Rezession - 13 Gründe, die Wirtschaftskrise zu lieben
Glaubt man den Auguren und anderen „Wirtschafts-Auskennern“, erwartet uns in diesem Jahr nicht allzu viel Erfreuliches: Die Wirtschaftskrise ist da. Schon überschlagen sich auch hierzulande die Meldungen von Kurzarbeit und Kündigungen. Weil wir aber an den aktuellen Umständen sowieso kaum etwas ändern können, hat sich der 20er umgehört. Und unter dem Motto „Denk positiv!“ eine Liste all jener Gründe zusammengestellt, warum wir die Wirtschaftskrise eigentlich sogar lieben sollten. SYLVIA RIEDMANN
1. Schadenfreude, unlimited: SUVs, fette Uhren, große Häuser, Maßanzüge und Markenkleidung. Der Druck war enorm, in den vergangenen Jahren. Wer nicht aussah wie ein Investmentbanker, gehörte schon von vornherein zu den Verlierern. Gut, dass es auch diese Herren nun etwas billiger geben müssen.
2. Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit: Endlich dürfen Sie die Wahrheit sagen. Dann nämlich, wenn Sie mit Ihren Kindern in der Spielwarenabteilung stehen und erklären, warum das neue Computerspiel definitiv nicht gekauft werden wird. Weil, nämlich, sagen Sie, „wir uns das nicht leisten können!“ Und Ihre Kinder werden Ihnen glauben müssen. Es ist nämlich: die Wahrheit.
3. Shabby chic: Jahrelang haben wir uns bemüht, unsere Markenjeans möglichst alt aussehen zu lassen. Risse, künstlich ausgebleichte Stellen und abgetragener Hosensaum. Die Mühe können wir uns sparen. Von jetzt ab sehen wir nämlich wirklich schäbig aus. Weil wir uns neue Hosen nicht mehr leisten können.
4. Mehr Zeit füreinander: Ein Termin jagt den nächsten. Es will schließlich verdient, vermehrt und veranlagt werden. Das war einmal. Seit uns unser Chef gesagt hat, dass wir entbehrlich sind, herrscht gähnende Leere im Terminkalender. Wen kümmert das? Wir alle haben eine Familie, Freunde und jede Menge lieber Menschen, denen wir uns nun endlich ausgedehnt und ohne Zeitdruck widmen können.
5. Die liebe Gesundheit: Gehen statt fahren, leichtes Gemüse statt fetter Terrinen, Wasser statt Champagner – das alles schont nicht nur den arg belasteten Geldbeutel, sondern verhilft Ihnen auch zu einem längeren Leben.
6. Unverhoffte Ersparnis: Reisen nach Island oder in andere, von der Wirtschaftskrise schwer getroffene Länder sind so günstig wie noch nie. Also, worauf warten Sie noch? Auf zu den Geysiren! Oder wollen Sie doch lieber mal ein original ungarisches Gulyas genießen? Auch russischer Wodka dürfte derzeit recht preiswert zu haben sein.
7. Schluss mit dem Verkehr: Erfreuliches gibt es auch von der Autobahn zu vermelden. Mehr als 11.000 weniger Transitfahrten über den Brenner soll es bereits im vergangenen Jahr gegeben haben. Dass dafür nicht allein sektorale Fahrverbote und die „Rollende Landstraße“ verantwortlich sein können, liegt auf der Hand. Wo weniger produziert wird, braucht es auch weniger Transporte. Und das lässt die Tiroler AutobahnanwohnerInnen jubeln (und natürlich auch ihre Lungen).
8. Rezessions-Küche: All die Küchenprofis, Hobby-Michelin-Möchtegerns und andere Kochfreaks, die sich in der Vergangenheit dabei gefallen haben, möglichst teure Zutaten zu verarbeiten, werden es ab nun billiger geben. Und lernen, dass es auch für ein Schweinsohr, ein Stück Bauch oder eine etwas durchzogene Schulter interessante Zubereitungsarten gibt.
9. Do it yourself: Hat Fiona Pacifico Griffini-Grasser, vulgo Swarovski, vielleicht doch recht? Ma-chen wir’s uns künftig selbst? Ob zu Hause gezogenes Gemüse (so der Grasser-Vorschlag), im Garten angebauter Tabak (den haben die Tiroler Bauern angeblich schon in den schweren Zwischenkriegsjahren kultiviert) oder der Friseursalon im eigenen Badezimmer. Wozu Geld ausgeben, wenn man ohnehin keines mehr hat? Und bei all diesen Beschäftigungen auch noch ganz viel Zeit totschlagen kann. Zeit, die man nun ja im Überfluss hat.
10.Verlässliche Handwerker: „Das Handwerk hat goldenen Boden“, hat es bislang immer geheißen. Das wussten auch die Handwerker selbst. Und sie ließen auf sich warten, lieferten nicht immer zufriedenstellende Arbeit ab und Frauen als Auftraggeber haben die Herren ja sowieso selten ernst genommen. Damit ist nun Schluss. Jawohl! Denn mit dem allgemeinen Auftragsrückgang werden sich die lieben Herren im Blaumann dann doch etwas mehr anstrengen wollen. Und vielleicht sogar mal pünktlich zur vereinbarten Zeit erscheinen?
11. Auch was zu erzählen: Wer immer wieder Sprüche von den Altvorderen à la „Als wir noch jung waren, gab’s das nicht“, „Wir mussten noch mit weit weniger auskommen“, „Der heutigen Jugend geht es zu gut“ verdauen musste, kann nun zuversichtlich in die Zukunft blicken. Denn: Auch wir werden unserem Nachwuchs dereinst mit lahmen Ermahnungen auf die Nerven gehen können. Und Sachen sagen, wie: „Damals, in der Wirtschaftskrise gab’s das aber nicht ...!“
12. Die Linken haben es immer schon gewusst: Der Kapitalismus ist grundfalsch. Und ungerecht. Und: Dieses „System“ wird nicht ewig funktionieren. Weil es nämlich an seinen eigenen, inneren Widersprüchen scheitern MUSS. Wie gesagt, die Linken haben es ja immer schon gewusst. Und nun dürfen endlich auch mal sie Recht haben (zumindest so lange, bis es wieder aufwärtsgeht)!
13. Und, das Wichtigste von allem: Wir erinnern uns endlich wieder daran, dass Geld nicht wirklich glücklich macht. Unsere Freunde, Familien oder ein gutes Buch (Jederzeit zu empfehlen: Franz Schuh „Memoiren. Ein Interview gegen sich selbst“, Zsolnay) aber sehr wohl!
Und jetzt dürfen wir Sie an die Feder bitten: Schicken Sie uns ein Briefchen (20er, Kapuzinergasse 43, 6020 Innsbruck, Kennwort: Wirtschaftskrise) oder ein E-Mail (redaktion@zwanzger.at, Betreff: Wirtschaftskrise), in dem Sie uns wissen lassen, warum Sie die Wirtschaftskrise lieben. Der originellste Vorschlag gewinnt ein 20er-Abo für ein Jahr.