Die „Spatzenpost“ ist in Österreich fast jedem ein Begriff. Was die wenigsten wissen: Die Zeitschrift, die im Schulunterricht eine wichtige Rolle spielt, wird in Innsbruck produziert. STEFAN HOHENWARTER, JULIA STALLER
Hilde ist 56 Jahre alt und blättert noch heute ab und zu in ihrer „Jung Österreich“-Sammlung: Da finden sich etwa Berichte über Abfahrtsweltmeisterin Erika Schinegger und Handarbeitsanleitungen für Faschingskostüme. Christian, 30 Jahre alt, erinnert sich noch gut an sein altes Kinderzimmer, das er mit Tierpostern aus „Kleines Volk“ tapeziert hat. Sorgfältig hat er immer die Doppelseite in der Mitte des Magazins aus den Heftklammern gelöst und sich dabei ab und zu schmerzvoll in die Finger gepikst. Anna ist 22 Jahre alt. In der Volksschule hat sie in den Pausen mit einer Freundin die Rätsel aus der „Spatzenpost“ gelöst – wer am schnellsten fertig war, hat gewonnen. Anna hat meistens verloren. Hannes hängt Tierposter auf, nur muss er die nicht mehr mühevoll aus Klammern lösen – die liegen lose im Magazin. Alle haben trotz ihres gro-ßen Altersunterschieds eines gemeinsam: In ihrer Schulzeit haben sie Kindermagazine gelesen, die im Verlag „Jungösterreich“ entstehen. Und der hat seinen Sitz in Innsbruck.
In den Büroräumen der insolventen Wagner’schen Universitätsbuchdruckerei (WUB), neben den nun leeren, aber immer noch imposanten Druckereihallen – da entstehen Österreichs meistgelesene „Lifestyle-Magazine für Kinder“, wie Verlagsleiter Werner Madl die Zeitschriften im Gespräch mit dem 20er lächelnd nennt. Die „Spatzenpost“ erreicht gemäß den offiziellen Mediadaten des Verlags etwa 86 Prozent der Zweitklässler – eine herausragende Position, die das Magazin vor allem der Kooperation mit Schulen und der Verwendung des Mediums als Lehr- und Lernunterlage im Unterricht verdankt. Im Eingangsbereich des Gebäudes steht eine alte Druckmaschine mit einer Bleisatz-Seite der „Tiroler Tageszeitung“ aus 1980; so lange ist diese Art des Drucks schon nicht mehr im Einsatz. Auch die „Spatzenpost“ entstand früher so. „Das ist für die Schulklassen, die uns besuchen, eine kleine Zeitreise. Denen können wir so zeigen, wie’s früher gemacht wurde“, erklärt Madl. Tatsächlich gibt es für Schulklassen sonst nicht allzu viel zu sehen: Die „Spatzenpost“ entsteht in stinknormalen Büroräumen.
Die Magazine des Verlags „Jungösterreich“ begleiten österreichische Schüler und Schülerinnen von klein auf und dienen primär der Leseförderung. Mit der „Mini-Spatzenpost“ beginnt das Verlagsangebot: Die lesen die Schulanfänger der ersten Klasse. Mit dem bekanntesten Heft aus dem Sortiment geht es weiter: Die „Spatzenpost“ lesen die Kinder der zweiten Schulstufe. „Kleines Volk“ richtet sich an Kinder in der dritten und vierten Schulstufe und das „JÖ“ an jene, die die fünfte und sechste Schulstufe besuchen. Und schließlich lesen die Jugendlichen der siebten bis neunten Schulstufe das „Topic“, für das der Verlag „Kinderzeitung“ aus Wien verantwortlich zeichnet. Alle Magazine erscheinen zehn Mal im Jahr, von September bis Juni, zudem gibt es jeweils ein Ferien-heft. Bei der Aufzählung nicht dabei: einige Sonderausgaben wie „Lesespatz“, „Schlaufuchs“ und „Kleines Volk plus“, die als Beilagenhefte im jeweiligen Abopreis mit inbegriffen sind. „Alle Magazine in unserem Sortiment sollen Lehrbuch und Freizeit-Magazin in einem sein, aber natürlich ohne dem Lehrbuch eine Konkurrenz zu sein“, beschreibt Madl. Schon lange erscheinen die „Spatzenpost“ und ihre große Schwester, „Kleines Volk“, voll illustriert und farbig. In der April-Ausgabe der „Spatzenpost“ finden die Kinder etwa in ihrem Osternest ein knall-grünes Ei, aus dem ein Vogel schlüpft. In der Oktober-Ausgabe gab es Wissens-wertes rund um „eine tolle Knolle“, nämlich den Erdapfel, und im November konnten die jungen Leser einiges über die fernen Lichtpunkte am Himmel erfahren. Die Themen der „Spatzenpost“ und aller anderen Magazine