Bilder von ausgemergelten Flüchtlingen in kaum seetüchtigen und völlig überfüllten Kuttern, die hilflos auf dem offenen Meer treiben, erschütterten Ende der 1970er-Jahre die Weltöffentlichkeit. Mehr als eine halbe Million VietnamesInnen flohen damals über das Südchinesische Meer vor den kommunistischen Viet Cong. Die Welt sah nicht nur zu, sie reagierte und sandte Hilfe. Es sind dieselben Bilder, die uns heute aus dem Mittelmeer erreichen, wo Jahr für Jahr tausende afrikanische Flüchtlinge in eben solchen Booten ihr Leben riskieren, um nach Europa zu gelangen. Doch anders als damals sorgt das Schicksal der Boatpeople heute kaum mehr für Aufregung. Anstatt breit angelegte Hilfsaktionen zu planen, berät das vereinte Europa über die wirksamsten Maßnahmen gegen das „Problem“. Ein Name steht beispielhaft für die veränderte öffentliche Wahrnehmung der ersten Boatpeople: Cap Anamur. STEFFEN ARORA
Ein Rückblick in das Jahr 1975: Der Vietnamkrieg, der mehr als zwei Millionen zivile Todesopfer forderte, ist zu Ende und die Kommunisten übernehmen das Land. Bereits kurz nach Kriegsende setzt ein wahrer Exodus ein, der anfangs noch als regionales Phänomen wahrgenommen wird. Die Zielländer des Flüchtlingsstroms, allen voran Thailand, sind mit dem Ansturm überfordert, da die wenigen Auffanglager bereits mit Menschen aus Laos oder Kambodscha überfüllt sind. Immer mehr VietnamesInnen entscheiden sich in der Folge für die riskante Flucht über den Seeweg um andere Zielländer, wie etwa Singapur, Malaysia oder die Philippinen anzusteuern. Die Flucht über das Südchinesische Meer war lebensgefährlich, weil neben den elementaren Gefahren, wie Stürmen und Hitze, auch Patrouillenboote der vietnamesischen Armee und vor allem Piraten lauerten. Wie viele Boote damals genau sanken oder versenkt wurden, weiß niemand. Man geht von rund einem Viertel aus.
Zu dieser Zeit liefen in Deutschland die Vorbereitungen für eine einzigartige Hilfsaktion an. Unter dem Namen „Ein Schiff für Vietnam“ startete der Journalist Rupert Neudeck zusammen mit einer handvoll UnterstützerInnen einen Spendenaufruf. Inspiriert wurde die Aktion von einer französischen Gruppe, zu deren Unterstützern auch Jean Paul Sartre gehörte und die bereits mit einem gecharterten Schiff Boatpeople in Südostasien aus dem Meer gefischt hatte. Als Medienprofi wusste Neudeck, dass ein wirksamer Spendenaufruf nur mit Hilfe der Massenmedien möglich war. „Das Thema war damals im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch gar nicht präsent, wir mussten die Gesellschaft erst aufrütteln“, erzählt Neudeck im 20er-Interview. Er selbst sei von der Wucht dessen, was sich im Südchinesischen Meer abspielte, schlichtweg überwältigt gewesen. „Ich wäre als Kind selbst fast ertrunken, was unterbewusst vielleicht auch eine Rolle für mich spielte“, merkt Neudeck an. Er schaffte es, mit Heinrich Böll das „Gewissen der Nation“ für sein Vorhaben zu gewinnen: „Was ein Schriftsteller damals noch bewirken konnte, ist heute unvorstellbar.“ Schließlich kamen in kürzester Zeit allein durch Spenden weit über eine Million D-Mark zusammen. Man entschied sich, selbst ein Schiff zu chartern. Es hieß Cap Anamur. Das erklärte Ziel sei es gewesen, so viele Menschen wie möglich im Südchinesischen Meer zu retten und dafür zu sorgen, dass diese in Deutschland aufgenommen werden. Sie nicht nur zu retten, sondern auch für ihre zukünftige Sicherheit zu sorgen, war Neudeck besonders wichtig. „Unser Vorgehen war einerseits objektive List und andererseits subjektives Wollen“, erzählt er. Im Juni 1979 hatte die deutsche Regierung nämlich anlässlich der UN Flüchtlingskonferenz in Genf vollmundig erklärt, dass jeder Kapitän eines Schiffes deutscher Flagge unter Strafe verpflichtet sei, Flüchtlinge im Südchinesischen Meer zu retten. Die Bundesrepublik werde alle Geretteten in der Folge aufnehmen. „Die ahnten ja nicht, was wir vorhaben“, schmunzelt Neudeck. Mit einem Garantiebrief des deutschen Außenministeriums ausgestattet, stach die Cap Anamur in See: „Das Aufsehen, das wir erregten, war gewaltig. Die dichte und positive Berichterstattung war unvorstellbar. Ein Schiff, das Menschen aus dem Wasser zieht, war eben eine gute Meldung. Wir waren fast täglich ein Topthema in der Tagesschau.