Der Dienst am Nächsten - Eine Nacht mit dem Roten Kreuz
Foto: Steffen Arora
Es ist kurz nach 20.00 Uhr. Wolfgang und Sebastian haben eben ihren Nachtdienst angetreten. Sie sind dabei Wagen und Ausrüstung zu kontrollieren, als der erste Funkspruch kommt: „Patientin, 41 Jahre, schlechter Allgemeinzustand.“ „Das sind die unangenehmsten Fahrten“, sagt Wolfgang und steigt ins Auto, „man weiß nie was einen erwartet“. Schon befinden sich die beiden freiwilligen Rot Kreuz-Mitarbeiter auf dem Weg zum Einsatzort. Es wird nicht die einzige Fahrt bleiben in dieser Freitagnacht. STEFFEN ARORA
Nach wenigen Minuten ist der Rettungswagen vor Ort. Wolfgang gibt Entwarnung. Die Patientin ist ansprechbar, leidet aber unter starkem Schwindelgefühl. Die beiden Sanitäter kontrollieren Blutdruck und Puls. Es bedarf nicht vieler Worte. Die Handgriffe laufen dank langjähriger Erfahrung im Rettungsdienst automatisch ab. Um kein Risiko einzugehen, bringen sie die Dame zur ärztlichen Kontrolle in die Klinik. Sebastian, Student am MCI, fährt. Er ist erst seit vergangenem Herbst in Innsbruck im Einsatz. Seit er hier studiert. Zuvor leistete Sebastian zu Hause in Niederösterreich freiwilligen Dienst. Der Umzug war für ihn kein Grund, sein Engagement zu beenden und er hat sich in Innsbruck auch als Sanitäter schnell eingelebt. Heute fährt er zusammen mit Wolfgang, der seit 15 Jahren für die Freiwillige Rettung Innsbruck ausrückt. Wolfgang weiß von den engen Banden unter den „Rot Kreuz’lern“ zu erzählen. Führt der Hauptschullehrer und Vater von vier Kindern doch sogar eine „Rettungsehe“. Er hat seine Frau beim gemeinsamen Helfen kennen gelernt. Nach kurzer Fahrt ist die Klinik erreicht und die Patientin wird dort aufgenommen.
Zurück im Rettungswagen werden alle verwendeten Gerätschaften desinfiziert. Kaum startet Sebastian den Motor, erteilt die Dienststelle den nächsten Auftrag. Diesmal geht es zum Bahnhof, wo eine „stark alkoholisierte Person“ wartet. „Ein Klassiker“, lacht Sebastian. Regelmäßig werden die Sanitäter hierher gerufen und meist sind bei den PatientInnen Alkohol oder andere Drogen im Spiel. Heute wartet ein „alter Bekannter“. Der Mann sitzt schwer betrunken auf einer Bank im Regen. Wolfgang begrüßt ihn vertraut und der Patient lächelt verdattert zurück. „Was ist denn los“, fragt der Sanitäter. Es gehe ihm nicht gut, er müsse wohl ins Krankenhaus, murmelt der Befragte. Ein Grundsatz des Roten Kreuzes lautet Menschlichkeit: „Der Mensch ist immer und überall Mitmensch.“ Daher sei man „stets bemüht, menschliches Leid überall und zu jeder Zeit zu lindern“. Wolfgang und Sebastian bieten ihrem Patienten stützende Arme an und geleiten ihn zum Wagen. Bevor er einsteigt, schnappt der Mann noch seinen Tetrapack-Wein aus der Manteltasche und nimmt einen kräftigen Schluck. „Jetzt könn’ ma“, sagt er und setzt sich ins Auto. In der Klinik angekommen, übernimmt Sebastian die Anmeldeformalitäten und Wolfgang verfrachtet den kaum Gehfähigen in einen Rollstuhl. „Warte bitte hier! Gleich kommt jemand, der sich um dich kümmert“, erklärt er ihm und verlässt seinen Patienten. Der bedankt sich und ruft lallend: „Wünsche euch noch viel Geschäft!“ Trotz aller Nächstenliebe ist auch die Rettung ein wirtschaftlich arbeitender Betrieb. Mit immerhin 80 hauptamtlichen MitarbeiterInnen ist das Rote Kreuz Innsbruck ein mittelständisches Unternehmen. Dazu kommen pro Jahr 45 Zivildiener sowie 656 Mitglieder, die als Freiwillige über 100.000 unbezahlte Dienststunden ableisten. Und zu den Tätigkeiten zählen längst nicht nur Rettungs- und Krankentransporte. Vom „Essen auf Rädern“, über Erste Hilfe-Kurse bis zur Hundestaffel reicht die Palette. Das alles kostet natürlich Geld. Haupteinnahmequelle sind die Transporte, die mit den Sozialversicherungen abgerechnet werden. „Viele glauben ja immer noch, die Rettung kommt gratis“, wundert sich Wolfgang. Daneben ist man auf Spenden und die öffentliche Hand angewiesen. Finanziell sei im Moment alles in Ordnung, versichert er. Doch die Rettung hat mit wachsendem Konkurrenzdruck zu kämpfen. Vor allem im Bereich der Krankentransporte. Bei allem Wirtschaftsdenken, sagt Wolfgang, dürfe man nicht vergessen, dass es für das Rote Kreuz schwer sei, mit privaten Anbietern mitzuhalten. Schließlich habe man umfangreiche Rettungs- und Zivilschutzaufgaben zu erfüllen. Um die Finanzierung langfristig zu sichern, geht man in Innsbruck unkonventionelle Wege und hat in Immobilien investiert. „Die wenigsten werden wissen, dass sie beim Parken in der Westgarage die Rettung unterstützen“, schmunzelt Wolfgang.
