Seit nunmehr vier Jahrzehnten ruft das Kinder- und Jugendzentrum der Innsbrucker Pfarre St. Paulus. Und ebenso lange schon folgt der Reichenauer Nachwuchs begeistert diesem Ruf. St.-Paulus-Leiter Lukas Trentini will seinen Kids einen geschützten Raum für Selbstverwirk-lichung bieten. Sie sollen gefördert, aber auch gefordert werden. DANIELA NOICHL
Jugendliche brauchen viel Toleranz“, sagt Lukas Trentini, Leiter des Kinder- und Jugendzentrums St. Paulus. Toleranz, die nicht jeder aufzubringen vermag, erzählt er von Beschwerden der bisweilen lärmge-plagten Anrainer in der Innsbrucker Rei-chenauer-Straße. Draußen im Hof vor Trentinis Büro wird klar, was die Gemüter der Anwohner erhitzt: Eine bunt gemischte Schar Kinder und Jugendlicher genießt die sommerlichen Temperaturen. Und diese Lebensfreude ist nicht nur sicht-, sondern eben auch manchmal hörbar. „Wenn es zu laut wird, muss ich sie schon hie und da einbremsen. Auch wenn es Streit gibt, greife ich ein.“ Doch ansonsten sind Lukas Trentini und sein Team stets bemüht, ihren Schützlingen so viel Freiraum wie möglich zuzugestehen. Denn St. Paulus versteht sich als „Ort der Selbstverwirklichung für Kinder und Jugendliche“.
Die gebotenen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung sind vielfältig. St. Paulus gliedert sich in insgesamt drei Bereiche: den offenen Jugendtreff Zero, das Jugendkulturcafé Propolis und schließlich den Kinder- und Jugendbereich der Pfarre selbst. Das Zero zielt speziell auf die Altersgruppe der Zwölf- bis 18-Jährigen ab. Jeweils dienstags bis einschließlich freitags ab dem späten Nachmittag können die Kids zwischen verschiedenen Angeboten wählen, die ihre aktive Mitarbeit einfordern. Diese Kontinuität sei wichtig, um eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen. So wird beispielsweise an Donnerstagen Fußball gespielt. Im Zuge der gemeinsamen Unternehmungen übertragen die Betreuer den Kids Verantwortung für einzelne Teilbereiche. „Sie sollen nicht nur für sich selbst, sondern für die Gemeinschaft aktiv sein“, sagt Trentini. Dadurch sollen die Jugendlichen lernen, eigenständig und verantwortungsbewusst zu handeln. „Denn sie sollen nicht allein gefördert, sondern durchaus auch gefordert werden“, erklärt Trentini den Ansatz dahinter. Die Verantwortung füreinander führt im Idealfall dazu, dass sich etwa Jugendliche mit unterschiedlichem Kulturhintergrund annähern und Verständnis und Respekt füreinander entwickeln. Außerdem, so JUZE-Leiter Trentini, soll den Kids dadurch das Gefühl vermittelt werden, dass sie durchaus etwas können: „Denn viele der Jugendlichen, die zu uns kommen, haben nur sehr wenig Selbstvertrauen.“
In der so genannten „offenen Jugendarbeit“ gehen die Betreuer auf die Jugendlichen zu und suchen das Gespräch. Probleme werden direkt angesprochen und Hilfestellungen angeboten. In manchen Fällen ist dann die Vermittlung zu öffentlichen Stellen nötig. Im Idealfall soll aber schon vorher eine entsprechende Lösung für die individuellen Probleme gefunden werden. Denn: „Öffentliche Beratungsstellen wirken oft abschreckend, es ist zu offiziell. Wenn Jugendliche diese aufsuchen, brennt meist schon der Hut.“ Trentini macht kein Hehl daraus, dass ein Teil der jungen Besucher und Besucherinnen im Jugendzentrum „schwierige Jugendliche“ sind, die besonders intensiv betreut werden müssen. „Das sind dann nicht die klassischen Talente, die sich mit überdurchschnittlichen Leistungen in Latein oder Mathematik hervortun. Dafür haben wir Jugendliche, die können so laut schreien, dass sie damit ein Fens-ter zum Bersten bringen“, sagt Trentini mit einem Augenzwinkern. Auch in Sachen körperlicher Fitness seien manche überdurchschnittlich begabt: „Wenn zum Beispiel beim Fußballspielen der Ball am Dach landet, kann man gar nicht so schnell schauen, schon hängt einer, fast wie Spiderman, an der Dachrinne und holt ihn wieder runter.“ Genau dieses Gespür für die besonderen Talente seiner Schützlinge verlangt Trentini auch von seinen Mitarbeitern.
