Hör mal, wer da piept - Innsbrucks vielfältige Vogelwelt
Foto: Gerhard Berger
Innsbruck im Morgengrauen. Der sternenklare Himmel verheißt einen sonnigen Tag. Es ist frisch um diese Zeit. Weniger frisch erscheinen die letzten Nachtschwärmer, die da und dort mit verklärtem Blick durch die Straßen wanken. Die Stadt schläft zwar, aber sie ruht keineswegs. Denn zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang übernimmt für kurze Zeit die Natur den Taktstock. Bevor mit dem Frühverkehr der urbane Alltagslärm wieder einsetzt, spielt ein farbenfrohes, aber vor allem stimmgewaltiges Ensemble auf. Es ist die Zeit der Singvögel, die zu dieser frühen Stunde eindeutig die Lufthoheit über Innsbruck innehaben. STEFFEN ARORA
Der Zoologe Jan Brabec ist immer wieder aufs Neue überrascht, wie vielfältig die städtische Vogelwelt eigentlich ist und erklärt dem „20er“ bei einem Morgenspaziergang, wer da zwitschert, piept und kreischt. Als idealer Ausgangspunkt für eine derartige Exkursion bietet sich der Hofgarten an. Schon auf dem Parkplatz am Osteingang des vormals imperialen Grüns erste, aus ornithologischer Sicht jedoch unbedeutende, Begegnungen – Schnapsdrosseln. Ein lallender, der Körperbeherrschung offensichtlich durch Alkoholeinwirkung verlustig gegangener Zeitgenosse schickt sich an, der Bundespolizeidirektion ein frühmorgendliches Ständchen darzubringen. Das Gegröle kann zwar außer den beistehenden – oder besser gesagt beiwankenden – Saufkumpanen niemand mehr verstehen. Seine heruntergelassenen Hosen lassen jedoch eindeutige inhaltliche Rückschlüsse zu, ebenso die schwerfälligen Gesten der mitjaulenden jungen Herren. Ein paar Schritte weiter ist der dämmernde Morgen wieder mit wohligerem Klang erfüllt. Beim Betreten des Parks meint man, die Vögel stünden miteinander im Wettbewerb. „Man könnte es schon fast Lärm nennen“, ist auch Brabec beeindruckt von der Geräuschkulisse. Das Singen der Vögel dient vor allem der Balz und dem Markieren des Territoriums, aber auch zur Warnung vor Feinden. Während sich die Gesänge der einzelnen Arten sehr voneinander unterscheiden, ist der Warnruf – kurze und markante Laute – bei fast allen Arten sehr ähnlich. Zudem gibt es zwei Kategorien von Warnrufen, je nachdem ob die Gefahr aus der Luft droht oder vom Boden ausgeht. Eine Amsel liefert so gleich ein Beispiel dafür und informiert mit einem lautstarken „tick-tick-tick“ die gefiederten Parkbewohner über die menschlichen Eindringlinge.
Amseln gehören mit den Sperlingen, vulgo Spatzen, und Buchfinken zu den häufigsten heimischen Singvogelarten. Ihr Gesang zeichnet sich durch die verhältnismäßig lange Strophe und den vollen Klang aus. „Am Schluss klingen sie immer ein bisschen so, als würde ihnen die Luft ausgehen“, erklärt Brabec. Tatsächlich klingt der letzte Ton bei der Amsel gepresst. Dadurch unterscheidet sich ihr Laut auch vom ebenfalls sehr vollen und melodiösen Gesang der Mönchsgrasmücke. Im Gegensatz dazu beschränkt sich der Spatz auf einen einfachen, pfeifenden Ton. Schließlich ist er dafür ja redensartlich bekannt. Tagsüber sind es meist diese beiden Singvögel, die trotz Verkehrslärm in der Stadt zu hören sind – der pfeifende Spatz und die singende Amsel.
Der dämmernde Morgen eröffnet aber Einblicke in die wahre Vielfalt der urbanen Vogelwelt. Unter den ausladenden Ästen eines mächtigen Baumes vor dem im Park gelegenen Nachtlokal verhandeln zwei Turteltauben, die alles entscheidende Frage: „Zu mir oder zu dir.“ Nach kurzem hin und her mit abschließendem Küsschen gehen beide getrennter Wege. „Na, da hat er wohl Pech gehabt“, attestiert Vogelkenner Brabec sichtlich amüsiert. Plötzlich übertönt ein Buchfink das Vogelstimmengewirr. Typisches Merkmal seines Gesanges: Er singt die Tonleiter hinunter und am Schluss überschlägt sich seine Stimme, was zu einem Ton führt, den Brabec lautmalerisch mit „würzgebier“ beschreibt. Gleich darauf ertönt ein Geräusch, das unweigerlich an den Klang eines Spielautomaten erinnert, wenn es heißt „Game Over“. Es ist ein naher Verwandter des Buchfinken, der Grünfink. Charakteristisch für den „Spielautomatengesang“ des Grünfinken ist der lange durchgezogene Ton, der auf der Tonleiter ebenfalls nach unten geht.
