettungssanitäter aus dem Ambulanzbereich und fahren ihren Wagen vorne durch das Ausfahrtstor.


Maike und ihre Mutter sind bereits im Untersuchungsraum 4 angekommen, wo Pfleger Sebastian und sein Kollege Martin dem Mädchen die Skischuhe und die Skihose behutsam ausziehen. Das schmerzerfüllte Schreien ihrer Tochter verursacht bei der Mutter weiche Knie und sie verlässt blass den Untersuchungsraum. Auf einem an der Decke montierten Bildschirm sieht sie in einer farbigen Tabelle die Daten ihrer Tochter aufscheinen. Im selben Moment tritt Maikes Vater in den Raum: „Hallo. Wie geht es ihr denn? Das mit der Anmeldung habe ich soeben erledigt.“
Mehr als 200 Leicht- und Schwerverletzte werden an Winterwochenenden täglich verarztet. Zwei bis drei Ärzte, von denen einer für den Stationsbetrieb zuständig ist, sind samstags und sonntags im Dienst. Immer mehr Sportverletzungen, deren Schweregrade tendenziell zunehmen, müssen behandelt werden. Schnelleres Material führt zu Stürzen und Zusammenstößen, die oftmals mit argen Schädelverletzungen einhergehen. Snowboarder verletzen sich vorwiegend an den oberen Extremitäten, Skifahrer hingegen eher an den Beinen. Rodler werden meist mit Blessuren an den Füßen eingeliefert. „Oft ist Alkohol im Spiel. Ab 23 Uhr ist kaum mehr einer der Eingelieferten nüchtern, jede weitere Stunde steigt die Promilleanzahl kontinuierlich an“, beschreibt Oberarzt Rene El Attal die Arbeit im Nachtdienst. Neben Sportverletzungen, Arbeits- und  Haushaltsunfällen kommen auch alte Menschen mit Sturzverletzungen in die Unfallambulanz.


Die Erstuntersuchung der achtjährigen Maike ist abgeschlossen, das Mädchen wird in Begleitung der Eltern zum Röntgen geschoben. Oberarzt Bölderl verlässt den Untersuchungsraum und wird am Gang von einer Kollegin abgefangen: „Gleich kommt ein knapp Dreißigjähriger mit Suizidversuch. Du musst in den Schockraum, das Narkoseteam ist bereits informiert, ich übernehme das Mädchen, das gerade gekommen ist.“ Der Oberarzt macht sich schnell auf den Weg und erreicht den Schockraum, als der Patient gerade eingeliefert wird.


Bis zu 70 lebensgefährlich Verletzte werden monatlich in diesem Hightechraum behandelt. „Hier geht’s um die Wurst“, fasst Oberarzt El Attal das Geschehen im Schockraum zusammen. Der erste Schritt ist die Stabilisierung der lebensnotwendigen Funktionen des Körpers. Hinter dem Raum, der mit Röntgen, einer Anästhesieeinheit und unzähligen medizinischen Produkten ausgestattet ist, befindet sich ein Computertomograph. Innerhalb von neun Minuten wird auf hoch auflösendem Bildmaterial der Mensch in Scheiben dargestellt, um innere Verletzungen sichtbar zu machen. Die rasche und richtige Prioritätensetzung der körperlichen Schäden kann über Leben und Tod entscheiden. „Wir bezeichnen den Unfall als First Hit, ein Schlag, den wir nicht beeinflussen können. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen, wie Neurologie und Unfallchirurgie, können wir zumindest den Second Hit passend setzen. Das heißt, dass wir die nächste Belastung für den Patienten, das ist meist die Operation, zum idealen Zeitpunkt planen. Es kann vorkommen, dass beispielsweise an Kopf und Bein gleichzeitig operiert wird“, führt El Attal die Vorgangsweise im Schockraum aus.


