20er
Soziales

Indien: Zwischen Bettlern, Boom und Taj Mahal

Foto: Wolfgang Rebernik


Hippies, Bettler, Heilige Kühe und Computerexperten – das sind Bilder, die auftauchen, wenn das Stichwort „Indien” fällt. Indien ist das alles und mehr, vor allem aber ein Land der Gegensätze. Und noch etwas: unerklärbar. VERENA LANGEGGER







Die Ankunft am Indira Gandhi Airport in Delhi ist ein Schock, unfassbar niedrige Decken, das At-men fällt schwer, überall Staub und Dreck. Der Flughafen ist eine einzige Baustelle, selbst um vier Uhr früh. Um diese Uhrzeit erscheint auch die kürzeste Schlange vor dem Immigration Desk endlos lang, vor allem wenn russische Touristen es im Flugzeug nicht- geschafft haben, das Einreiseformular auszufüllen. Indien, ein Land der Formulare. Endlich, der böse Blick des Einreise-Wallhas, ein kleiner Abschnitt fürs Gepäck und ein Stempel. Auch der Rucksack ist da, raus aus dem Staub und Dreck, bevor der Flughafen zusammenstürzt, raus in die Nacht der rund 14-Millionen-Einwohner-Metropole New Delhi. Atmen ist auch im Freien nicht leicht, es riecht streng, chemisch: CNG, Compressed Natural Gas. Seit 2002 ist der öffentliche Verkehr komplett auf Erdgas umgestellt worden, alle Öffis, also Busse, Taxis und Motor-Rikschas fahren nur mehr mit CNG. Zuvor war Delhi eine einzige Dieselwolke. Immerhin fahren rund vier Millionen Autos auf Delhis Straßen und täglich kommen, nach Schätzungen der Autoindustrie, an die 1000 dazu. Zu Stoßzeiten staut es sich bei fünf bis sieben Stundenkilometer, Atmen ist schwierig in Delhi.


Sogar am frühen Morgen ist die Geräuschkulisse in Delhi unglaublich, vor allem ungewohnt für europäische Ohren: Hupen, Tuten, Bremsen, Rumpeln, Schreien, das alles im Linksverkehr und einem unwahrscheinlichen Durcheinander, zwischen Kühen am Stadtrand, Autos, Taxis, Rikschas und Rädern. Vorbei an Menschen, die neben der Straße auf der Erde im Schmutz schlafen, an Häusern, die halbfertig ohne Fenster dastehen, wie nach einem Bombenangriff. Mitten in einem Kreisverkehr in Richtung Zentrum ein Turm aus Wellblechhütten und Zelten. Es sind Menschen, die ihren Wohnort nicht aufgeben wollen, gegen den Willen der Stadtregierung, die hier eine Zufahrtsstraße zu einer der zahlreichen Shopping-Malls plant. Mega-Shopping-Malls entstehen gerade am Rande Delhis, Einkaufen wird von der immer schneller immer reicher werdenden indischen Mittelschicht gerade als Hobby entdeckt.


Pro Jahr wächst die indische Wirtschaft um acht Prozent, derzeit wird Indien gerade zum wichtigsten Konsummarkt neben China. Drei Inder sind aktuell unter den Reichsten der Welt, steht in der GT, der Gomantak Times, im März 2008. Viertreichster Mann der Welt, hinter dem US-Amerikaner Warren Buffet, dem Mexikaner Carlos Slim und dem Amerikaner Bill Gates ist laut Forbes der indische Stahl-Tykoon Lakshmi Mittal mit einem geschätzten Vermögen von 45 Billionen US-Dollar. Gefolgt von seinem Schwager Mukesh Ambani und KP Singh.


In Delhi wird die Kluft zwischen Arm und Reich besonders sichtbar. Am Dreh- und Angelpunkt von Delhi, am Con-naught Place liegen die Armen auf der Straße, versuchen die Straßenkinder an der Ampel ihre Plastikspielsachen zu verkaufen, während die reiche Mittelschicht im AC-gekühlten United Coffee House unter riesigen Kronleuchtern Kingfisher-Bier trinkt und Tandoori isst. Hier Toiletten „European Style”, um die Ecke in einem Durchgang die Toilette der Obdachlosen, es riecht streng nach menschlichem Urin, für „Westerner“ heißt es hier besser Atem anhalten und nicht hinschauen.


„Die Abschaffung von Armut und Unwissenheit, Krankheit und die Schaffung von Chancengleichheit“, das hatte Jawaharlal Nehru in seiner berühmten Rede „Trust with Destiny” einen Tag vor der Unabhängigkeit am 15. August 1947 zu seinen wichtigsten Aufgaben für die Zukunft gezählt. 61 Jahre später scheint Indien weit von diesem Ziel entfernt. Von den weltweit 1,3 Milliarden Armen leben etwa 40 Prozent am indischen Subkontinent, schätzt die UNO. Fast jeder dritte Inder wird von der Regierung als arm eingestuft. Von der etwa eine Milliarde Menschen zählenden indischen Bevölkerung hat über die Hälfte keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, fast ein Viertel keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.