Insgesamt tun in den drei verschiedenen Bereichen des Kinder- und Jugendzentrums St. Paulus acht fixangestellte Betreuer und Betreuerinnen Dienst. Unterstützt von einer ganzen Schar Ehrenamtlicher: „Insgesamt haben wir fast 40 Freiwillige, deren Hilfe für den reibungslosen Ablauf in unseren Einrichtungen unschätzbar wertvoll ist. Das sind zum Teil Leute, die selbst als Jugendliche hier Stammgäste waren. Sogar einer der Fix-angestellten war früher regelmäßiger St.-Paulus-Besucher.“ Die Finanzierung des JUZEs erfolgt in erster Linie über Subventionen von Stadt, Land und nicht zuletzt der Diözese. Denn St. Paulus ist untrennbar mit der gleichnamigen Pfarre verbunden, die auch als Trägerorganisa-tion fungiert. Die Pfarre war es auch, die im Juni 1967 den Grundstein zum heutigen Kinder- und Jugendzentrum gelegt hat. Auch der Kinder- und Jugendbereich, eine der drei Abteilungen des Zentrums, wird direkt von der Pfarre geleitet. Das ist zugleich jener Bereich, in dem die jüngsten St.-Paulus-Besucher und -Besucherinnen anzutreffen sind. Vornehmlich beim gemeinsamen Musizieren, Lesen oder Spielen. Kinder im Volksschulalter, aber auch noch jüngere, sagt Trentini.
Pro Woche besuchen bis zu 300 Kinder und Jugendliche St. Paulus. „Eigentlich kann man sagen, dass unsere Zielgruppe null bis 30 Jahre alt ist“, lacht Leiter Lukas Trentini. Speziell für die Älteren, also jene zwischen 16 und Ende 20, ist das Jugendkulturcafé Propolis gedacht, das jeden Freitag und Samstag geöffnet ist. Es ist im Souterrain des Gebäudes untergebracht. Hier finden regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen statt. Der Geruch von kaltem Rauch zeugt von durchfeierten Nächten. Vor der Bühne, auf der schon so manche Innsbrucker Musikerkarriere begann, stehen zahlreiche Tische und Stühle. Die Bar und das DJ-Pult machen den Konzert-raum komplett. Eine der Wände zieren Schwarz-Weiß-Fotos der Propolis-Mitarbeiter. Die Studentin Lisi Krista, eine der ehrenamtlichen Helferinnen, sitzt in einem kleinen Nebenraum vor dem Computer und sortiert MP3s. „Ich arbeite gerne hier mit. Denn die Leute sind hochmotiviert, weil es ein lässiges Konzept ist und alles zur Verfügung steht, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen“, sagt die 26-Jährige begeistert. Raum für neue Ideen gibt es genügend. So stehen den künstlerisch begabten Kids neben den Bandräumen auch ein Tonstudio, ein Atelier und ein Fotolabor zur Verfügung.
Trotz all der positiven Aspekte ist das St.-Paulus-Team auch immer wieder mit Problemen konfrontiert. Allen voran die Aggressivität mancher Kids. „Die Kinder kommen aus schwierigen Situationen und sind oftmals aggressiv. Hin und wieder gibt es auch unangenehme Situa-tionen. Vor allem in der kalten Jahreszeit, weil dann sind so viele gleichzeitig am gleichen Ort“, erzählt Lukas Trentini. Die Betreuung durch zwei Personen ist dabei manchmal zu wenig. Der sorgfältig eingerichtete „Raum zum Abreagieren“ sorgt in solch spannungsgeladenen Situationen für Entlastung. Dort gibt es Boxhandschuhe, Sprossenwände und andere Sportgeräte. Alles ausgepolstert mit dicken Matten, damit nichts passieren kann. Das Zentrum St. Paulus versteht sich auch in Krisensituationen als Anlaufstelle. Negative Gefühle dürfen hier genauso zum Ausdruck gebracht werden wie positive. Denn auch die gehören nun mal zum Leben dazu. Trentini und sein Team bieten den Kids jedoch Möglichkeiten und Hilfestellungen, um zu lernen, mit diesen Gefühlen umzugehen: „Die Kids fühlen sich hier sicher. Das ist uns sehr wichtig.“