„Es ist dieser Moment, wenn du am Abgrund stehst und zögerst. Du weißt, du kannst jetzt springen, aber du wartest. Dieses Gefühl ist unvergleichlich.“ Der Zillertaler Mike Schönherr spricht vom Adrenalinrausch, der ihn dazu treibt, von Felswänden oder Brücken zu springen. Mike ist Basejumper. DANIELA NOICHL UND STEFFEN ARORA
Im idyllischen Mayrhofen im Zillertal lebt und arbeitet Mike Schönherr. Der 33-Jährige könnte als Prototyp des Tiroler Bergfex durchgehen: Drahtige Statur und sonnengebräunter Teint, die obligate Sportbrille lässig am Kopf sitzend. Doch die Trekkinghose und das feste Schuhwerk sind bei ihm nicht bloß Accessoires. Der sportliche Look rührt von Mikes beruflichem Alltag her. Er ist Leiter des Action Club Zillertal. Wer sich aber hinter der klischeehaften Fassade einen geschwätzigen Bergführertypus erwartet, den überrascht Mike mit schüchterner Zurückhaltung. Er ist kein Mann vieler Worte, eher ein Mann außergewöhnlicher Taten. Sein Arbeitsalltag lässt Sofasurfern die Nackenhaare zu Berge stehen. Vormittags etwas Rafting, danach Klettern und nachmittags eventuell noch ein Paragleitflug. Mikes Beruf ist der Extremsport. Wenig überraschend, dass er die wohl extremste aller Sportarten zu seinem Hobby erkor. Vor sechs Jahren begann er mit dem Skydiven, also dem herkömmlichen Fallschirmspringen aus Flugzeugen. Nur ein Jahr und circa 70 Absprünge später wollte er mehr, oder besser gesagt weniger Höhe und Luftwiderstand. Am 20. November 2002 sprang Mike das erste Mal vom Boden aus mit dem Fallschirm ab. Basejumping ist seither seine Leidenschaft. „Es gibt keine Regeln, alles ist dir überlassen, das ist das Tolle daran“, sprudelt es plötzlich aus ihm heraus. Seine Augen leuchten, als er vom „unvergleichlichen Moment“ des Absprunges erzählt.
Der Magie dieses Moments ist auch Rainer Gindl aus dem obersteirischen Admont verfallen. Dort, am Eingang zum Nationalpark Gesäuse, ist aus einer Gruppe von Hobby-Fallschirmspringern in den letzten Jahren eine kleine Clique von Basejumpern entstanden. In ganz Österreich wird die Szene auf rund 20 Personen geschätzt, somit nimmt Admont den Rang eines Basejump-Zentrums ein. Rainer war einer der Ersten aus dem Freundeskreis, der sich in den Abgrund stürzte. „Es ist nicht einfach nur Runterspringen, man braucht schon eine bestimmte Technik. Wenn man die nicht hat, drohen ernsthafte oder gar tödliche Verletzungen“, erklärt der 30-jährige Sportwissenschafter und hält fest, dass nicht jeder sofort zum Basejumper werden kann. Schmunzelnd erzählt Rainer von seinem ersten Sprungvorhaben am italienischen Gardasee: „Ich habe vom Basejump-Mekka in Arco gehört und bin einfach hingefahren. Mir wurde aber schnell klar, dass ich trotz meiner Erfahrung als Fallschirmspringer zuerst noch einiges zu lernen habe.“ Denn Basejumping und klassisches Fallschirmspringen weisen grundlegende Unterschiede auf. Das beginnt bei der Ausrüstung. Zwar springen beide mit Fallschirmen, doch Basejumper verzichten auf den Rettungsschirm, was auch Unterschiede beim Packen bedeutet. Ein kleiner Fehler beim Falten und Verstauen des Fluggeräts kann ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen. Etwa die gefürchtete Drehung um 180 Grad nach dem Öffnen des Schirmes: „Bist du zu nah an der Wand oder dem Gebäude, dann hast du in diesem Fall keine Chance mehr zu reagieren.“ Deshalb muss bereits während des freien Falls möglichst viel Abstand zum Berg oder Gebäude gewonnen werden. Gleich nach dem Absprung nehmen die Springer eine Kopfüber-Position ein und steuern mit an den Körper angelegten Armen – im Fachjargon Tracking genannt. Um diese Steuerung zu optimieren wurden eigene, so genannte Wing-suits entwickelt. Schwimmhäuten ähnlich sind zwischen Armen und Oberkörper sowie zwischen den Beinen Stoffbahnen am Anzug angebracht, die den Luftwiderstand erhöhen und somit die Flugzeit verlängern und die Steuerung erleichtern.
