Straße des Größenwahns - Eine Autobahn durchs Urlaubsparadies
Foto: Georgia Schultze
Es gibt noch einen Winkel in Europa ohne Autobahnen: Die kleine spanische Ferieninsel Ibiza. Das könnte schon bald nicht mehr so sein. Denn auch das Ferienparadies Ibiza
wird gedankenlos zubetoniert. Auf der Party-Insel sollen Autobahnen gebaut werden. Das Projekt ist umstritten. Bedroht oder rettet
der Baurausch die Entwicklung der Insel? GEORGIA SCHULTZE
Früher gediehen in den Gärten vor der Finca Can Malalt Tomaten, Auberginen und Salat. In Sant Jordi an der Südküste der spanischen Baleareninsel Ibiza führte Antoni Planells 32 Jahre lang seine Gärtnerei. Ein Betrieb, der zwei Familien am Leben erhielt. Aber die friedlichen Tage sind vorbei.
Es ist der 2. Februar, im Morgengrauen, als Maschinen und Polizisten anmarschieren. Die Polizisten zeigen einen Enteignungsbescheid, kreisen die Gärtnerei mitsamt dem Haus im typisch ibizenkischen Baustil ein: Ein bunt durcheinander gewürfelter Haufen von Menschen aller Schichten und aller möglichen politischen Anschauungen stellt sich vor die Maschinen und klammert sich an Orangen- und Olivenbäume, die vernichtet werden sollen. Die Englischlehrerin Angela Square ist eine von ihnen: „Es bringt mich zum Weinen, weil ich diese Insel liebe!“ Ihr laufen die Tränen über die Wangen: „Es ist eine brutale Attacke auf die Umwelt. Ich muss zusehen, wie diese alten Bäume zerstört werden. Sie machen mit ihren Bulldozern alles nieder was ihnen in den Weg kommt!“ Die Lastwagen würden den ganzen Asphalt und Beton und alles in die Gegend und auf die Felder schmeißen, erzählt die blonde Frau: „Sie zerstören auch die kleinen Straßen auf dem Land und alte Olivenbäume werden ausgerissen, weggetragen und wo anders eingepflanzt, im Garten von irgendjemandem.“ Damit würde viel Geld gemacht, vermutet Square. „Auch frage ich mich, wo sind die ganzen alten Steine von diesen schönen Trockensteinmauern? Die verschwinden auch einfach!“ fügt die zierliche Lehrerin deprimiert an, „Wo kommt das alles hin? Das wird nicht weggeschmissen, das kann ich Ihnen versichern. Irgend jemand macht damit ein nettes kleines Geschäft!“
Ana Digón ist Aktivistin der Umweltschutzgruppe „Greenheart“. Sie hat den Protest einberufen. „Wir machen nichts anders als uns vor die Maschinen zu stellen und nach den Papieren zu fragen, die das rechtfertigen,“ erzählt sie, „Wir sagen ihnen: Sie zeigen uns das Papier, auf dem steht, dass Sie das Recht haben, hier zu sein, und wir gehen. Sie haben es noch nie getan.“ Die Demonstranten stehen vor einer Polizisten-Mauer des Schweigens. „Sie schauen dich mit Ekel an. Als wärst du so eine Art Verrückte mit Aktivistenwahn, die gegen alles ist“. Das Gefühl von Abscheu und Ohnmacht schmerzt die junge Frau. Trotzdem versucht die Umweltschützerin den Polizisten immer wieder zu erklären: „Wenn das korrekt wäre, legal, wären Sie nicht hier und wir auch nicht!“ Zwischen Demonstranten und Polizei kommt es zu Handgreiflichkeiten. „Ich habe erwachsene Männer weinen gesehen und Leute, die geschlagen wurden“, erzählt sie frustriert, „Sie wurden geschlagen und verhaftet, dafür, dass sie verteidigen, woran sie glauben.“ Manchmal habe sie sich fast vergewaltigt gefühlt, gibt sie zu und ergänzt: „Der öffentliche Sicherheitsapparat und die Richter helfen ihnen dabei und die Politiker sind dafür verantwortlich.“ Im Schutz der Dunkelheit fahren die Bulldozer über Wände und Hecken, walzen die Stecklinge in den Boden. „Sie haben alles zerstört und mir nicht einmal erlaubt, dass ich die Bewässerungsanlage und die Pflanzen weg bringe“, erinnert sich der 62-jährige Planells, „das war eine brutale Attacke, wie es sie noch nie gegeben hat!“ Nach wenigen Stunden war der Garten dem Erdboden gleichgemacht. Ein Bauzaun steht jetzt auf dem verbliebenen Rest seines Grundstückes. Würde man durch die Vordertür gehen, man fiele sofort in eine neun Meter tiefe Grube. Unten fahren Bulldozer und Bagger. Die Häuser der beiden Familien sind plötzlich getrennt: „Zwischen den zwei Häusern der beiden Gärtner, die einander in 15 Meter Abstand gegenüberstehen, konnte man leicht zu Fuß hin und hergehen“, erzählt Ana Digón, „jetzt müssen sie viereinhalb Kilometer von einem Haus zum anderen gehen.“
