20er
Soziales

Verraten, verkauft, versklavt - Endstation Zwangsprostitution

Foto: Herby Sachs/version-foto.de


Männer lieben Prostituierte aus Russland und dem restlichen Osteuropa. In Nachtlokalen und Striptease-Bars sind immer gleich mehrere zu finden. Sie gelten als unterwürfig und sie machen alles, was von ihnen verlangt wird. „Die Ostblock-Mädchen sind freizügiger und haben auch die bessere Figur“, sagt Erwin, Barmann im Queens Club am Wiener Gürtel, „und sie wissen eh schon, worums geht.“ Die Zahl fremdländischer Sex-Arbeiterinnen wächst. Sie bedienen eine steigende Nachfrage. GEORGIA SCHULTZE





Ich hatte sehr viele Kunden. So viele, dass ich sie nicht mehr zählen kann“, erzählt Natia aus Georgien. Eine junge Frau, mit dunklen Augen, schwarzen Haaren und einem stark geschminkten Gesicht. Sie hat ihren Körper monatelang in der Türkei vermietet. Als Sex-Gefangene in einem Bordell. „Ich habe dort ständig geweint“,  erinnert sie sich: „Es hat keine Minute gegeben, in der ich nicht geweint habe. Ich wollte nicht weinen. Wenn ich die Kunden vor mir sitzen sah, sind die Tränen von selbst gekommen.“ Natia wurde verraten, verkauft und versklavt, um die Schulden für ein gefälschtes Visum abzubezahlen. Mit dem sie eigentlich das große Geld machen wollte.


Meistens beginnt das Elend mit einem Traum. Vom besseren Leben. Von einem verheißungsvollen Job im Westen. Rückblick: Natia wächst auf dem Land auf, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kutaisi. Als 14-Jährige lernt sie tippen und nähen. Doch Job bekommt sie keinen: „Es gibt hier keine Arbeitsplätze“, murmelt Natia missmutig. Etwas über 20 Jahre alt ist Natia, als sie eine Bekannte trifft. „Das Mädchen ist die Ehefrau von einem Klassenkameraden, sie war wie eine Freundin für mich“, erinnert sich Natia. „Ich habe gewusst, dass dieses Mädchen oft in die Türkei gegangen ist, um zu arbeiten, aber ich wusste nicht, was.“ Die Frau verspricht ihr, dass sie angeblich legal in der Türkei arbeiten könne. Sie bietet ihr an, sie in die Türkei zu bringen, in das Casino, in dem sie dort arbeitet. Natia hat keine Ahnung, was unter einem Casino zu verstehen ist. Und: Sie hat keinen Pass, ist noch nie im Ausland gewesen. Ihre Bekannte erklärt ihr, dass sie ihr einen Pass machen lassen werde. Natia vertraut der Frau: „Sie hat gesagt, pro Person muss man 1.000 Dollar zahlen, um über die Grenze zu kommen.“ Das Geld soll sie später zurückbezahlen.


Natia hat keine Ahnung, dass das der Preis ist, um den sie an eine weitere Frau verkauft wird: „Sie hat gesagt, wenn sie in der Türkei ist, dann könnt ihr ihr den Pass wegnehmen und mit ihr alles machen, was ihr wollt.“


Im April beginnt Natias Reise direkt in einen Sexklub. Es schneit. Der Kleinbus sucht sich den Weg durch die Berge in die Türkei. Die Fahrt dauert lange. Natia hat die Orientierung längst verloren, als der Bus ein Hotel erreicht. Dort wird sie direkt in den Keller gebracht, in dem sich türkische Männer mit georgischen Mädchen amüsieren. Einer der Männer nimmt ihr den Pass ab und eine Frau spricht sie auf Türkisch an: „Wie soll ich Dir es sagen?“, fragt sie und erläutert, „die Frau, die dich uns gegeben hat, hat dich verkauft.“ Natia versteht nicht. Weder Türkisch, noch was „verkaufen“ oder „trafficking“ bedeutet. Sie antwortet: „Verkauft? Ich bin ja hierhergekommen, um zu arbeiten.“ Wenig später erklärt die Frau Natia, was sie von ihr erwartet: „Du sollst hier sitzen und die türkischen Kunden werden dich rufen und du gehst mit dem, dem du gefällst. Sie werden dir Geld geben und du wirst alles machen, was sie wollen.“ Allmählich begreift Natia ihre Situation. „Die haben 1.000 Dollar für dich bezahlt, und sie wollen dieses Geld zurückhaben“, droht ihr die Frau. Sollte sie zur Polizei gehen oder versuchen wegzulaufen, würden die Männer sie einfach umbringen. Natia bekommt Todesangst: „Das war so schrecklich. Ich habe angefangen zu weinen und zu zittern.“


Keine Minute lässt man sie aus den Augen. Sie ist gefangen. Irgendwo in der Türkei. Wo genau, hat Natia nie herausgefunden. Der Dreck und der Gestank in den Separees widert sie an. Aber sie muss ihren ersten Kunden bedienen. „Am Anfang hat mich die Frau am Arm zu den Kunden gezerrt“, erinnert sich das georgische Mädchen mit den großen dunklen Augen, „dann sagte sie etwas auf Türkisch zu den Kunden und sie nahm das Geld.“ Die Frau schreibt ihr türkische Wörter auf und sagt ihr dazu Preise, denn sie könne „ja nicht den ganzen Tag an der Tür stehen“. Natia wisse ja, wie viel Geld sie verdienen müsse, um ihre Schulden zu bezahlen.


