Jenseits der Eitelkeit - Die Kleiderausgabe des Vereins für Obdachlose
Foto: Dave Bullock
Väterchen Frost kommt, jetzt heißt es, sich warm anziehen. Wenn der erste Schnee von den Bergen schielt, hat die Kleiderausgabe des Vereins für Obdachlose Hochsaison. Denn festes Schuhwerk und gefütterte Jacken sind für Menschen in sozialen Notlagen Luxusgüter. MARTHA FUCHS UND EVA JANOVSKY
Ein langer Surrton um Punkt 9:30 Uhr durchbricht die Stille im himmelblauen Bogen Nummer 35 in der Innsbrucker Ingenieur-Etzel-Straße. Peter drückt auf den Kippschalter oberhalb des Ausgabetischs. Die grau-metallene Tür mit der Milchglasscheibe in der Mitte öffnet sich und ein dunkelhaariger Mann betritt die Kleiderausgabe. „Moagen, Yilmaz“, be-grüßt Peter seinen ersten Klienten an diesem Tag und holt zugleich die Karteikarte von Yilmaz aus der Schublade. „Na Junge, wat brauchste denn heute?“, fragt Peter mit norddeutschem Akzent. „Ich brauche eine warme Jacke. Die Nächte werden kälter“, antwortet Yilmaz. Sein Pullover lässt die weiße Haut an den Ellbogen durchscheinen. Unter seinen gelblich verfärbten Fingernägeln zeichnen sich sichelförmige, schwarze Ränder ab. An der olivgrünen Schnürlsamthose kann man deren 24-Stunden-Gebrauch ablesen: Erdspuren, feuchte Ränder und kreisförmige Brandflecken. Eine Mischung aus Moder, Rauch, Alkohol und kaltem Schweiß erfüllt den Raum. „Mit der Jacke schaut’s diesmal schlecht aus“, erwidert Peter. Ein Blick auf die Karteikarte zeigt ihm, dass Yilmaz erst vor zwei Wochen eine Jacke ausgehändigt wurde. „Ich kann dir für heute nur einen Pullover und diese Hose hier in Größe 48 anbieten.“ Mit einem zustimmenden Nicken nimmt Yilmaz die zwei Kleidungsstücke an sich: „Darf ich noch duschen?“ Mit zwei schnellen Handgriffen legt Peter Rasierschaum, Einwegrasierer und ein Badetuch auf den Ausgabetisch: „Klar. Weißt eh wohin.“ Der hagere Mann verschwindet lautlos hinter der schmalen Tür, die von einem provisorisch zusammengeklebten Wasserfallposter geschmückt wird.
Peter notiert die ausgegebenen Kleidungsstücke sorgfältig auf der Karteikarte und sortiert sie wieder in den Stapel ein. Seit fast einem Jahr arbeitet er hier in der Kleiderausgabe des Vereins für Obdachlose. Der ehemalige Klient ist nun für zwölf Euro am Tag als geringfügig beschäftigter Mitarbeiter angestellt. „Peter hat sich bewährt bis zum Geht nicht mehr“, lobt Eva Wankmüller, die Leiterin der Kleiderausgabe, ihre „rechte und linke Hand“. Offensichtlich erfreut über dieses Kompliment beginnt der sonst zurückhaltende Deutsche zu lächeln. Dabei blitzt ein einsamer goldener Stift aus der sonst scheinbar zahnlosen Mundhöhle. Die grauen, hängenden Falten in seinem Gesicht zeugen von einer bewegten Vergangenheit. Doch darüber will Peter nicht mehr sprechen. Er blickt lieber nach vorne und setzt alles daran, über seine Arbeitsstelle bei der Kleiderausgabe den Weg zurück in die Normalität zu schaffen. Seit 17 Jahren gibt es die Einrichtung nun. Für Obdachlose, Asylsuchende, Sozialhilfeempfänger und Personen, die mit weniger als 720 Euro im Monat auskommen müssen, wird hier gratis Kleidung verteilt. Montag bis Freitag, von 9:30 bis 12 Uhr bieten Peter und Eva neben frischem Gewand auch eine Duschmöglichkeit sowie Beratung für weitere Hilfseinrichtungen an. Pro Tag erhalten 15 bis 20 Personen, die alle registriert werden, saubere Kleider. Um die Privatsphäre der Klienten zu schützen, werden diese nur einzeln eingelassen.
Im Vorjahr wurden an 2.397 Menschen insgesamt 9.288 Kleidungsstücke ausgehändigt. Darunter waren 538 Paar Schuhe, die zum Teil vom Sozialamt finanziert werden mussten. „Wir bekommen leider viel zu wenig Männerschuhe. Gerade im Winter besteht eine große Nachfrage nach warmer, fester Fußbekleidung“, erklärt Eva Wankmüller. Die Psychologin bedauert, dass nur sehr wenig brauchbare private Kleiderspenden abgegeben werden. „Manche Menschen verwechseln uns mit dem Sperrmüll. Im letzten Jahr mussten wir eine große Menge nicht verwendbarer Textilien entsorgen.“ Nur durch die gute Zusammenarbeit mit dem Verein WAMS und der Klamotte, die die Kapazität zur Kleidersortierung und -aufbereitung haben, kann die Kleiderausgabe überhaupt existieren. Jeden Freitag werden die Textilien, die dort nicht mehr verkäuflich sind, in den Bogen 35 gebracht. Ladenhüter von großen Bekleidungsfirmen findet man im Lager der Kleiderausgabe nicht. „Wir hatten diese Idee aufgegriffen, sind aber leider noch nicht dazugekommen, mit den Geschäften Kontakt aufzunehmen“, seufzt Eva Wankmüller.
