Langsam füllt sich der Saal in der Pfarre St. Pirmin. Die eintreffenden Senioren begrüßen sich herzlich und die Stimmung ist sichtlich gut. Hier werden Hände geschüttelt, dort gibt es eine Umarmung. Andere sind bereits in ein Gespräch vertieft, dazwischen ein lautes Lachen. „Mei grias euch“, schallt es wieder von der Tür, während die ausgebildete Tanzleiterin Barbara Stoffaneller bereits an der Stereoanlage hantiert. Die meisten TeilnehmerInnen haben es sich inzwischen auf den am Rand der Tanzfläche aufgestellten Stühlen bequem gemacht. Doch zum Sitzen sollen sie nur kurz Gelegenheit haben. JOHANNES WETZINGER
Mittlerweile ist es 15.30 Uhr und die Gruppe ist auf rund zwanzig SeniorInnen angewachsen. Normalerweise seien es etwas mehr, berichtet eine rüstige Dame während sie ihr Kopftuch zusammenlegt, „Der Föhn hat heute wohl ein paar abgehalten. Ist auch kein Wunder bei dem Sturm.“ Doch die Tanzleiterin lässt sich nicht aufhalten und fordert alle auf in die Mitte zu kommen und einen Kreis zu bilden. Die Gespräche verstummen plötzlich. Es folgt der erste Tanz. Zunächst zeigt sie einige Schritte vor: „Seit – Rück – Seit – Schwung, wiederholen.“ Die SeniorInnen beobachten sie konzentriert und versuchen sich die Abfolge einzuprägen. Es folgt eine Wiederholung mit Musik und als Frau Stoffaneller alle zum Mitmachen auffordert, zeigt sich rasch, dass die Anwesenden bereits routinierte TänzerInnen sind.
So auch die 82-jährige Helga. Sie besucht bereits seit ihrem Pensionsantritt vor zwanzig Jahren Tanzkurse für Senioren. Ihr sei die Bewegung zur Musik wichtig: „Außerdem ist es ein gutes Training für den Kopf.“ Der erste Tanz sei ja noch recht leicht gewesen, doch wenn die Schrittfolgen komplizierter werden, „ist es nicht immer einfach sich das zu merken“. Aber da gebe es auch Unterschiede, berichtet sie weiter. „Manche merken sich alles. Für einige ist es schwieriger, aber die können sich dann an den anderen orientieren.“ Inzwischen hat bereits der nächste Tanz begonnen. „Pendelschritt – zueinander – auseinander – Platzwechsel“, erläutert die Tanzleiterin, während sie zusammen mit einer Teilnehmerin die richtigen Bewegungen vorzeigt. Nachdem sich nun alle paarweise aufgestellt haben, folgt die Musik. „Sie tanzt, sie tanzt, die ganze lange Nacht“, tönt es aus der Anlage, während die älteren Herrschaften gekonnt über das Parkett gleiten. Auch für Helga scheint dieser Tanz kein Problem darzustellen.
Seniorentanz ist hierzulande kein neues Phänomen. Bereits Ende der 1970er-Jahre erreichte „die Welle der Begeisterung für den Seniorentanz – von Deutschland ausgehend – Österreich“. Im Laufe der Jahre wurde eine „breite Basis“ für die TanzleiterInnenausbildung geschaffen. So verfügt der Verein Seniorentanz Österreich inzwischen über rund 500 ausgebildete TanzleiterInnen in ganz Österreich. Hinzu kommen in etwa 25.000 ältere Menschen, die dem Tanzen in Seniorengruppen nachgehen. Auch in Tirol kann der Seniorentanz auf eine beachtliche Entwicklung zurückblicken. So wurde im Jahr 2004 bereits das 25-jährige Jubiläum gefeiert und zahlreiche aktive Tanzgruppen zeugen von der Nachfrage nach einem derartigen Angebot. Dennoch, so die Tanzleiterin Barbara Stoffaneller, seien viele Menschen skeptisch und würden Seniorentanz nicht ernst nehmen. Es handle sich dabei aber keineswegs um eine „Bagatelle“, wie manche vielleicht meinen möchten.
Denn hier wird in der Tat einiges geleistet. Es folgt ein Tanz mazedonischen Ursprungs und Barbara Stoffaneller gibt dabei ein hohes Tempo vor. „Schritt – Schritt – Wechselschritt. Halbe Drehung nach links. Und jetzt mit Musik, das geht immer besser.“ Inzwischen sind die TeilnehmerInnen voll in ihrem Element. Während sich vor dem Fenster die Bäume im Föhn biegen, ist der Saal vom rhythmischen Klopfen der Schuhe auf dem Parkett erfüllt. Auch Helga ist sichtlich versunken in der Musik. Mit fast geschlossenen Augen und einem Lächeln im Gesicht bewegt sie sich durch den Saal. Angesichts des hohen Tempos folgt nach dieser Anstrengung nun eine kurze Pause. „Das geht schon flott bei uns“, meint eine der Seniorinnen, bereits etwas außer Atem. „Wer Durst hat kann in die Küche gehen zum Wasser trinken“, verkündet die Tanzleiterin daraufhin. Das lassen sich die TeilnehmerInnen natürlich nicht zweimal sagen.
