Möbel, Schätze und allerlei Kurioses findet sich in der Verkaufshalle des größten Gebrauchtmöbelmarkts Tirols, dem „Ho & Ruck“. Hinter der Halle liegt eine kleine Werkstatt, in der fünf Langzeitarbeitslose alte Möbelstücke restaurieren. Der 20er hat sie besucht. JULIA STALLER, STEFAN HOHENWARTER
Vom giftgrünen Kinderstuhl bis zur Kommode aus den Fünfzigern: In der Werkstatt des größten Gebrauchtmöbelmarkt Tirols, „Ho & Ruck“, würde so manches Sammlerherz einen Purzelbaum schlagen. Hier nehmen sich fünf Mitarbeiter jenen Möbelstücken an, die auf den ersten Blick reif für den Sperrmüll sind und zaubern aus ihnen wieder Wohnliches und Dekoratives. Kaum zu glauben, dass gerade diese Leute am Arbeitsmarkt sonst niemand haben will. Es sind Langzeitarbeitslose, die in der Werkstatt des „Ho & Ruck“ ein Jahr lang tätig sind, um dann vielleicht wieder den Einstieg ins „normale“ Berufsleben zu schaffen. Bis dahin haben sie aber in der Werkstatt alle Hände voll zu tun.Herbert ist einer der fünf Mitarbeiter in der „Ho & Ruck“-Werkstatt. Als angelernter Tischler hat er hier viel Freude an der abwechslungsreichen Arbeit mit Holz und bereichert mit seiner Erfahrung den Betrieb. Herbert war achtzehn Jahre als Tischler tätig, bis seine Firma auf einen Schlag 1.600 Mitarbeiter entlassen hat. Am Arbeitsmarkt gilt er mit seinen 57 Jahren schlichtweg als zu alt, damit als zu teuer und für das Arbeitsmarktservice (AMS) als schwer vermittelbar. Sechzehn Monate war er arbeitslos, bevor er im Oktober in der „Ho & Ruck“-Werkstatt anfing. Diese Zeit sei schrecklich gewesen, meint Herbert, „man will zwar arbeiten, aber das zählt nicht. Nach so langer Zeit fällt dir die Decke auf den Kopf.“ Wie es nach dem Jahr in der Werkstatt weitergeht? Herbert lächelt müde. „Leichter als davor wird’s wohl nicht sein. Ich werd‘ ja auch immer älter anstatt jünger.“Herbert ist kein Einzelfall, erzählt Werner Hörtnagl, Werkstattleiter vom „Ho & Ruck“. In letzter Zeit würden sich vor allem Personen bewerben, die aufgrund ihres Alters schon lange arbeitslos sind. „Langzeitarbeitslos“ lautet der Fachbegriff dazu. Laut AMS ist das jemand, der seit zwölf Monaten keine Arbeitsstelle hat und meist auch schwer vermittelbar ist. Betroffene werden beispielsweise an das „Ho & Ruck“ vermittelt, wo sie für ein Jahr eine Arbeitsstelle bekommen und wieder an den Arbeitsmarkt gewöhnt werden sollen. Die „Transitarbeitskräfte“ werden während dieses Jahres von Sozialarbeitern begleitet und erhalten neben ihrer Arbeitstätigkeit auch Schulungen. „Natürlich“, meint der Werkstattleiter, „tun sich viele schwer, nach dem Jahr den Betrieb wieder zu verlassen. Sie bekommen hier relativ gut bezahlt, die Arbeit macht Spaß und das Betriebsklima ist gut.“ Viele, die beim „Ho & Ruck“ arbeiten, bekommen hier neuen Mut und Selbstbewusstsein. Und das hilft ihnen dabei, wieder ins Arbeitsleben zurückzufinden.Die „Ho & Ruck“-Werkstatt ist Werner Hörtnagls ganzer Stolz. Während „Ho & Ruck“ als unter anderem vom AMS geförderter sozial-ökonomischer Gebrauchtmöbelmarkt bereits seit 1984 besteht, kam die Werkstatt erst vor sieben Jahren da-zu. Werner Hörtnagl, eigentlich Restaurator, ist seit damals dabei und hat die Werkstatt mit aufgebaut. Die wertvollen Möbel, die hier restauriert und repariert werden, werden in der „Raritäten-Ecke“ der Verkaufshalle zu verhältnismäßig günstigen Preisen angeboten. Von Sesseln, Tischen und Kästen über Gemälde bis hin zu alten Uhren: Bis zu zweihundert Einrichtungsgegenstände überlassen Frau und Herr Tiroler der „Ho & Ruck“-Werkstatt jedes Monat. Auch durch Entrümpelungen landen hier oft Sammlerstücke. „Viele wollen nicht mehr die alten Möbel aus den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern und kaufen sich dafür irgendein Glumpert“, erzählt Werner Hörtnagl mit einem Lächeln. Aber das trage ja schließlich zum Erfolg des „Ho & Ruck“ bei. So findet sich etwa heute in der Verkaufshalle eine türkisfarbene Wohnlandschaft mit Stühlen, Tisch und Kasten aus dem tschechischen Kubismus.Natürlich ist es nicht immer einfach, sofort zu erkennen, welches Stück in der Werkstatt wertvoll ist und welches nicht. „Das Ho & Ruck ist in ein großes Netzwerk eingebettet. Wir arbeiten mit Sammlern und Antiquitätenhändlern zusammen“, und die seien bei Bewertung und Zuordnung zu Stilrichtungen behilflich, erklärt der Werkstattleiter. Und bei besonderen Fällen überlasse man auch schon einmal Stücke den Museen und dem Stadtarchiv Innsbruck: „Viele Leute wissen ja gar nicht, welche Schätze sie zu Hause liegen haben.