Depression, Sucht und Demenz sind die häufigsten psychischen Erkrankungen. Obwohl durch Vorbeugemaßnahmen viele Krankenhausaufenthalte zu verhindern wären, bleibt einigen Betroffenen der Gang in die Psychiatrie nicht erspart. Die „Heilung des Andersseins“ ist meist erfolgreich, trotzdem hält sich das Stigma „Psychiatrie“ hartnäckig. MARTHA FUCHS, EVA JANOVSKY
Paul und Marcel bleiben im diffusen Dämmerungslicht stehen. Wie jeden Tag führte ihr Heimweg von der Schule quer durch den Park des Psychiatrischen Krankenhauses in Hall in Tirol. Dieses Mal wollten die beiden Schüler aber ein Abenteuer erleben: Sich einmal in die „Heili“ trauen, ein einziges Mal den Mut aufbringen und die „Verrückten“ in diesem geheimnisvollen Gebäudekomplex treffen. Nun stehen sie im Gang der Drogenentzugsabteilung und können das eben Erlebte nicht zuordnen. Ihr klischeehaftes Bild von der „Heili“ zerbröckelt.
Vorbei an einem grün-weißen Holzpavillon folgte Paul seinem Freund auf einem Pfad durch die hoch gewachsenen Nadelbäume zum Haus Nummer 4. Vor zehn Jahren wurden die Abgrenzungsmauern der damaligen Landesheil- und Pflegeanstalt geschliffen. Ein Zeichen, das die Entstigmatisierung der medizinischen Fachrichtung Psychiatrie deutlich machen sollte, wurde gesetzt. Das ursprüngliche Bild einer Verwahranstalt wurde aufgebrochen und erneuert. Nicht nur Heilung und Symptomverbesserung, sondern auch die Wiedererlangung von Autonomie sowie Arbeits- und Beziehungsfähigkeit sind die grundlegenden Therapieziele in der modernen Psychiatrie. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als „ein umfassendes Wohlbefinden von Körper, Geist und Seele und nicht nur als Abwesenheit von Krankheit“. Es sei Zeit, Vorurteile gegenüber psychisch erkrankten Menschen abzulegen, meint auch Wolfgang Markl. Er ist Verwaltungsdirektor des Psychiatrischen Krankenhauses in Hall. „Durch Vorurteile kommen Betroffene nicht oder zu spät zu uns in Behandlung, was eine erfolgreiche Therapie oftmals erschwert“, erklärt Markl. Und: „Weltweit jeder vierte Mensch ist im Laufe seines Lebens direkt von einer psychiatrischen Krankheit betroffen“, zitiert Markl den Innsbrucker Professor für Psychiatrie, Hartmann Hinterhuber.
Öffnet man die Glastür des Traktes Nummer 4, steigt einem ein dezenter Geruch in die Nase, der an einen Zahnarztbesuch erinnern könnte. Die spannungsgeladene Stille, die die Stiegen umgibt, wird weder durch Schreie, Gekreische noch Stöhnen unterbrochen. Der lange helle Gang ist von zahlreichen Philodendren, zwei Fahrradergometern und einer gemütlichen Sitzecke eingerahmt. An den Wänden hängen bunte Seidenmalereien. Einzig drei junge Pfleger in ihren weißen Kasacks, die vor dem Dienstzimmer diskutieren, geben die Krankenhausatmosphäre eindeutig wieder.
