20er
Soziales

„Nicht einfach nur ein Loch“ - Zu Gast auf der Mülldeponie im Ahrental

Gerhard Berger


Langsam öffnet sich der Schranken und der Motor des voll beladenen Müllwagens röhrt laut auf. Im Schritttempo passiert er die Einfahrt, die von einer Videokamera überwacht wird. „Bitte halten Sie sich an die Anweisungen des Betriebspersonals“, steht auf einem Schild im Eingangsbereich der Mülldeponie. Gleich daneben eine weitere Tafel, die den Besuchern festes Schuhwerk nahe legt. Auch das Rauchen wird hier untersagt. Nun geht es steil bergauf. Bewaldete Hänge und ein nahezu blauer Himmel erinnern für einen Moment an die Idylle einer Wanderung. Doch hinter der nächsten Kurve, nur wenige Kilometer vor den Stadtgrenzen Innsbrucks, eröffnet sich die Mülldeponie im Ahrental, die mehr als zwei Millionen Kubikmeter Abfall beherbergt.
JOHANNES WETZINGER



Die Lust zu wandern, ist rasch verflogen, denn hier prägen nicht Berge aus Stein, sondern Berge aus Müll das Bild. Auch von frischer Landluft ist hier wenig zu spüren. Bis zu 120 Zulieferungen gebe es hier täglich, erklärt Martin Unterholzner, der für den Geschäftsbereich Abfallwirtschaft bei den Innsbrucker Kommunalbetrieben (IKB) tätig ist. Jährlich, so Unterholzner weiter, würden hier 80.000 bis 90.000 Tonnen Müll aus Innsbruck, Innsbruck Land und Schwaz abgelagert. Unbehandelt, wie er hervorhebt. Doch das soll ab 2009 ein Ende haben, denn ab diesem Zeitpunkt dürfen nur mehr vorbehandelte Abfälle abgelagert werden. Wie es dann mit der Deponie im Ahrental weitergehen soll, ist unklar. Denn obwohl diese Entwicklungen bereits seit Mitte der 1990er-Jahre bekannt sind, gibt es für Tirol immer noch keine umfassende Mülllösung.


 


Auf der Deponie herrscht rege Betriebsamkeit. Zwei schwere Baumaschinen kämpfen sich mit heulenden Motoren durch den Abfall. Eine der beiden, mit mannshohen Rädern und einem überdimensionalen Schild ausgestattet, versucht Ordnung zu schaffen. „Denn es gilt“, so Martin Unterholzner, „den Abfall bestmöglich zu verteilen und zu verdichten, um das Volumen der Deponie optimal auszunützen.“ Plastiksäcke, ausrangierte Möbel, eine Decke dort, Rohre da. Dazwischen ein einzelner Schuh und zerfledderte Zeitschriften. Über der Lagerstätte kreisen unermüdlich Vögel. Sie scheinen in diesem Morast aus Weggeworfenem, auf ihre Kosten zu kommen. Schon nähert sich ein weiterer Müllwagen, um sich seiner Fracht zu entledigen. Mit lautem Tosen wird alles Erdenkliche ausgekippt. Eine Staubwolke erhebt sich vom Boden. Rasch nahen die monströsen Baumaschinen, um sich der neuen Fuhre anzunehmen. Denn dem Slogan „Gut entsorgt Tag für Tag“, der auf dem Müllwagen prangt, will schließlich Rechnung getragen werden.


Am Rand der Deponie sind einige Arbeiter in Leuchtwesten zu erkennen, die versuchen, den Abfall einzusammeln, den der Wind in die umliegenden Gebiete verteilt hat. Die Männer sind Teil eines Beschäftigungsprojekts des Psychosozialen Pflegediensts (PSP) aus Hall. Sie kommen regelmäßig hierher, um die Umgebung zu säubern. Eine Sisyphusarbeit wie Fuzzi, einer aus der Gruppe, weiß. „Wir haben alles ordentlich gehabt, aber der Föhn hat wieder alles verweht.“ Fuzzi kommt dennoch gerne an diesen ungewöhnlichen Arbeitsplatz, denn das sei „immer noch besser, als den ganzen Tag nur vor dem Fernseher zu sitzen“. „So komme ich wenigstens aus dem Haus“, fügt er lachend an, während er eine Videokassette vom Boden aufhebt. Ein prüfender Blick und er lässt sie in seiner Jackentasche verschwinden. Denn Fuzzi ist überzeugt, dass man in all dem Abfall auch immer wieder brauchbare Sachen finden kann.


