20er
Soziales

Das Briefträgerlos - Bei Wind und Wetter unterwegs

Foto: Gerhard Berger


Knapp 130 Briefträgerinnen und Briefträger sind in Innsbruck jeden Tag unterwegs. Sie bringen neben der Post vielen älteren Menschen auch die Pension, für andere ist die Post oft eine von wenigen Verbindungen zu der Außenwelt. JULIA STALLER, STEFAN HOHENWARTER








„Eigentlich habe ich nichts gegen Hunde. Ich würde nur nie einen in der Stadt halten“, sagt Edith Gattinger bestimmt. Ihr Lächeln verrät, dass sie sich vollkommen bewusst ist, dass sie damit ein Klischee zerstört: Edith Gattinger ist Briefträgerin in Innsbruck. Es ist sechs Uhr morgens in einem der drei Innsbrucker Post-Verteilzentren, jenem hinter dem Bahnhofsgelände auf der Amraser Straße. Der Kaffeeautomat surrt nahezu ununterbrochen um diese Uhrzeit, auch sonst herrscht reges Treiben. Edith Gattingers Arbeitstag hat vor kurzem begonnen, andere werken schon seit mehreren Stunden und sortieren die Post nach Zustellbezirken. So beginnt auch die Arbeit der Zustellerinnen und Zusteller: Die vorsortierte Post muss nochmals sortiert und Häusern zugeteilt werden, bevor sie tatsächlich auch den Weg dorthin findet. Routiniert sortiert Gattinger die Briefe und Poststücke Häusern und Wohnblöcken zu, ein kurzer Blick auf den Empfängernamen genügt und ihre rechte Hand findet den Weg zum richtigen Fach, ohne dass die Augen ihr folgen müssten. Edith Gattinger ist in diesem Verteilzentrum eine von 56 Zustellern und eine von nur zehn Zustellerinnen, rund siebzig weitere sind in zwei anderen, kleineren Verteilzentren im Stadtgebiet von Innsbruck tätig.


Gattinger ist tagtäglich im Saggen unterwegs, die Erzherzog-Eugen-Straße kennt sie in- und auswendig. Gattinger macht sich täglich gegen acht Uhr federnden Schrittes auf in ihren Zustellbezirk. Und das in einem Tempo, das man der zierlichen Frau bei dem schweren Post-Wagen, den sie vor sich herschiebt, gar nicht zutrauen würde. Es regnet, aber das sind Briefträger ohnehin gewohnt; sind sie doch fünf Tage in der Woche bei jedem Wetter im Freien unterwegs. „Richtig anstrengend wird’s erst bei Minusgraden, wenn du dann gar nicht mehr weißt, was du noch alles anziehen sollst, damit dir warm ist“, erzählt Gattinger – wenn man das erst gewohnt ist, machen ein paar Regentropfen nicht viel aus. Edith Gattinger ist 27 Jahre alt, bei der Post arbeitet sie, seit sie 19 ist. Erst über fünf Jahre lang als Springerin – „So fangen alle bei der Post an“ –, seit gut zwei Jahren mit einem eigenen Postbezirk. Springer sein heißt, Kollegen im Urlaub oder Krankenstand zu vertreten und damit auch, alle paar Wochen einen komplett neuen Bezirk zu bekommen und alle Namen und Straßen komplett neu lernen zu müssen. „Das ist besonders in den ersten Tagen immer recht hart, wenn du dich überhaupt nicht auskennst“, mit der Zeit gewöhne man sich aber auch daran, meint Gattinger und lächelt.


Die Briefträger tragen nicht nur, wie der Name verspricht, Briefe aus, sondern auch Kleinpakete unter zwei Kilo Gewicht und, jeweils zu Beginn des Monats, Pensionen für ältere Menschen, die kein eigenes Bankkonto besitzen. „Das wird aber immer weniger, und die, die neu in Pension gehen, haben ohnehin Bankkonten“, erklärt die Postbotin. Heute macht die Werbung den weitaus größten Teil der Post aus und die muss, auch wenn das einige Haushalte nicht gerne sehen, bis auf das letzte Exemplar ausgetragen werden. Kein einziges buntes Reklameheftchen darf aus Gattingers Hand in den Müllkorb wandern, denn das, so meint die junge Postlerin, wäre ein Kündigungsgrund. Nicht nur wegen der vielen Werbung kommen Briefträger mit ihren Kunden ins Gespräch. Der Kontakt kann sehr eng sein, vor allem für ältere Leute ist der verlässliche Besuch der Postler eine freudige Abwechslung im oft tristen Alltag. „Wenn ich in der Früh zwei Mal klingle, wissen die Leute schon, dass ich es bin“, erzählt Gattinger. Und nicht nur ihre menschlichen Hausbewohner wissen das, sondern auch die tierischen. Da schnaubt ganz verlässlich Trixi, eine ältere Hundedame, die in einer Wohnung im Erdgeschoss wohnt, hinter verschlossener Tür und gibt sich erst zufrieden, wenn ihr Herrchen sie zur Postlerin hinauslässt.