„Wenn die Kunden betrunken waren, haben sie mich schlecht behandelt“, sagt Natia wie automatisch und starrt ins Leere: „Ich habe alle gehasst.“ Einmal, erzählt sie, flüchtet sie vor einem Freier auf die Toilette. Sie schließt sich ein, doch ihre Zuhälterin klopft an die Tür und ruft: „Komm raus! Er hat bezahlt!“ Doch Natia antwortet: „Er hat mir nichts gegeben. Er hat das Geld dir gegeben. Also geh du und schlaf mit ihm!“ Plötzlich sei die Stimme der Frau leise geworden: „Es ist mir früher so wie dir gegangen“, lockt sie die junge Georgierin, „ich wollte das auch nicht machen und musste es machen.“ Als Natia schließlich die Toilettentür öffnet, schleppt sie der Mann zurück ins Zimmer: „Und dann hat er mich leiden lassen.“ Die Georgierin wendet sich ab. Sie greift zu einer Zigarette und flüstert: „Es ist schon schwer, wenn dein eigener Ehemann dich so behandelt, und noch mehr, wenn ein fremder Mann das mit dir macht.“
Zu diesem Zeitpunkt hat sich Natia aufgegeben. Immer wieder wird sie vor Fluchtversuchen gewarnt: Wenn sie weglaufe, werde die Polizei sie wieder zurückbringen. Oder sie gleich töten und wegwerfen, wird ihr gedroht. „Und wohin hätte ich denn laufen sollen?“, fragt Natia. Bis zu dem Tag, an dem sie auf eine andere Art wegläuft. Sie wird krank, bekommt Fieber, einen Ausschlag und wird so dünn, bis sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst ist. Ihr Bauch schmerzt und bläht sich fußballgroß auf. Eine Zyste in ihrem Unterleib droht aufzuplatzen. Ihre Rückkehr wird arrangiert.


Der Hotelbesitzer gibt Natia ihren Pass. Er fährt sie an die georgische Grenze. Dort setzt er sie aus. „Ich bin gelaufen, gelaufen, gelaufen und habe ständig zu Gott gebetet, dass ich Georgien erreiche“, erzählt Natia. „Als ich die Grenze erreicht habe, bin ich noch auf dem Gehsteig in Ohnmacht gefallen, und alles in meinem Bauch ist aufgeplatzt.“ Als Natia die Augen öffnet, stehen Leute um sie herum und bespritzen sie mit Wasser. Ein georgischer Drogenfahnder, der die Szene mit angesehen hat, hilft dem Mädchen. Er bringt sie zu einem Krankenhaus. Ihre Zeit als Prostituierte ist vorbei.


Heute will Natia nur eines: die Türkei vergessen. Sie sitzt mit einer Dolmetscherin in der Küche des World-Vision-Büros in der georgischen Stadt Kutaisi. World Vision setzt sich in Georgien seit einiger Zeit für den Kampf gegen Menschenhandel und für Menschenrechte ein. Rund 100 Georgierinnen werden jährlich als Nachschub für den Sex-Markt ins Ausland verkauft und zur Prostitution gezwungen. Doch bei Menschenhandel sind die Dunkelziffern sehr hoch. Wie viele der mehrere 100.000 Menschen, die im vergangenen Jahr ausgereist sind, wurden Opfer von Menschenhändlern? In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist die Not vielfach noch so groß, dass junge Frauen leicht mit unseriösen Angeboten zu locken sind. Besonders dort, wo die Armut am schlimmsten ist, fallen die falschen Versprechungen der Menschenhändler auf fruchtbaren Boden. Eine Tragödie, sagt Elmar Kuhn, früher Sprecher von World Vision: „Jobs als Kellnerin oder Rezeptionistin stellen die Menschenhändler ihren Opfern in Aussicht.“


77 Prozent aller weltweit registrierten Fälle von Menschenhandel sind junge Frauen, viele noch Mädchen im Kindesalter. Insgesamt sind es zwei bis vier Millionen Menschen, die pro Jahr Opfer von skrupellosen Menschenhändlern werden.
Sie träumen von einem besseren Leben im verheißungsvollen Westen. Das ist der Anfang vom Elend. Viele Frauen und Kinder werden auf Bestellung in die Zwangsprostitution verscherbelt, auch mitten in Wien. 80 Prozent der Opfer sind Frauen und Kinder, die als Zwangsprostituierte auf der Straße reicher Länder landen. Menschenhandel gehört neben dem Waffen- und Drogenhandel zu den einträglichsten kriminellen Geschäften. Jährlicher Umsatz weltweit: 35 Milliarden Dollar.


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