Rainer nahm sich ungefähr ein Jahr Zeit zum Lernen, ehe er seinen ersten Basejump von einer 125 Meter hohen Brücke in Slowenien wagte. Auch der Zillertaler Mike wird seinen ersten Basejump nie vergessen. Schon als Kind habe er sich beim Bergsteigen immer gewünscht, anstatt wieder abzusteigen einfach hinunterspringen zu können. Jetzt kann er es. Doch es sei schwer gewesen, erzählt er, jemanden zu finden, der ihn zu seinem ersten Sprung mitnahm. Schließlich könne man Basejumping nicht in einem Kurs erlernen. Denn offiziell ist es verboten, von befestigten Objekten mit Fallschirmen abzuspringen. Lediglich beim Springen von Felswänden gibt es eine Grauzone, sagt Mike. „Jedenfalls habe ich jemanden gefunden, von dem ich wusste, dass er es macht. Ich habe ihn dann so lange genervt, bis er mich mitgenommen hat“, schmunzelt der Zillertaler. Mittlerweile habe auch er einen Novizen zum ersten Sprung begleitet: „Der hat es genauso gemacht und mich genervt, bis ich ja sagte.“ Das sei eine Frage der Philosophie gewesen, sagt Mike, er habe zurückgegeben, was er bekommen hat. Damit sei dieser Fall für ihn erledigt. Er würde heute niemanden mehr zum ersten Sprung mitnehmen. Basejumping ist kein Teamsport, jeder trägt die Verantwortung für sich selbst.
Der Extremsport ist noch relativ jung. Als Vater des modernen Basejumpings gilt der US-Amerikaner Carl Boenish, der in den 1960ern begann, das Springen von befestigten Objekten zum Sport mit eigener Philosophie zu entwickeln. Doch es gibt bereits Aufzeichnungen über so genannte „Turmspringer“ aus dem 14. Jahrhundert. Auch in den Alpen hat Basejumping „Tradition“. Eine Fotografie zeigt einen todesmutigen Zahnarzt, der sich in den 1950ern mit seiner Fallschirmausrüstung eine Felswand in den Dolomiten hinunterstürzte. Ob er heil unten ankam, ist nicht überliefert. Doch als offizieller Geburtsort des Basejumpings gilt der Yosemite Nationalpark in den USA, wo Boenish am 8. August 1978 mit Freunden die Geburtsstunde des Sports feierte. Er gab ihm auch den Namen, der anfangs noch BEST-jumping lautete, was für „Building, Earth, Span, Tower“ stand. Das gefiel ihm nicht sonderlich und so wurde aus dem Tower eine Antenna und folglich das BASE-jumping. Boenish verunglückt 1984 tödlich bei der Ausübung „seines“ Sports.
Trotz aller Risiken zieht es die Basejumper immer wieder hin zum Abgrund. Sie suchen den Kick. Wenn die Füße sich anschicken, den festen Boden zu verlassen, und den Körper entgegen jeder menschlichen Logik in die Luft über den Abgrund hinausstoßen. „Du springst ins Nichts“, schwärmen die Basejumper von diesen Sekunden. Anders als beim Fallschirmspringen aus Flugzeugen wirkt beim Basejumping zu Beginn kein Luftwiderstand auf den Körper. „Beim Flugzeug hast du von Anfang an den enormen Fahrtwind im Gesicht, der wie ein Polster wirkt. Beim Basejumping ist da erst einmal nichts, gar nichts. Du springst ins Leere und bist völlig schwerelos“, schwärmt Mike. Jedoch ist beim Basejumping auch die Zeit im freien Fall viel kürzer als beim herkömmlichen Fallschirmspringen. Hierin liegt die größte Gefahr verborgen, wie Mike erklärt: „Du darfst auf keinen Fall zu lange mit dem Pullen warten.“ Den Kick hinauszuzögern, kann tödlich enden. Auch Mike kannte einen Springer, der „zu lange gewartet hat“. Die Risiken ihres Sports sind ihnen durchaus bewusst. Es liegt an jedem Einzelnen, sie für sich selbst abzuwägen. Seine Grenze liege dort, sagt Mike, wo das Risiko größer wird als die Chance, dass es gut geht. Doch er kratzt immer wieder an dieser Grenze und weiß selbst, dass es gerade bei diesem Sport keine Garantie darauf gibt, heil am Boden anzukommen. Im Internet führt die Basejump-Community Buch über ihre Verluste. Akribisch wird dort jeder tödliche Unfall mitsamt den näheren Umständen festgehalten. Genau 118 waren dies weltweit, seit 1981 der erste Basejumper verunglückte. In einer Szene, die so klein und verschworen ist, bedeutet jeder einzelne Fall einen tragischen Verlust.
Am Ende jedes Sprunges steht die Landung. Besonders wenn illegal gesprungen wird, wie etwa von der Europabrücke, ist auch hier Vorbereitung alles. Es gilt ein Fluchtauto bereitzustellen, damit die Polizei nicht schneller ist und im schlimmsten Fall das Equipment beschlagnahmt. Unlängst, erzählt Mike, habe ein befreundeter Jumper am Ende eines perfekten Base-Tages das Lebensgefühl der Community auf den Punkt gebracht: „Another day we’re all alive!“