Eine Entschädigung hat man Antoni Planells nicht angeboten. „Niemand von der Balearenregierung war hier, um diese Enteignung zu erklären und einen finanziellen Ausgleich dafür zu arrangieren“, berichtet der Landbesitzer, „Alles was von Seiten der Administration der Balearenregierung gemacht wurde, war Dokumente zu fälschen.“ Planells Verhängnis ist, dass sich seine Finca an einer strategischen Stelle im Urlaubsparadies Ibiza befindet. Die Planierraupen und Bauarbeiter rückten an, weil exakt durch sein Grundstück die Trassenführung der geplanten doppelspurigen Autobahnen auf der Insel läuft. „Auf der einen Seite wird eine Autobahn vorbei führen, mit allem was dazugehört. Und über den hinteren Teil meines Grundstücks wird die Auffahrt gebaut“, befürchtet Planells, dass sein Grundstück und sein Haus zwischen zwei Straßen gequetscht werde. Das schwere Gerät ist jedoch vorläufig vor dem, was von der Gärtnerei übrig blieb, gestoppt: Richter haben nun vorläufig den Bau gebremst: Eventuell haben die Planer Fehler bei Grundstücksenteignungen gemacht. Das Autobahnprojekt ist seit langem heftig umstritten und entzweit die berühmte und romantische Insel. Niemand mag und niemand benötigt die Autobahn – abgesehen vom Inselpaten und seiner Tochter. Die Inselbevölkerung befürchtet die Verunstaltung Ibizas. Ibiza soll nicht durch Asphaltbänder gespalten werden, sagen die Gegner des Baus. Jeder fünfte der Inselbewohner protestiert aktiv gegen den Bau. Im Kampf gegen den Asphalt probt die Insel-Bevölkerung von Ibiza den Aufstand: 25 Kilometer Autobahn – auf einer 570 Quadratkilometer großen Insel, deren weiteste Entfernung nicht mehr als 35 Kilometer beträgt? Wütende Demonstranten bei Massenprotesten gegen den Autobahnbau sprechen von „Größenwahn in Beton“. Sie versuchen die Infrastrukturpläne der konservativen Inselregierung zu verhindern. Protestierende Bewohner stoßen aber meist auf eine Mauer des Schweigens. Auch Journalisten. Die neue Inselrätin für Straßen und öffentliche Bauten, Stella Matutes, war für eine Stellungnahme trotz mehrmaliger Versuche nicht zu erreichen. Einzige E-Mail Reaktion des Inselrats: eine Unfallstatistik. In den vergangenen fünf Jahren habe es auf der Insel und der kleineren Nachbarinsel Formentera fast 70 Verkehrstote gegeben, teilt Goretti Costa vom Consell Insular mit. Auch spanische und ausländische Prominente kämpfen mittlerweile gegen den Bau der Autobahn mit. Sie ängstigen sich ebenfalls um ihre Partyinsel. Denn die Baleareninsel befindet sich allgemein im Bauboom: Der Autobahn-Bau soll Tourismus und Wirtschaft weiter voranbringen, argumentiert die Balearen-Regierung. Die Konservativen auf der Insel sind der Meinung, dass Ibizas Tourismus nur mit Baulanderweiterung überleben kann. Die Autobahn auf der Balearen-Insel soll, sagen die Kritiker, den Weg für weitere Bauten öffnen: Das Ferienparadies soll zusätzlich mit neuen Marinas, Luxuskomplexen und drei neuen Golfplätzen für die Touristen beglückt werden. Neue Viadukte sollen folgen. Dazu sind auch Yachthäfen und 60 neue Urbanisationsanlagen geplant. Je mehr das geschieht, um so weniger Anziehungskraft werde die Insel auf Touristen ausüben, befürchten Umweltschutzgruppen. Denn das Trinkwasser werde bereits jetzt knapp und inzwischen sind auch viele Strände auf der kleinen Insel im Mittelmeer zu Abfalldeponien geworden.
Es gehe um „Leben und Tod“ der Sonneninsel begründen beide Seiten. Greenpeace warnte kürzlich in der Lokalzeitung „Diario de Ibiza“, die Bauprojekte auf der Insel seien nicht mehr zu verantworten. Digón meint, dass das Eiland seine Attraktivität für die Touristen einbüßen und sich mit dem Vorhaben selbst das Wasser abgraben würde. Denn nicht eine zerstörte Umwelt, sondern ein zerstörtes Image ist das Schlimmste, was einem Urlaubsparadies passieren kann. Und dann ist guter Inselrat wirklich teuer.