“ Nur mit einem werde nicht gehandelt, stellt der Werkstattleiter klar: „Stücke aus der NS-Zeit und Propaganda verkaufen wir nicht. Auch wenn jemand viel Geld dafür bezahlen würde, solche Kunden brauche und will ich nicht. Museen überlassen wir das gerne kostenlos.“Auch Werner Hörtnagls kleines Büro ist eine wahre Schatzgrube. Hier hat sich allerlei angesammelt: Ein Miele-Staubsauger aus den Fünfzigern, Bilder von Adeligen und Gemälde von Unbekannten finden sich neben Werbeplakaten im Jugendstil-Design und Indianer-Puppen aus Plastik aus den Sechzigern. Nur der neue Computer sticht aus den alten Möbeln und dem Krimskrams heraus. „Vieles richten wir her, weil es einfach einen gewissen ideellen und zeitgeschichtlichen Wert hat, auch wenn’s ökonomisch nicht rentabel ist“, erklärt Werner Hörtnagl. Schließlich gehe es auch darum, dass die Transitarbeiter etwas lernen und in der Werkstatt handwerklich ausgebildet werden.Und so hängt die abwechslungsreiche Arbeit in der Werkstatt nicht immer nur von den unterschiedlichen Schätzen ab, die hier abgeliefert werden. Sondern auch davon, welche Erfahrungen die Mitarbeiter mitbringen. „Wir hatten zum Beispiel einmal einen Schneidermeister. Dann haben wir halt auch viel genäht, etwa Bezüge für Stühle“, erzählt Werner Hörtnagl. Anfangs sei er skeptisch gewesen, ob die Werkstatt überhaupt funktionieren könne, erklärt der Werkstattleiter heute. Denn immerhin können viele Mitarbeiter keine abgeschlossene oder nur eine schlechte Ausbildung vorweisen. Aberdie Raritätenecke wurde zum Erfolg, und mit ihr auch die Werkstatt. Ein negatives Klischee über das „Ho & Ruck“ kursiert seit langem: „Hier arbeiten nicht nur Suchtkranke und Haftentlassene“, diesem Vorurteil sei das „Ho & Ruck“ aber schon längere Zeit ausgesetzt. „Dem wirken wir bewusst entgegen, weil es einfach nicht stimmt“, ärgert sich Werner Hörtnagl. „Bei uns arbeiten ganz unterschiedliche Leute mit ganz unterschiedlichen Biografien.“ Der Hausmeister im Betrieb sei dafür ein gutes Beispiel, war er doch vor „Ho & Ruck“ als IT-Experte tätig.Auch wenn nicht alle ehemaligen Mitarbeiter vom „Ho & Ruck“ sofort einen neuen Job finden, sind andere Erfolge mindestens genauso viel wert, meint Werkstattleiter Werner Hörtnagl. Ob sie eine Wohnmöglichkeit finden oder sich zu einem Entzug entschließen: Die einjährige Arbeit beim „Ho & Ruck“ hilft vielen dabei, ihren Lebensstil zu ändern. Noch vor gut zwei Jahren stand „Ho & Ruck“ kurz vor dem Aus. Damals, 2006, kündigte das AMS an, dem sozialökonomischen Betrieb die Förderungen einzustellen. Mit einer überraschenden Welle an Solidaritätsbekundungen der Tiroler Bevölkerung, konnte die drohende Schließung abgewendet werden. Das AMS machte trotzdem Auflagen: Fördermittel sollten seitens des „Ho & Ruck“ eingespart werden. Seit der Krise 2006 stieg aber auch der Bekanntheitsgrad und das „Ho & Ruck“ kann heute mehr Verkäufe verzeichnen als davor. „Vor der Krise dachten viele, das wäre hier nur ein überdachter Sperrmüllhaufen“, lacht Werkstattleiter Werner Hörtnagl. Dann kamen sie, um sich ein Bild über den Betrieb zu machen und wurden eines Besseren belehrt. Der erste Akademiker in der Werkstatt ist Armin. Er ist akademischer Bildhauer und seit November im Betrieb. „Nach dem Studium in Wien bin ich nach Innsbruck zurück, das war 2000. Seither war ich arbeitslos“, erzählt er. „Es gibt einfach zu viele Bildhauer in Tirol.“ Nach langer Zeit mit einem Wohnwagen als einzigem Wohn- und Schlafplatz hat Armin jetzt wieder ein eigenes Zimmer gemietet. „Ich war nie einer dieser verwöhnten Studenten, ich habe nichts von zu Hause geerbt, habe mir mein Studium immer selbst finanzieren müssen“. Über seine arbeitslose Zeit, die er in einem Wohnwagen verbringen musste, erzählt er offen. Ob Armin meint, die Arbeit beim „Ho & Ruck“ würde helfen? „Natürlich. Sie bringt wieder Sinn in dein Leben. Ich esse jeden Tag eine warme Mahlzeit. Mich umgeben vier gemauerte Wände. Und ich habe ein Dach über den Kopf. Mir geht es gut.“