Die Menschen im Südsudan lebten jahrzehntelang im Bürgerkrieg. Die Stadt Juba war besonders betroffen. Seit vier Jahren herrscht ein fragiler Friede. Eine junge Generation versucht nun, sich ein normales Leben in der verwüsteten Stadt aufzubauen, in einer Gesellschaft, für die Gewalt noch immer alltäglich ist. FLORIAN GASSER
„Vergangenen Herbst hat ein Fußballfan einen Schiedsrichter erschossen“, erzählt Christopher Amanjur, während er auf der Tribüne des Stadions in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, Platz nimmt. Der 24-Jährige ist Medienberater bei einer britischen Organisation und Hobbyfußballer, Stürmer beim Hilal Football Club. Heute treffen die beiden Tabellenletzten aufeinander – Al Rabita und der Nujum Football Club. Das Stadion ist gut gefüllt. Rund tausend Zuschauer sind heute hier. Seit dem Mord sind bei jedem Spiel Soldaten anwesend. Mit argwöhnischem Blick gehen sie vor dem Anpfiff die Reihen ab. Der Grund, warum der Schiedsrichter erschossen wurde, war banal: Der Unparteiische gab Freistoß, statt Vorteil spielen zu lassen. In den Augen des vermeintlichen Fans eine Fehlentscheidung. Ein Menschenleben ist im Südsudan nicht viel wert.
Jahrzehntelang war Juba ein Brennpunkt der zwei Bürgerkriege (1956 bis 1973 und 1983 bis 2005), die der Südsudan mit der Regierung in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, führte. Die Stadt ist strategisch wichtig. Von hier aus wird der Verkehr mit dem Süden Afrikas, hauptsächlich Uganda, kontrolliert. Nur eine Brücke führt über den Nil, der die Stadt Richtung Süden abschneidet. Die „Juba Bridge“ wird Tag und Nacht befahren und ist schwer bewacht. 2005 wurde ein Friedensvertrag zwischen Juba und Khartum ausgehandelt. Er sieht neben einer weitreichenden Autonomie ein Referendum für 2011 über die Unabhängigkeit vor. An der Grenze zwischen dem Norden und Süden des Sudan liegen riesige Ölfelder. Schon jetzt tobt zwischen den Regierungen ein Streit, wem diese gehören. Dass eine Sezession des Südsudan unblutig verlaufen wird, glauben die wenigsten.
Rund eine Viertelmillion Menschen leben in Juba. Genau weiß es keiner. Große Teile der Stadt bestehen aus kleinen runden Lehm- oder Holzhütten und wurden während des Krieges illegal errichtet. In den vergangenen Monaten ging die Regierung brutal gegen diese Bauten vor, machte ganze Stadtviertel mit Baggern dem Erdboden gleich. Man bemüht sich das Bild eines funktionierenden Staates zu vermitteln und dazu gehört scheinbar auch das Niederreißen der Slumsiedlungen. Die Straßen sind aus Sand und übersät mit Schlaglöchern, nur drei sind asphaltiert. Trotzdem ist die Stadt eine der teuersten in ganz Afrika. In Juba fanden in den vergangenen Jahren viele Friedenskonferenzen, unter anderem zwischen Uganda und der Rebellenorganisation Lord’s Resistance Army, statt. Dazu kommen unzählige internationale Organisationen, die sich hier niedergelassen haben. Unter 120 Euro pro Nacht ist in der Stadt kein Hotelzimmer zu bekommen. Wer hier wohnen möchte, der muss für die Miete mindestens 2.000 Euro im Monat berappen. Leisten können sich das nur die wenigsten. Wer nicht bei seinen Eltern oder Verwandten leben kann, muss ins Umland ziehen.
Die meisten Südsudanesen kennen ihr Land nur im Kriegszustand. Alle unter vierzig wuchsen im Krieg auf. Gewalt als einzige Antwort auf Probleme ist weit verbreitet. Auch beim Fußball. Die Soldaten patrouillieren inzwischen am Spielfeldrand des Stadions, das von den Briten während der Kolonialzeit errichtet wurde. Bei jedem Pfiff des Unparteiischen schauen sie aufmerksam in die Zuschauerreihen. „Jeder hat zuhause eine Kalaschnikow oder etwas Ähnliches herumliegen. Eine Waffe in das Stadion zu bringen ist nicht schwer“, sagt Christopher. Kontrolliert wird am Eingang so gut wie gar nicht und der Hass auf die Schiedsrichter ist groß. Sie gelten als korrupt, und das nicht zu Unrecht. Auch Spieler werden regelmäßig von gegnerischen Mannschaften bestochen. „Schreiben Sie, dass hier alle korrupt sind“, schreit uns ein Zuschauer zu. „Die sind noch immer verärgert, weil vergangene Woche ein Schiedsrichter zwei Tore wegen Abseits nicht gelten ließ und die Auswärtsmannschaft gewann“, sagt Christopher. „Auswärtsmannschaft“ heißt hier: aus den Vororten von Juba kommend. Die Liga beschränkt sich auf das Stadtgebiet. In andere Gegenden zu fahren wäre zu gefährlich und der Flug zu teuer.