“ Von 1979 bis 1982 dauerte die erste Mission der Cap Anamur im Zuge derer insgesamt 9.507 Menschen gerettet und in Deutschland aufgenommen wurden. Beendet wurde die Mission nur dadurch, dass sich das Außenministerium weigerte einen neuen Garantiebrief auszustellen. Dieser erlaubte es bislang die an Bord geholten Menschen zwischenzeitlich in Auffangzentren in Südostasien unterzubringen, bevor sie nach Deutschland gebracht wurden. So konnte die Cap Anamur sofort wieder in See stechen und weiter nach Booten suchen. Niemand aus der deutschen Politik hätte sich damals getraut öffentlich gegen die Cap Anamur Stellung zu beziehen, so populär war die Hilfsaktion. Stattdessen wurde der Garantiebrief geändert: „Sie verlangten nun, dass wir die an Bord geholten Flüchtlinge direkt nach Deutschland bringen, was eine wochenlange Reise bedeutet hätte. Es war das Ende der ersten Mission.“
Am 20. Juni 2004 sorgte die Cap Anamur jedoch erneut für Aufsehen. Sie barg auf einer Testfahrt nach Motorreparaturen 37 afrikanische Bootsflüchtlinge aus einem Schlauchboot im Mittelmeer, das Schwierigkeiten hatte. Heute riskieren jährlich zehntausende Menschen ihr Leben auf der Schiffspassage nach Europa. Man schätze die „Versinkrate“, wie es im Amtsdeutsch heißt, auf 50 Prozent, erzählt der damalige Vorsitzende des Komitee Cap Anamur, Elias Bierdel, dem 20er. „Das überfüllte Boot hatte bereits Luft verloren, der Motor war defekt und die Passagiere trieben ohne Trinkwasser in circa 180 Kilometer Entfernung von Lampedusa“, schildert er die Szene. Für eine Organisation mit der Geschichte der Cap Anamur sei es selbstverständlich, Menschenleben zu retten, hält Bierdel fest. Sie holten die Flüchtlinge an Bord und nahmen Kurs auf Italien.
Die italienischen Behörden verweigerten dem Schiff fast drei Wochen lang im Hafen anzulegen und wollten die 37 Afrikaner nicht aufnehmen. Die deutschen Behörden ließen ebenfalls wissen, dass ein Asylgesuch von den Flüchtlingen an Bord des deutschen Schiffes nicht akzeptiert werde. Schließlich befinde sich dieses nicht in deutschen Gewässern. Man wollte einen Präzedenzfall, der es privaten Schiffen erlaubt Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu fischen und nach Europa zu bringen, verhindern. Denn gemäß der aktuellen Gesetzeslage riskiert, wer gezielt in Seenot geratene Bootsflüchtlinge aufnimmt, eine Anklage wegen Schlepperei und die Beschlagnahmung seines Schiffes. Dies sei mit ein Grund dafür, warum Handelsschiffe und auch Fischkutter im Mittelmeer inzwischen einen großen Bogen um die Flüchtlingsboote machen, so Bierdel.
Erst am 12. Juli 2004 wurde der vor Sizilien liegenden Cap Anamur schließlich die Einlaufgenehmigung erteilt. Der Kapitän, der Erste Offizier und Bierdel selbst wurden wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ festgenommen. Die 37 Flüchtlinge wurden auf Lager verteilt und binnen weniger Tage abgeschoben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Fall bereits für großes mediales Aufsehen gesorgt, denn auch Bierdel wusste um die Macht der Bilder. Er ließ JournalistInnen an Bord des festgesetzten Schiffes, um so über die Öffentlichkeit Druck zu erzeugen. Statt Solidarität erntete er jedoch harsche Kritik: „Die Kriminalisierung und Verleumdung unserer Aktion als Medieninszenierung und Menschenschmuggel hat uns völlig unvorbereitet getroffen.“ Bierdel wurde in der Folge sogar als Vorsitzender von Cap Anamur abgewählt, wofür er Verständnis zeigt, da die Negativ-Schlagzeilen drohten, den auf Spenden angewiesenen Verein zu ruinieren. Das Schiff blieb monatelang beschlagnahmt.
Die ersten Missionen der Cap Anamur gingen mit 11.433 geretteten Flüchtlingen als beispiellose Hilfsaktion in die Geschichte ein. Neudeck wurde für sein damaliges Engagement mehrfach ausgezeichnet. Bierdel, Kapitän Schmidt und der Erste Offizier Daschkewitsch retteten 25 Jahre später 37 afrikanische Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Sie werden sich dafür Ende November 2006 wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall, bandenmäßig betrieben“ vor einem italienischen Gericht verantworten müssen – bei einer Verurteilung drohen ihnen bis zu zwölf Jahre Haft.