Rückzugsgebiet Zimmer nach einem Tag in Delhi. Endlich Raum für sich haben, keine Eindrücke, keine Forderungen von Bettlern, keine Erklärungsversuche des westlichen Gutmenschenhirns. Grotesk erscheint die Werbung, die sowohl auf indischen TV-Sendern als auch auf CNN Asia oder HBO läuft. Beworben wird etwa „Whitening Cream”, also Hautaufheller für Männer oder Lebensversicherungen. Immer noch gilt: je weißer, desto besser. Nicht selten werden Whities fotografiert. Indische Mädchen streicheln die weiße Haut und wollen tauschen: „Nice skin, I want to have it, you take mine, I take yours.“


Im traditionsbewussten Indien wird in mindestens jeder zweiten Werbepause für „I-Pill“ geworben, der „Pille danach“. Ein Upper-Class-Pärchen wirkt sichtbar erleichtert, nach der Pille danach, in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung von der medizinischen Versorgung abgeschnitten ist. Ein Middle-Class-Inder, der gerade seinen Sohn in Neuseeland besucht hat, berichtet immer noch erstaunt, dass er im Kindergarten des Enkels ein getrennt lebendes Elternpärchen kennengelernt hat. Unvorstellbar in Indien, sagt er, Scheidung gibt es nicht.


Was in all dem Dreck und Schmutz dieser Großstadt immer sauber ist, sind Rikschas und Taxis. Fein geputzt und geschmückt sind sie oft der einzige Besitz des Fahrers. Tagsüber sind sie Arbeitsplatz, in der Nacht werden sie zum Schlafplatz, einfach Beine hoch, Jacke über den Kopf und gute Nacht. Am Armaturenbrett immer mindestens ein kleiner Schrein mit Ganesh oder Shiva, drum-herum Plastikblumenschmuck, um die Götter wohlzustimmen.


Agra mit dem Weltkulturerbe Taj Mahal ist nicht weit von Delhi entfernt, ca. 200 Kilometer, trotzdem ein Tagestrip mit dem Auto auf einer gefährlichen Straße. Kamelwagen, Elefanten, Kühe, Rikshas, Motorräder, alles auf ein und derselben Straße – mit Gegenverkehr. Während der Rauchpause des Fahrers an einem Parkplatz drängen sich Schlangenbeschwörer mit ihren Körben ans Autofenster. Rund um das Taj herum darf nicht mehr Auto gefahren werden. Die Abgase zerstören das Monument, der Marmor wird grau. Die Eintrittspreise sind vielsagend: Westerners zahlen 750 Rupien, für Inder kostet der Eintritt 50 Rupien, um den Sonnenuntergang und den Farbwechsel des Liebesbeweises zu sehen, den Großmogul Shah Jahan als Mausoleum seiner Hauptfrau und sich selbst erbauen ließ. Der Bau dauerte von 1631 bis 1648, insgesamt sollen rund 20.000 Arbeiter daran gearbeitet haben. Die Legende sagt, dass Shah Jahan noch ein Mausoleum aus schwarzem Marmor auf der anderen Seite des Flusses für sich selbst errichten lassen wollte, vor Baubeginn wurde er aber ermordet, anscheinend, weil bereits der Bau des Taj zu teuer gewesen war.


Manchmal sind die Preisunterschiede zwischen Einheimischen und Westernern anstrengend, Betrug ist offensichtlich. Im Hotel Anianivas in Jaipur dann das Schild: „No Tips, please“, Trinkgeld verboten, Bestechung unmöglich und wird nicht erwartet. Fixpreise im hoteleigenen Souvenirladen, unglaublich angenehmes Shopping-Gefühl in Indien.


Nicht fehlen darf beim klassischen Indien-Trip natürlich eine Reise in die Hippie-Hochburg Goa. Die Legende von den unberührten Sandstränden, dem billigen Leben und den glücklichen haschischrauchenden Aussteigern scheint zumindest mittlerweile ein Märchen zu sein. Die Betrunkenen und Zugedröhnten ähneln denen in heimischen Bars, von außergewöhnlicher Erleuchtung oder Glück scheinen sie weit weg zu sein. Mittlerweile wird der Drogenhandel im kleinsten indischen Bundesstaat von Russen und Nordafrikanern und ihren Machtkämpfen beherrscht. Auch immer mehr Inder steigen – trotz religiöser Verbote – in den Drogenhandel ein und nehmen selber Drogen. Derzeit wohl größtes Problem für das Hippieparadies sind Morde an Touristen. In diesem Frühjahr etwa wurde eine 16-jährige Britin tot aufgefunden. Die Polizei versuchte, den Mord an dem Mädchen zu vertuschen, und gab als Todesursache Ertrinken an. Doch die Mutter des Mädchens schlug Alarm. Die britische Botschaft wurde eingeschaltet und eine zweite Autopsie ermittelte einen gewaltsamen Tod. Die britische Gemeinschaft, die in Goa lebt oder den Winter verbringt, ist enttäuscht. Der 70-jährige David, der seinen Ruhestand in Palolem verbringt, meint skeptisch: „Es wird immer schlimmer hier mit der Korruption. Dabei war Goa so schön. Aber die Inder werden es selbst kaputt machen und dann werden auch die Touristen wegbleiben.“


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