Eine überdimensionale 1,2-Tonnen-„Klopapierrolle“, ein 14 Meter hohes Maschinenungetüm und vier Farben. Das ist die Hardware, die es braucht, um aus den Ideen der 20er-Redaktion am Ende jene 32 Seiten starke Zeitung zu produzieren, die Sie nun in Händen halten. Wir haben den wahren Zeitungsmachern in der Intergraphik-Druckerei, wo der 20er zu Papier gebracht wird, über die Schulter gesehen. STEFFEN ARORA
Jetzt wird’s ein bisserl laut“, warnt Werner Gruber. Schwungvoll stößt er die Tür auf und betritt das Herzstück der Intergraphik-Druckerei in der Innsbrucker Ing.-Etzel-Straße: die riesige Halle, die den gewaltigen Vierfarbdruckturm beherbergt – 27 Meter lang, fünf Meter breit und 14 Meter hoch. Mit ohrenbetäubendem Lärm rotieren die Druckrollen. Der Boden bebt im rasenden Takt der gewaltigen Maschine. Maximal 35.000 Zeitungen pro Stunde schafft die Anlage. „Für eine 20er-Ausgabe brauchen wir knapp 20 Minuten reine Druckzeit“, erklärt Gruber. Ganz unten hängen riesige, tonnenschwere Papierrollen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schluckt das Metallmonstrum die abgespulten Papierbahnen. Über ein Labyrinth von Führungsrollen durchlaufen sie den Turm, werden bedruckt, geschnitten und gefaltet, bevor sie die Maschine am Ende der Produktionszeile als fertige Zeitung wieder ausspuckt. Dieser Prozess läuft vollautomatisch ab. Hinter dicken Glasscheiben wachen die Drucker über das Geschehen, kontrollieren Farbqualität und Druckgeschwindigkeit. Nur ab und an verlassen sie ihre vollelektronischen Kommandoposten. Etwa, wenn eine der riesigen Rollen, die an viel zu großes Klopapier erinnern, zu Ende geht. Die Luft in der Halle ist schwer vom feinen Wasserstaub, der unablässig in die Halle geblasen wird, um die ideale Papierspannung während des Druckvorganges zu garantieren. Es riecht nach Farbe, feuchtem Zellstoff und Werkstatt. Es riecht nach frischer Zeitung.
Ein Geruch, den Werner Gruber gar nicht mehr wahrnimmt. Denn der ist, wie das Getöse, Teil seines Arbeitsalltags. Als Produktionsplaner ist Gruber für den reibungslosen Betrieb in der Druckerei verantwortlich. Ein stressiger Job. Der komplexe Produktionsprozess einer Zeitung umfasst nämlich weit mehr als nur die spektakulären, haushohen Drucktürme. Und steht ein Rädchen in diesem Uhrwerk still, wirkt sich das auf alle anderen Bereiche aus. Vor allem, wenn es darum geht, die Tiroler Tageszeitung (TT) zu drucken – die Intergraphik ist ein Tochterbetrieb des TT-Mutterkonzerns Moser Holding, herrscht in der Ing.-Etzel-Straße allabendlich Hochbetrieb. Kleinere, externe Aufträge, wie die Kirchenzeitung oder eben der 20er, werden an Vormittagen erledigt. Gearbeitet wird im Drei-Schicht-Betrieb, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Insgesamt beschäftigt die Intergraphik im Druckereibereich 21 Mitarbeiter – von der Plattenstraße bis zu den Drucktürmen.
Die Plattenstraße ist das Postfach der Druckerei. Hier langen alle künftigen Druckwerke in Dateiform ein und werden für den weiteren Produktionsprozess aufbereitet. Sobald die 20er-Redaktion die Artikel für die neue Ausgabe geschrieben, Grafikerin Maggie Flatz Texte und Bilder an ihren Platz gerückt und schließlich Korrekturleser Günther Pehm sein O.K. gegeben hat, landet die Zeitung im PDF-Format auf Josef Schusters Computer. Schuster ist Chef der Plattenstraße. Sein Arbeitsplatz sieht aus wie die geheimnisumwitterten Pentagonbüros in Hollywoodthrillern: geschlossene Jalousien, schummriges Licht, zahlreiche Computerbildschirme und in der Mitte des Raumes undefinierbare, wuchtige Metallkästen. „Das sind die CTP-Belichter. Die schnellste Technologie, die es derzeit am Markt gibt“, sagt Schuster und tätschelt dabei mit der Hand seine Wundermaschine. Die Dämmerungsstimmung im Raum ist deshalb nötig, erklärt der Fachmann, weil die Druckplatten vor ihrer Belichtung extrem lichtempfindlich sind.