Zutritt zu den Häusern bekommt Gattinger wie alle Postboten durch einen kleinen Universalschlüssel, der den Summer bei Hausanlagen betätigt und so die Tür öffnet. Neuerdings muss die Post diese Schlüssel auch an private Post-Dienstleister abgeben. Und das ist nur einer der vielen Punkte, an denen sich die allmähliche Freigabe des österreichischen Postmarktes abzeichnet. Die Liberalisierung muss laut EU-Kommission in ganz Europa bis 2011 gegeben sein. Das bedeutet: Die Österreichische Post AG muss ihre staatlich geförderte Monopolstellung aufgeben und in den Wettbewerb mit privaten Post-Dienstleistern treten – heute ist das bei Paketen und Werbematerial schon der Fall, das Briefmonopol fällt demnächst ebenfalls. Die Konsequenzen wurden vor allem in den letzten Monaten bemerkbar: Die Post muss ein umfassendes Rationalisierungsprogramm durchboxen – darunter Personalabbau und die Schließung defizitärer Postämter. „So schlimm, wie in den Medien dargestellt, ist es eigentlich nicht“, beschwichtigt Postlerin Gattinger, „bei vielen wird einfach der auslaufende Vertrag nicht mehr verlängert. Und Stellen, die frei werden und zuvor Vollzeitstellen waren, werden zu Teilzeitstellen umgewandelt.“ Das sei vor allem bei Zustellbezirken in der Innsbrucker Innenstadt der Fall. Trotzdem: Die Gewerkschaft läuft Sturm und kämpft – zuletzt mit einem Volksbegehren gegen Postämterschließung – gegen das Rationalisierungsprogramm zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit. Schließlich bedeutet auch die Nicht-Verlängerung eines befristeten Vertrags den Verlust des Arbeitsplatzes für die Betroffenen.


Für die privaten Post-Dienstleister hat die junge Briefträgerin wenig übrig. „Einige meiner Kollegen sind zu denen gewechselt und nach kurzer Zeit wieder frustriert zur Post zurückgekommen. Die Privaten arbeiten schlampig, mit unserer Qualität nicht vergleichbar“, meint Gattinger über die künftigen Konkurrenten und rollt mit den Augen. Die gelben Postler, davon ist Gattinger überzeugt, werden auch in Zukunft zum österreichischen Straßenbild gehören. Ihr liegt jedenfalls viel an ihrer Arbeit und sie könnte sich nicht vorstellen, je den Arbeitgeber zu wechseln oder wieder zurück zu ihrem erlernten Beruf als Einzelhandelskauffrau zurückzukehren. Und auch die Post dürfte durchaus zufrieden mit ihrer engagierten Postlerin sein: Immer, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, wird die quirlige Briefträgerin vorgeschickt. Einmal, erzählt Gattinger, seien Gäste von der Post der Färöer-Inseln in Österreich gewesen, die über das gute Englisch der „einfachen“ Postlerin positiv überrascht gewesen seien.


Der Umgang mit Menschen macht Edith Gattinger besondere Freude, erzählt sie. Dabei hält sie nicht viel von überspielten Höflichkeitsformeln. „Ich bin mit meinen Kunden per Du. Wieso sollte ich jemanden, den ich jeden Tag sehe, siezen?“, meint Gattinger. Andere Kollegen würden das durchaus bevorzugen. Einmal habe sie einen Kollegen für drei Monate vertreten. Als er zurückkam, habe er sie zur Seite genommen und überrascht gefragt: „Was hast denn du mit meinen Kunden angestellt? Die sagen alle ‚Heil‘ und ‚du‘  zu mir!“. Das Einzige, was Edith Gattinger ärgert, sind Hausbewohner, die ihr bei der routinierten Arbeit in die Quere kommen. Während sie Briefe einsortiert, passiert es nicht selten, dass Anwohner neben ihr stehenbleiben und mit Argusaugen nach Briefen mit ihrem Namen Ausschau halten. Dann reißen sie schon mal der verdutzten Postlerin das Kuvert aus der Hand. „Ordnung ist das Wichtigste“, ist das Arbeitsmotto von Gattinger.


Insgesamt 856 Parteien hat Gattinger in ihrem Zustellbezirk – das sind 856 einzelne Postfächer mit einer nochmal höheren Zahl an Namen. Edith Gattinger kennt sie alle auswendig. Wenn man sie nach einer Hausnummer in ihrem Bezirk fragt, kann sie sogar die Nachnamen aller Bewohner aufzählen. „Irgendwann hast du die einfach drin, immerhin komme ich da jeden Tag vorbei und das seit jetzt über zwei Jahren“, erklärt sie wie selbstverständlich. Und auch, dass sie nicht nur die Namen ihrer Kunden auswendig kennt, sondern auch die der Hunde. Und so chauffiert Gattinger tagtäglich nicht nur Briefe und Pakete in ihrem knallgelben Post-Wagen, sondern auch Hundekekse. „Bestechen ist besser als beißen“, lacht Edith Gattinger. Und zumindest ein bisschen erfüllt sie damit das Postlerklischee dann doch.


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