Die Gruppe der Singvögel umfasst jedoch nicht nur Pavarottis. Auch Krähen gehören mit ihrem monotonen „krah-krah-krah“, so wie übrigens alle Rabenvögel, zu den vermeintlichen Schöngeistern unter dem Federvieh. Zwar bestechen sie nicht unbedingt durch die Schönheit ihrer Stimme, dafür gelten Elstern, Kolkraben, Krähen und Dohlen als besonders intelligent. Anzutreffen sind sie – mit Ausnahme der Kolkraben, die quasi monogame Zweierbeziehungen in bewaldeten Gegenden pflegen – oft in Schwärmen. Zum Beispiel abends, wenn hunderte Dohlen mit lautem „kjack-kjack“ in den Hängen über Kranebitten einen Schlafplatz suchen. Oder aber in der Salurnerstraße, beim Landesgericht, wo sich vor allem im Juni Alpendohlen aus den umliegenden Bergen einfinden. Sie nisten zwar außerhalb, nutzen jedoch das reichhaltige Nahrungsangebot in den städtischen Obstgärten – oft sehr zum Ärger der Hobbygärtner wie Brabec weiß, denn: „Die können schon mal einen Kirschbaum leer plündern.“
Von den großen Schwarzen zurück zu den kleinen Braunen. „Little Brownies“ ist tatsächlich ornithologischer Fachjargon für jene große Gruppe von Singvögeln, die eben genauso aussehen: unauffällig, klein und braun. Dazu zählt etwa der Zilpzalp, der praktischerweise nach dem Klang seines Gesanges benannt wurde. Er ist häufig in Parks anzutreffen und kann bisweilen einen leichten Grünstich aufweisen. Gleich neben dem Zilpzalp sitzt ein etwas bunteres Exemplar, die Kohlmeise, leicht zu erkennen durch die auffällig gelbe Zeichnung. Ihr charakteristischer Gesang erinnert entfernt an ein Folgetonhorn: “tüti-tüti-tüti“. Ähnlich gelb und ähnlich schrill singt auf einer benachbarten Birke eine Gruppe von Girlitzen. „Für mich klingen die, als ob man einen Korken im Flaschenhals dreht“, beschreibt Brabec das konzertierte Gequietsche. Auf Wertungen wie „schönster Gesang“ oder „bester Sänger“ will sich der Zoologe jedoch gar nicht erst einlassen. Das sei in ornithologischen Kreisen verpönt, denn mit Singvögeln verhält es sich wie mit Musik – Geschmäcker sind verschieden. Trotzdem gibt es natürlich so etwas wie Highlights. Brabec erzählt von einem Kollegen, der behauptete, auf seinem Weg zur Arbeit einmal einen Sprosser am Landhaus singen gehört zu haben. Dieser nahe Verwandte der Nachtigall gilt in der Stadt als sehr seltener Besucher, dementsprechend groß war die Freude: „So was ist eine kleine Sensation für Ornithologen.“
Langsam wird es heller und die Sonne blinzelt schon fast hinter den Bergen hervor. Nun tauchen auch die ersten FrühaufsteherInnen im Park auf. Diese Earlybirds führen entweder einen Hund spazieren oder joggen – oder sie tun beides. Im Hofgarten verstummen nach und nach die melodischen Pfeifkonzerte, während sich aus der Ferne Motorenlärm einzuschleichen beginnt. Wie eine Gruppe von Pendlern fliegen laut schnatternde Enten ein, die sich auf das Tagesgeschäft mit fütternden Omis und Kindern vorbereiten. Eine ganz besondere Innsbrucker Vogelpopulation zeigte sich jedoch bislang überhaupt nicht – die legendären „Alpenpapageien“. Die leuchtend grünen Halsbandsittiche entflogen 1978 aus einer Saggener Villa, wie Bundesgärtenchef Herbert Bacher weiß. Für die ursprünglich aus dem Himalaya stammenden Exoten war das rauhe Klima kein Problem. Der Bestand wuchs zwischenzeitlich auf bis zu hundert Stück an, verschwand jedoch in den letzten Jahren auf vorerst unerklärliche Weise. „Wir befürchteten schon eine Seuche“, erzählt Bacher. Nach der Obduktion eines toten Tieres nimmt man nun aber an, dass die „Alpenpapageien“ nach einem Vierteljahrhundert Inzucht unfruchtbar geworden sind. Waren im Vorjahr noch zwei bis drei Sittiche im Park, so ist heuer noch kein einziger gesichtet worden. „Jetzt dürften‘s ausgestorben sein“, konstatiert Bacher. Dennoch kein Grund für Traurigkeit, es verbleiben genügend gefiederte Sänger, die Innsbruck allmorgendlich zu ihrer Bühne erklären.