Nachdem die Daten für den neuen 20er in Josef Schusters elektronischem Postfach angekommen sind, werden sie nach der Virenprüfung automatisch ins Druckerei-System eingespielt. Auf einem der zahlreichen Bildschirme an Schusters Schreibtisch erscheint dann Seite für Seite der neue 20er. Mit fachmännischem Blick kontrolliert er die einzelnen Bögen. Die Bögen sind jene vorne und hinten bedruckten Doppelseiten, aus denen sich eine Zeitung zusammensetzt. Im Falle des 20er sind das insgesamt acht Bögen, die zusammen 32 Seiten ergeben. Auf Schusters Bildschirm ist daher die Titelseite neben der letzten Seite, Seite zwei neben Seite 31 usw. zu sehen. Kontrolliert wird nur, ob „optisch“ alles passt: „Inhaltliche Fehler bessern wir nicht aus. Das ist Sache der Redaktion.“ Sobald das erledigt ist, wirft Schuster seine CTP-Belichter an.
In den surrenden Metallkästen wird nun jede Bogenseite vier Mal, aufgeschlüsselt nach dem CMYK-Farbmodell, mittels Laserbelichtung auf Aluminiumplatten mit extrem lichtempfindlicher Photopolymerbeschichtung übertragen. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Es gilt dabei jene Druckplatten herzustellen, die in der Folge in die große Offsetdruckmaschine eingespannt werden. Die vierfache Ausführung jedes Bogens als Druckplatte ist deshalb nötig, weil der 20er Farbseiten enthält. Das CMYK-Farbschema ist die Grundlage für den so genannten Vierfarbdruck, der die Herstel-lung bunter Zeitungsseiten ermöglicht. Aus den Grundfarben Cyan (Türkis), Magenta (helles Purpur), Yellow (Gelb) und Key (steht für Schwarz) werden sämtliche Farbnuancen zusammengemischt. Daher muss Schuster die bunten 20er-Seiten in diese vier Grundfarben aufschlüsseln. So entstehen vier verschiedene Druckplatten: Auf der Key-Platte ist zum Beispiel der Text, weil schwarz, zu sehen, während auf der Cyan-Platte nur jene Teile der Seite sichtbar sind, die Türkis als Grundfarbe benötigen. Alle vier Platten drucken später ihr Positiv auf die exakt selbe Stelle der Papierbahn und so entsteht am Ende die fertige, farbige Zeitungsseite. Das heißt, jede Seite wird im Grunde vier Mal bedruckt. „Mit CMYK lassen sich fast alle Farben erzeugen“, erklärt dazu Produktionsplaner Werner Gruber, „nur Metallic-Farbtöne wie Gold und Silber sind schwierig. Vor allem Gold sieht in der Zeitung meistens eigenartig aus.“
Nachdem Josef Schuster die Platten für den neuen 20er belichtet und zum Schutz vor Verunreinigung mit einer hauchdünnen Gummischicht überzogen hat, wandern sie weiter in die Druckhalle. Dort spannen die Drucker die Platten auf die Rollen der Rotation. „Dabei geht’s um Hundertstel-Millimeter“, sagt Gruber. Denn jede der vier Rollen muss ihr Bild auf die exakt selbe Stelle der Papierbahn drucken, um am Ende scharfe Bilder und lesbare Texte zu produzieren. Sind die Platten eingespannt, rattert die Maschine los. Nun sind Fingerspitzengefühl und Erfahrung der Drucker gefragt: Es gilt, die richtige Farbabstimmung herauszufinden. „Beim 20er dauert es meist 500 Zeitungen lang, bis wir in der Farbe sind“, sagt Werner Gruber. „In der Farbe“ ist Druckerjargon und steht für die ideale Abstimmung der vier Grundfarben. Jene 500 Stück 20er, die gedruckt werden müssen, bis die richtige Mischung erreicht ist, heißen „Makulatur“ und landen im Altpapiercontainer. „Aber“, ergänzt Gruber im selben Atemzug, „das wird wiederverwertet. Wir recyceln alles – von der Druckplatte bis zur Makulatur.“
Einmal „in der Farbe“, rattert der Druckturm mit voller Geschwindigkeit los. Und nach wenigen Augenblicken baumeln auch schon die ersten, druckfrischen 20er von der Förderschiene, über die sie in die angrenzende Versandhalle transportiert werden. Dort ist Endstation. Doch bevor der neue 20er in Paketen zu je 50 Stück gestapelt und verschnürt, fertig zum Abtransport auf Paletten landet, darf er noch eine Ehrenrunde durch die Halle drehen. Wie auf einer Zeitungs-Achterbahn, rauschen die jungfräulichen 20er-Hefte unterhalb der Hallendecke auf dem schier endlosen Förderschienengewirr in Richtung Paketiermaschine am Ausgang. Dort stibitzt Produktionsleiter Werner Gruber ein Exemplar. Mit geschultem Auge prüft er beim Durchblättern die Qualität des Druckwerkes. Er ist zufrieden. Das Probeexemplar be-hält Gruber. Denn: „Wir drucken viel hier und lesen nicht alles davon. Aber wir sind echte Fans vom 20er.“