Mittlerweile ist es 22.00 Uhr und alle vier im Nachteinsatz befindlichen Rettungswagen sind seit Dienstbeginn pausenlos unterwegs. Wenn viel los ist, treffen sich die Mannschaften meist nur in der Klinik. Armin und Christoph, die Wagen 23 pilotieren, haben eben einen Patienten abgeliefert und wollen sich auf der Fahrt zur Dienststelle etwas zu essen besorgen. Fast Food steht am Speiseplan der Allzeitbereiten. Doch kaum haben sie am Schalter ihre Bestellung aufgegeben schrillt der Piepser: Ein Notfall. Das Menu muss warten und beide laufen zum Auto. „Patientin, 64 Jahre mit Atembeschwerden“, instruiert die Leitstelle. Da die Frau bereits einmal eine Lungenembolie hatte, wird „blau gefahren“. Mit Folgetonhorn geht’s rasant durch die Innenstadt. Vor Ort ist die Situation weniger dramatisch, als angenommen. Die Patientin wird zur Kontrolle in die Klinik gebracht. Armin und Christoph starten einen zweiten Versuch, Essen zu fassen. Diesmal klappt es. Zum ersten Mal an diesem Abend nehmen sie gegen halb elf Uhr Platz im Dienstzimmer. Christoph, der wie Armin bereits einen anstrengenden Arbeitstag im „Zivilberuf“ hinter sich hat, genießt nun endlich die ersten Bissen gebackenen Camemberts. Schon schrillt der Piepser. „Ffeiffe“, entfährt es ihm mit vollem Mund. Zu vorgerückter Stunde wird es ruhiger. Um 2.00 Uhr treffen sich alle vier Mannschaften zum ersten Mal in der Dienststelle. Wolfgang und Sebastian erzählen von ihrem letzten Einsatz. Ein älterer Herr, der glaubte einen Löffel verschluckt zu haben. Solche „internen Nachbesprechungen“ sind nicht bloß Getratsche, sondern helfen, das Erlebte zu verarbeiten. In Rettungskreisen schwingt dann oft eine gehörige Portion schwarzen Humors mit. „Das ist nicht pietätlos“, erklären sie, „es ist ein Schutzmechanismus“. Zudem ist das Gespräch mit KollegInnen – neben der „freiwilligen und selten genutzten“ Supervision – die einzige Möglichkeit, über den Dienst zu reden. Denn beim Roten Kreuz gilt, wie im Krankenhaus, strenge Schweigepflicht.
Bis zum Morgengrauen bleibt es ziemlich ruhig. Sebastian hofft insgeheim pünktlich um sieben Uhr nach Hause zu gehen. Doch plötzlich herrscht wieder rege Betriebsamkeit. „Ein Hausnotruf, ich hol den Schlüssel, du das Auto“, ruft Wolfgang seinem Fahrer zu und läuft in den ersten Stock. Dort ist die „Hausnotrufzentrale“. Mittels Knopfdruck am Funkarmband oder der Funkhalskette können ältere, allein lebende Menschen, die in Not geraten, einen Hilferuf absetzen. Die alarmierte Rettung bekommt in der Zentrale den Ersatzschlüssel und eilt zur Hilfe. Auf diese Weise werden in Innsbruck über 1.000 Menschen betreut. „Patientin meldet sich nicht auf Rückfrage“, lautet die Information für die Sanitäter. Das heißt Blaulichtfahrt und ein mulmiges Gefühl, denn „dort kann dich alles erwarten“. Als sie eilig die Wohnungstür aufsperren, kommt ihnen eine verdutzte Dame mit Kaffee und Zigarette entgegen. Sie sei wohl versehentlich an den Knopf geraten, entschuldigt sie sich erschrocken. Erleichtert, keine „grausliche Entdeckung“ gemacht zu haben, ziehen die Helfer ab.
Doch schon am Rückweg wird es wieder ernst. Erneut ein Hausnotruf, erneut keine Antwort auf den Rückruf. Der Wagen rast ans andere Ende der Stadt. Wieder ein mulmiges Gefühl beim Öffnen der Wohnungstür. Diesmal berechtigt. Die Frau liegt regungslos am Schlafzimmerboden. Jetzt muss alles schnell gehen. Sofort prüft Wolfgang die Vitalfunktionen. Es ist ernst, Sebastian soll den Notarzt anfordern. Bis dieser eintrifft, versorgen sie die kaum ansprechbare Patientin mit Sauerstoff und reden ihr gut zu. Rot Kreuz-SanitäterInnen dürfen keine Medikamente verabreichen, nicht einmal Aspirintabletten. Die Rettungskette funktioniert und binnen Minuten ist die Notärztin vor Ort. Nachdem die Patientin transportfertig ist, geht es im Konvoi Richtung Klinik.
Es ist 8.30 Uhr morgens, als Wolfgang und Sebastian erschöpft in die Dienststelle zurückkehren. „Um elf muss ich auf der Uni sein“, seufzt der Student. Auch Wolfgang ist hundemüde. Warum sie sich das jede Woche antun, wissen die beiden in diesem Moment selbst nicht. Aber sie werden es weiter tun.