 


Während die Maschinen sich weiterhin mit lautem Röhren durch die Lagerstätte wühlen, sind weiter oben begrünte Hügel zu erkennen. Nur einige herausragende Rohrbrunnen, mit deren Hilfe Gas aus den Abfällen gewonnen wird, erinnern an die Altlasten, die hier einst eingelagert wurden. „Immerhin rund 1,8 Millionen m3“, wie Martin Unterholzner weiß. „Unter der Rasenfläche befinden sich an dieser Stelle circa 50 bis 80 Meter Abfall“, fügt er an. Aufgrund dieser Altlasten hat es früher Sorgen um das Grundwasser gegeben, doch inzwischen – betont Unterholzner – sei alles bestens gesichert. Das Sickerwasser werde gesammelt und dem Klärwerk zugeführt. Seit der Gründung der Deponie im Jahr 1976 hat sich in der technischen Entwicklung nämlich viel getan. Aber mit der Einlagerung alleine sei es ohnehin nicht geschafft, denn „da sind 35 bis 50 Jahre Nachsorge nötig“. Auch verfüge man über einen technisch hohen Standard, schließlich ist „eine Deponie nicht einfach nur ein Loch“. So werden beispielsweise die Gase, die dem Müll entweichen, gereinigt, und anschließend genützt, um Strom zu produzieren – für immerhin 2.000 Haushalte.


 


Inzwischen ist es Mittag und für die Männer des PSP-Teams geht der Arbeitstag dem Ende zu. „Morgen sind wir wahrscheinlich in Absam“, meint Fuzzi. „Den Kinderspielplatz mähen, Hundstrümmerl entfernen und Müllkübel entleeren“, es gäbe überall genug zu tun für sie. Georg Haider, der Leiter des Teams, zeigt sich mit der Arbeitsmoral seiner Truppe zufrieden. Unlängst hätten sie eine Mischanlage ausräumen müssen. Das wäre schon hart gewesen, aber „sie sind immer begeistert am Werk“. Auch Fuzzi ist mit Elan bei der Sache. „Am Samstag waren wir nur zu zweit, aber wir haben es trotzdem gepackt“, erklärt er sichtlich stolz. Der gebürtige Steirer ist bereits seit zwei Jahren in das Beschäftigungsprojekt integriert. Ein Freund habe ihn damals mitgenommen und dann sei er dabei geblieben. Doch jetzt soll es nachhause gehen, denn die Arbeit ist schließlich anstrengend. „Wo sind denn Martin und Hans Jürgen? Ah, noch drüben in der Rinne.“


Insekten schwirren umher, während der Wind einen zerrissenen Plastiksack vor sich herjagt. Ein modriger Geruch liegt in der Luft. Doch Martin Unterholzner versichert, das sei zwar ein Dauerthema, doch bestehe kaum Geruchsbelästigung für die Anrainer der Deponie. Nur manchmal, bei ungünstigen Bedingungen, wie etwa Inversionswetterlagen, gebe es Beschwerden. Doch andernorts sei es schlimmer. Hier habe sich die Lage im Laufe der Jahre verbessert. 1976, bei der Gründung der Deponie, sei der Müll nicht einmal abgedeckt worden. Inzwischen liegt nur mehr der kleine Bereich frei, an dem gerade gearbeitet wird, während der Rest gut abgeschirmt ist. Auch Herbert, der bereits seit zehn Jahren hier arbeitet und eine der Baumaschinen manövriert, erinnert sich an alte Zeiten. „Da ist schon ein bisschen ein Müll dazugekommen“, meint er schmunzelnd. „Früher sind wir noch dort hinten hingefahren“, ergänzt er und zeigt ins Tal hinauf. Seine Stimme droht dabei im Lärm einer vorbeifahrenden Maschine unterzugehen.


 


Nach einigen Minuten ist der Müllwagen zur Gänze entleert und setzt sich wieder in Bewegung. Doch schon naht der nächste Lieferant. Schließlich gilt es, den Müll von rund 400.000 Einwohnern zu entsorgen. Dass dabei auch das eine oder andere Stück in die Deponie gelangt, das dort eigentlich nichts zu suchen hat, kann Martin Unterholzner nicht ausschließen. Speziell bei Hausmüll sei die Kontrolle schwierig. Große „Gegenstände wie Kühlschränke und Bildschirme findet man natürlich“, aber bei einer Batterie in einem Müllsack sei man nahezu machtlos. „Die technische Ausstattung ist allerdings gut genug, dass so etwas kein Problem darstellt.“ Müllvermeidung scheint in unserer Konsumgesellschaft dennoch begrenzt. Martin Unterholzner glaubt, in Zukunft werde es allerdings zu einer noch besseren und zwar „vollkommenen Verwertung des Mülls“ kommen. Wenn man aber betrachtet, wie jährlich Tonnen über Tonnen unseres Abfalls im nahen Ahrental unweit der Brennerautobahn eingelagert werden, so wäre eine Einsparung dennoch wünschenswert.


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