stehen bereits am Anfang jedes Jahres grob fest. Dann treffen sich rund sechzig Mitarbeiter vom Verlag „Jungösterreich“ und besprechen den Gestaltungsplan Ausgabe für Ausgabe durch. Auf Aktualität wird in speziellen Fällen trotzdem Wert gelegt: Als etwa 2004 ein Seebeben im Indischen Ozean rund 231.000 Menschen in den Tod riss, erschienen in den Kindermaga-zinen Artikel, die erklärten, was ein Tsunami ist und wie er entsteht. „Kinder bekommen viel von den Nachrichten mit, deswegen achten wir schon darauf, auch aktuelle Themen zu behandeln“, erklärt die Grundschul-Cheflektorin Veronika Smekal. Auch der Anspruch an die Hefte seitens der Kinder wächst stetig. Wenn die Kinder sich nur noch vor den Computer setzen müssen, um Informationen über alle denkbaren Fragen abzurufen, müssen „Spatzenpost“ und Co. mithalten können. „Deswegen werden auch unsere thematischen Schwerpunkte immer na-tur-wissenschaftlicher – wir können den Kindern verständliche und altersgerechte Antworten zu ihren Fragen bieten“, meintSmekal. Dabei orientieren sich die Magazine jeweils am aktuellen Lehrplan für die Schulklassen: „Da gilt es einiges zu beachten, etwa auch in Zeichnungen: Wenn da ein Hase steht, der ein Schild mit einer hohen Zahl trägt, müssen die Kinder das auch schon gelernt haben“, erklärt die Lektorin. Deshalb enthalten Hefte im Mai auch andere Inhalte als noch im September, zu Schulbeginn und versuchen so, dem ansteigenden Leistungsniveau unterm Jahr Rechnung zu tragen.
Auf den pädagogischen Wert wird bei jedem Artikel geachtet, was auch durch eine offizielle Empfehlung des Bildungsministeriums für die Magazine bestätigt wird. „Für uns schreiben interdisziplinäre Teams. Vom Germanis-ten zur Volksschullehrerin, von der Tier-ärztin zum Chemiker: Unsere Mitarbeiter sind meist Wissenschaftler und Praktiker in einer Person“, erzählt Verlagschef Madl. Und so steckt kompetentes Fachwissen hinter jedem einzelnen Beitrag: Da schreibt ein Physiker in der „Welt des Winzigkleinen“ über Quantenphysik und die Kunsterzieherin fertigt die Bastelanleitungen für die ganz Kleinen an. Vorbei sind die Zeiten, als nur eine Handvoll Redakteure die Hefte gestalteten – so wurde nur zu Beginn gearbeitet. Heute sucht der Verlag immer wieder Leute, die ihre Fachkompetenz kinderleicht vermitteln können.
Die Geschichte der Schülermagazine reicht teilweise in die Zeit noch vor dem Zweiten Weltkrieg zurück. Am ältesten ist „JÖ“, das früher als „Jungösterreich“ erschien, später kam für den Volksschulbereich „Kleines Volk“ dazu. Seit 1973 gibt es die „Spatzenpost“, um auch die jüngeren Volksschulkinder zu bedienen. Ende der 1980er-Jahre ergänzte schließlich das „Topic“ das Angebot für Mittelschüler und seit 1998 gibt es mit der „Mini-Spatzenpost“ ein eigenes Magazin für die ganz Kleinen unter den Volksschülern. Ganz selten gibt es auch Beschwerden, meistens von Eltern: Dieses Schuljahr etwa über einen Artikel, in dem die Hühnerhaltung kindgerecht erklärt wurde. „Dabei wurde erklärt, was in Österreich alles erlaubt ist und was nicht und worauf beim Kauf von Eiern zu achten ist, und dass Österreich ein weitreichendes Tierschutzgesetz hat“, erläutert Veronika Smekal. „Eine Dame hatte Sorge, dass dabei die österreichischen Hühnerbauern zu schlecht wegkommen, und wollte eine Richtigstellung, dass die Eier in unseren Supermärkten alle von glücklichen Hühnern stammen.“ Abgesehen von kleineren Beschwerden gebe es auch eine große Zahl von Anregungen, meistens von Müttern – so wurde etwa die Tatsache aufgegriffen, dass es immer mehr Patchwork-Familien gibt, und das auch in Familiengeschichten und Zeichnungen so dargestellt. Mit besonderer Freude beschweren sich auch ab und zu ganze Schulklassen. Nämlich dann, wenn Fehler in den Heften gefunden werden: „Für uns ist das immer ganz schrecklich, aber die Kinder haben einen Riesenspaß, wenn sie ihre Hefte rot anstreichen können“, lächelt Veronika Smekal.