Die farbigen Tabellen am Bildschirm, der die Daten der anwesenden Patienten zeigt, werden zunehmend länger. Neben dem rot unterlegten Balken des suizidalen Patienten – die Farbe Rot kennzeichnet Notfälle – leuchten bereits drei mehrstündige Wartezeiten unübersehbar von der Anzeige. Die Sitzplätze im Wartebereich füllen sich zusehends. Ein Mitte-30-Jähriger mit einem großen braunen Pflaster über der linken Augenbraue wartet in Begleitung seiner Frau, bis sein Name über die Lautsprecher ausgerufen wird. An seinem schwarz-roten Jogginganzug hängen kleine Holzspäne. „Bei der Arbeit an der Kreissäge ist mir heute Morgen ein Holzstück an die Schläfe gespeckt. Die Platzwunde muss genäht werden“, erzählt der junge Mann. Gleich darauf humpelt ein dunkel gelockter Wintersportler zur Sekretärin bei der Anmeldung. Gegenüber sitzt eine ältere Frau mit blasser Gesichtsfarbe auf den Bankreihen an der Wand. Ihre rechte Hand ist weiß bandagiert. Ein roter Blutfleck sickert an der Oberseite des Verbandes durch.


Im hinteren Bereich des Wartesaals betätigt die Ärztin den Türöffner zum Gipsraum. Maike wird in Begleitung ihrer Eltern durch die sich langsam öffnende Tür in die zweite der vier Gipskojen geschoben. Dort reißt Gipser Christian mit stoischer Gelassenheit Leukoplaststreifen von der Rolle und klebt sie auf die letzten freien Zentimeter des Regalbodens an der Wand. Der Raum ist geruchlos und kühl, doch Christian verbreitet mit unkomplizierter Herzlichkeit rasch Wärme. „Bist zu schnell am Weg gewesen, hm?“, fragt er die verängstigte Maike. „Sie ist mit ihren Skiern in einer Mulde hängengeblieben. Und das ausgerechnet an unserem ers-ten Urlaubstag“, bedauert der Vater und streicht der Kleinen über die Wange.


Rund hundert Gipse werden hier jeden Tag angelegt. Christian erinnert sich, dass vor einigen Jahren etwa fünfzehn Tonnen Gips pro Jahr verarbeitet wurden. Heute dürften es mehr sein, obwohl inzwischen auch viel Kunststoff verwendet wird. Ungeachtet der Palette von 21 möglichen Farben wird an der Uniklinik in Innsbruck alles in Beige gegipst. „Wir haben weder den Stauraum, die Zeit, noch die Nerven, um uns mit Farbdiskussionen herumzuschlagen“, erklärt Christian mit einem Augenzwinkern und hängt sich dabei eine dicke weiße Plastikschürze um. Zehn bis dreißig Minuten lang dauert das Auftragen eines Gipsverbandes. Die ersten Tage bleibt der Fixverband einen Spalt breit offen. Erst später, wenn die Schwellung nachlässt, wird dieser geschlossen. Herkömmliche weiße Gipse werden meist händisch aufgeschnitten, für Kunststoffmaterial starten Christian und sein Kollege Horst die Flex. Auffällig blitzen bunte Tätowierungen an den Armen von Horst hervor und geben einen starken Kontrast zur weißen Arbeitskleidung und dem hell gefliesten Raum. Auf seinem Poloshirt ist mit schwarzen Lettern Gipszimmer aufgestickt. Horst schiebt eine große Nirostawanne mit Wasser und den noch trockenen Gipsbandagen zu Christian in die Koje: „Schau, ich hab euch schon alles vorbereitet.“ „Danke, dann können wir mit dem Verwöhngips anfangen“, antwortet Christian und lächelt dabei aufmunternd. Die Ärztin wirft noch einen letzten prüfenden Blick auf die Röntgenbilder an den Bildschirmen, bevor sie das Bein des kleinen Mädchens anhebt. Maike schreit laut auf. „Jetzt musst du noch einmal tapfer sein“, versucht der nervöse Vater die Kleine und sich selbst zu beruhigen, „dann haben wir es überstanden.“


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