Barbara Stoffaneller leitet bereits seit 12 Jahren die Seniorentanzgruppe in der Pfarre St. Pirmin. Neben dieser Gruppe, die sich alle zwei Wochen trifft, betreut sie auch noch eine weitere im Jugendheim Pradl. Und diese Tätigkeit macht ihr sichtlich Freude: „Ich mache das gerne. Außerdem gibt das Tanzen den Leuten viel.“ So erfüllt es auch einen therapeutischen Aspekt: „Manche kommen mit einem Leiden wie zum Beispiel Rheuma und wenn sie tanzen, dann spüren sie das nicht mehr.“ Und auch für das seelische Wohlbefinden wird gesorgt. Eine frühere Kursteilnehmerin habe immer zu sagen gepflegt: „Wenn ich komme, lasse ich meine Sorgen vor der Tür und wenn ich wieder gehe, sind sie weg.“ Außerdem geht es hier nicht nur um das Tanzen. Auch die soziale Komponente spielt eine wichtige Rolle: „Viele der Senioren finden hier Anschluss und ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl. Manche fahren sogar gemeinsam auf Kur.“
Betrachtet man die Tanzgruppe in der Pfarre St. Pirmin fällt einem rasch eine Besonderheit auf. Unter den rund zwanzig anwesenden TeilnehmerInnen befindet sich nur ein einziger Mann. Normalerweise seien es zwei, aber einer fehle heute, berichtet eine Seniorin und stellt fest: „Das täte den Männern auch sehr gut.“ Erich, diesmal „der Hahn im Korb“, besucht schon seit zehn Jahren Tanzkurse für Senioren. Er fühlt sich sichtlich wohl hier. „Die Leute sind alle recht angenehm“. Er schätze die Damen und komme zu jedem Termin, doch das nächste Mal sei er leider verhindert. Für ihn sei das Tanzen nicht so schwierig. Gleichzeit betont auch er, dass es „besonders wichtig ist, sich die Schrittfolgen zu merken“. „Aber es spielt auch keine so große Rolle wenn man einmal einen falschen Schritt macht. Das gehört einfach dazu.“ Was zählt, sei sich Mühe zu geben.
Frau Stoffaneller kündigt bereits den nächsten Tanz an. „Walzerschritt – vor – zurück – und jetzt kommt ein Platzwechsel“, beginnt sie vorzuzeigen. „Was Leichteres hast du nicht gefunden“, scherzt Helga. Die anderen beginnen zu lachen. „Du, der ist aber schön! Das müsste jetzt schon mit Musik gehen“, erwidert die Tanzleiterin. Sie zeigt die Schritte noch einmal vor. Die TeilnehmerInnen nehmen die Herausforderung gelassen. Nur der Platzwechsel klappt noch nicht auf Anhieb. Die Tanzleiterin macht sich daran rote Schleifen zu verteilen, um klar auseinander halten zu können, wer nun beim Tanz die Männer- und wer die Frauenrolle übernimmt. „Erich, du brauchst keine“, meint sie lachend. „Also gleich noch mal von vorne“, ruft Barbara Stoffaneller und die Musik beginnt von neuem. Diesmal gelingt es fehlerfrei. Sie ist sichtlich zufrieden.
Der anschließende Tango sollte der letzte Tanz für diesen Nachmittag werden. „Hier müsst ihr aufpassen. Da kommt zwei Mal ein Zwischenspiel, aber ich sage euch wann“, beginnt sie zu erläutern. „Hoffentlich“, kontert eine der Seniorinnen lachend. Dieser Tanz klappt gleich beim ersten Versuch problemlos. Noch einmal ist das Klopfen der Schuhe zu den beschwingten Klängen aus der Stereoanlage zu hören. Durch die Dachfenster fallen noch einige Sonnenstrahlen auf das Parkett. Doch schon nach wenigen Minuten gilt es wieder Abschied zu nehmen. Barbara Stoffaneller verteilt rasch Zettel mit den kommenden Terminen an die Gruppe: „Wir sehen uns dann in 14 Tagen!“ Die TeilnehmerInnen applaudieren und verlassen gemächlich und sichtlich zufrieden den Saal. Hier und dort wird noch ein bisschen geplaudert. Die Zeit scheint wieder einmal wie im Flug vergangen zu sein.