Eine junge Frau mit langen braunen Haaren spaziert durch den Gang. Gudrun ist hier Patientin und auf dem Weg zur Einzelgesprächstherapie: „Vor einem Jahr haben mein Mann und ich geheiratet, ich wurde rasch schwanger und es verlief alles so, wie wir uns das erträumten.“ Seit der Geburt ihres Sohnes vor drei Wochen sei dann alles anders gekommen. Ihr Leben sei aus den Fugen geraten, erzählt Gudrun: „Ich lebe wie hinter einer Nebelwand, kann nicht klar denken und mich über nichts freuen. Eine unbeschreibliche Leere und Hoffnungslosigkeit bestimmt mein ganzes Denken und ich schäme mich unendlich dafür, dass ich meinem Sohn gegenüber nichts empfinde.“ Nach zahlreichen schlaflosen Nächten hätten sich ihre Gedanken in eine gefährliche Richtung zu verselbständigen begonnen, meint Gudrun betroffen. „Ich musste zusehen, wie mir alles unter den Händen wegglitt. Da wusste ich, dass ich professionelle Hilfe brauche.“
Auf zwölf Stationen, die sich auf sechs Gebäude aufteilen, werden Patienten durchschnittlich dreizehn Tage lang behandelt. Für bis zu 250 Patienten stehen neben fünfzig psychiatrischen Fachärzten auch Ergo-, Psycho- und Physiotherapeuten, Sozialarbeiter und professionelles Pflegepersonal zur Verfügung. Im Jahr 2008 wurden rund 6000 Aufnahmen im Psychiatrischen Krankenhaus in Hall registriert. Auf vier allgemeinen Stationen werden Erwachsene mit psychiatrischen Krankheiten, Verhaltensauffälligkeiten – sowohl mit als auch ohne körperlichen Störungen – sowie Persönlichkeitsstörungen behandelt. Eine Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es hier nicht, sondern nur an der Universitätsklinik Innsbruck. Zwei Gerontopsychiatrien widmen sich Krankheiten, die vor allem im Alter auftreten, wie zum Beispiel der Demenz oder der Altersdepression. Die beiden Suchtstationen im Psychiatrischen Krankenhaus in Hall sind in die Bereiche Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit als legale Form und in die Drogenentzugsstation als illegale Form des Substanzmissbrauchs eingeteilt. Und in der Tagesklinik werden Patienten betreut, bei denen eine ambulante Behandlung nicht ausreichend, ein stationärer Aufenthalt jedoch auch nicht notwendig ist. Ziel ist die kurz- bis mittelfristige soziale und berufliche Rehabilitation akut und chronisch Kranker und der Verbleib der Patienten in deren gewohntem Umfeld.
Die sozialpsychiatrische Abteilung und die Psychotherapiestation am Psychiatrischen Krankenhaus in Hall widmen sich Erwachsenen mit ausreichender Therapiemotivation und Störungsbildern wie Angst- und Panikstörungen oder Persönlichkeitsdefiziten. „Die Forensik ist die einzige komplett geschlossene Station“, erklärt Verwaltungsdirektor Wolfgang Markl. Dort stehen sechzehn Betten für noch nicht rechtskräftig verurteilte Personen, denen eine Straftat unter Unzurechnungsfähigkeit vorgeworfen wird, zur Verfügung. „Geistig abnorme Rechtsbrecher kommen normalerweise in eine Justizvollzugsanstalt; nur wenige bleiben aufgrund des geringen Strafausmaßes und der Nähe zum sozialen Umfeld bei uns“, beschreibt Wolfgang Markl diese Abteilung.
Klischeehafte Bilder wie Fixierungsmaßnahmen und Zwangsbeschränkungen halten sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen, wenn sie an eine Psychiatrie denken. Doch weder in der Forensik noch in einer anderen psychiatrischen Abteilung findet sich die gefürchtete „Gummizelle“. Zwangsjacken werden nur im Notfall und ausschließlich für den Transport ins Psychiatrische Krankenhaus verwendet. Durch das Unterbringungsgesetz werden auch andere freiheitsberaubende Maßnahmen, wie das Anbringen von Bettgittern, Gurten oder medikamentöse Ruhigstellung, geregelt. Die Zwangseinweisung kann erst durch zwei unabhängige psychiatrische Gutachten und einen richterlichen Beschluss vollzogen werden. Außerdem sorgen sich sechs Patientenanwälte um die Rechte der Erkrankten. In der Abteilung für Drogenentzug muss ein therapiewilliger Klient rund drei Monate warten, bis er stationär aufgenommen werden kann, erklärt der Oberarzt der Drogenentzugsstation, Ekkehard Madlung. „Wer einmal die Entzugsstation während der Therapie verlässt, bricht automatisch ab und hat damit seine Chance vertan, durch professionelle Hilfe von den Drogen wegzukommen“, beschreibt Ekkehard Madlung. „Ziel unserer Bemühungen ist es, die Lebensqualität zu verbessern und langfristig gesund und zufrieden zu leben, gegebenenfalls auch mit Drogen.“ Die Verbesserung der Lebensqualität – ein Prinzip, das die Psychiatrie in all ihren Arbeitsweisen und -schritten verfolgt. Und damit so manches Klischee einer „Heili“ zerbrechen lässt.