Aus der oberen Ritze der Badtür dringt gleichmäßig Dampf, der unter dem kppelförmigen Gewölbe des Bogens hängen bleibt. Das beruhigende Nieselregen-geräusch der Dusche wird durch den scharfen Summton der Türglocke jäh gestört. Hinter dem Milchglas zeichnet sich der dunkle Umriss einer gedrungenen Person ab. Peter betätigt den Türöffner und eine brünette Frau Ende 40 betritt den Raum. Ihre gepflegte und unauffällige Erscheinung lässt auf den ersten Blick ihre finanzielle Not nicht erkennen. „Tach, Olga. Na, wie jehts?“, erkundigt sich Peter freundlich. „Es muss gehen. Hast du zufällig eine Winterjacke in Größe 44 da?“ Peter verschwindet kommentarlos durch den gemauerten Bogenins Lager für Damenbekleidung. Auf rund 20 m² Fläche stehen Regale mit sorgfältig zusammengelegter und nach Größen sortierter Kleidung. Der restliche, schwer zugängliche Stauraum unterhalb der Decke ist mit großen Bananenschachteln ausgefüllt. In der Mitte des Lagers hängen verschiedene Jacken.
Männerkleidung ist im Bogen 35 Mangelware. „Frauen misten ihre Kleiderschränke häufiger aus. Männer tragen ihre Sachen, bis sie ihnen vom Körper fallen“, erzählt Wankmüller. Allein: Der Großteil ihrer Klienten ist männlich. Zudem, weiß die Leiterin, dass Frauen in Notsituationen erst sehr spät fremde Hilfsangebote annehmen. Im Gegensatz zu Män-nern. Das erklärt das spärlich gefüllte Lager für Herrenkleidung. Die Regalböden hätten noch ausreichend Raum für Hosen, Pullover und T-Shirts. Einzig eine Metallstange an der Wand quillt über – sie ist voll mit Krawatten und Hosenträgern. „Diese Accessoires werden häufiger benötigt, als man denkt“, erklärt Eva Wankmüller, „denn bei Gerichtsverhandlungen und Begräbnissen wollen auch unsere Klienten passend gekleidet sein.“
In der Zwischenzeit probiert Olga die zweite Winterjacke an. Mit strahlenden Augen kommt sie aus der Umkleidekabine. Immer und immer wieder dreht sie sich ein wenig, um das neue Stück von möglichst allen Seiten sehen zu können. Die leicht wattierte schwarze Jacke reicht ihr fast bis zu den Knien. Besonders der breite Kunstfellkragen scheint es ihr angetan zu haben. „Die gefällt mir total gut. Kannst du mir die einpacken?“, fragt Olga und zieht eine Plas-tiktasche aus ihrem Rucksack. Olgas Freude scheint sogar auf Peter überzuspringen, denn sein goldener Stiftzahn blitzt ein wenig hervor. Doch nicht alle, die hierherkommen, sind so unkompliziert wie Olga oder Yilmaz. „Es gibt Klienten, die verärgert sind, wenn sie keine Adidas-Sportschuhe oder den passenden schwarzen Sweater in ihrer Größe erhalten“, weiß Eva Wankmüller zu erzählen. Einmal kam gar ein Brite, der für seinen Hund ein kariertes Halstuch haben wollte. So einfache Wünsche erfüllt das Zweiergespann hinter dem Ausgabetisch gerne. Aber gelegentlich versuchen auch Personen, die nicht bedürftig sind, an eine Gratis-Ausstattung zu kommen. „Durch die Registrierung und Klärung der Einkommensverhältnisse beim ersten Besuch erkennen wir aber recht rasch, ob jemand versucht, unsere soziale Einrichtung auszunützen“, sagt die Leiterin selbstbewusst. „Der Großteil unserer Klientel ist jedoch dankbar für alles.“ Peter nickt zustimmend.
Plötzlich macht der Wasserfall an der Tür einen Ruck. Heißer Dampf steigt auf und bildet eine gischtartige Glocke über dem Wassersturz. Das Poster bekommt für einen Augenblick etwas Lebendiges. Yilmaz tritt wie verwandelt in den Raum. Seine nach hinten gekämmten Haare umrahmen das glatt rasierte Gesicht. Ein Duft aus Orange und Kokos umgibt ihn. In den neuen Kleidern ist er fast nicht wiederzuerkennen. Mit einem kurzen „Danke“ schiebt er Peter den Rasierschaum über den Ausgabetisch und verlässt den Bogen Nummer 35.