Es ist heiß in Juba. Eigentlich wäre Regenzeit, doch außer kurzem Nieselregen ist sie bisher ausgeblieben. Die schwüle Luft treibt den Spielern schon vor dem Spiel den Schweiß ins Gesicht. Profis sind sie keine. Ebenso wenig wie der Trainer von Al Rabita. Er kommt mit dem Motorrad ein paar Minuten zu spät. Er ist Kellner und wurde aufgehalten. Sein Starstürmer von Al Rabita trägt die Nummer zehn und heißt Bakongo. Er ist als Schläger berüchtigt und muss für die Spiele per Kaution aus dem Gefängnis geholt werden. 23 Jahre ist er alt, viele davon verbrachte er in Polizeigewahrsam. Wegen seiner Brutalität wird er K-Dawg gerufen, der Kampfname eines amerikanischen Wrestlers. Das Spiel dümpelt vor sich hin. Die Kräfte der Spieler lassen schnell nach. Schnelle Sprints oder ein taktischer Spielaufbau fehlt. Es ist eine Hitzeschlacht, die zwei zu zwei endet. Nach dem Schlusspfiff laufen die Spieler aus dem Stadion. Sie schwingen sich auf eines der Motorradtaxis und fahren, noch in ihren Dressen, zur Arbeit – so sie eine haben. Starstürmer K-Dawg wird von den Soldaten wieder mit ins Gefängnis genommen.
Am Abend treffen wir Christopher im Millenium wieder, einem Nobelhotel am Rande der Innenstadt. Fast jeden Abend trifft er sich hier mit seinen Freunden. Bunte Lichter flackern an der Fassade, Kellner im Frack servieren zu überhöhten Preisen Alkohol und schlechtes Essen. Keine hundert Meter weiter liegt das Stadtzentrum, nach Einbruch der Dämmerung das gefährlichste Eck in Juba. Doch diese Seite des Sudan interessiert hier um diese Zeit niemanden mehr. „Ich bin Daniel, der erste Pornoproduzent im Südsudan“, stellt sich einer aus der Runde unter lautem Gelächter vor. Nein, er dreht keine Sexfilme, er ist Bierbrauer, stellt seine Freundin richtig. „Bis vor ein paar Jahren genauso schlimm“, wirft Christopher ein. Alkohol war wegen der islamischen Gesetzgebung bis 2005 verboten. Doch in der Autonomie für den Süden ist auch die Freigabe von Alkohol enthalten. Inzwischen steht am Rande von Juba sogar eine Bierbrauerei, wo „White Bull“-Bier gebraut wird. Betrieben wird sie von der südafrikanischen Firma SABMiller und ist die erste große ausländische Investition im Südsudan, die nichts mit Erdöl zu tun hat. Im Millenium trinkt man lieber Importgetränke, wie Tusker aus Kenia oder Heineken. „Die haben kein Erdöl in Österreich, die armen Schweine, ich zahl das Bier für die zwei“, ruft Daniel dem Kellner zu und bestellt gleich eine neue Runde – zwei Flaschen pro Person. „Wir sind jung, verdienen Geld, arbeiten hart und trinken hart“, sagt Diana. Die junge Frau mit den Rastalocken arbeitet für das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) und hat neben zwei Handys noch ein CB-Funkgerät auf dem Tisch, neben ihrem Bier und einer Flasche Whiskey, liegen. „Zur Sicherheit, falls etwas passiert und das Handynetz ausgefallen ist“, sagt sie.
Es ist die junge Schickeria, die hier verkehrt, meist mit Jobs bei einer internationalen Organisation. Aufgewachsen sind sie in anderen Ländern. Christopher wuchs in Uganda auf, wohin seine Eltern noch während des ersten Bürgerkrieges geflüchtet waren. Dort besuchte er die Universität. Erst nach dem Friedensabkommen kehrten sie mit ihren Familien zurück. Sie sind die intellektuelle Elite, in einem Land, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung weder lesen noch schreiben kann. Doch der Südsudan ist ein Pulverfass. Immer wieder kommt es in Teilen des Landes zu Unruhen mit unzähligen Toten. Der Frieden ist fragil. Das weiß auch die Runde im Millenium. Sollte es 2011 brenzlig werden, haben alle geplant, das Land zu verlassen. Christopher würde wieder nach Uganda zurückgehen. Doch daran möchte er noch gar nicht denken. Er ist optimistisch und sieht seine Zukunft in Juba: Er hat einen guten Job, geht seiner Fußballleidenschaft nach und möchte eine Familie gründen. Der Versuch von Normalität in einem Land, für das Krieg die Regel und Frieden die Ausnahme ist.