Im Netz der Arbeitslosigkeit - Selbstorganisation als Weg aus der Ohnmacht
Foto: Herby Sachs/ Version
Wer kann besser sagen, was es heißt, arbeitslos zu sein als die Betroffenen selbst? Wer kann besser sagen, was hilft, was hilft nicht? Wer spürt besser, was es heißt „zu alt“ zu sein, „zu jung“ zu sein, „die falsche Qualifikation“ zu haben oder auch einfach nur „am falschen Ort zu wohnen“? Wer kann Arbeitslose besser vertreten, als sie sich selbst? Erwerbsloseninitiativen aus ganz Österreich haben sich im November 2004 zu diesem Zweck unter dem Namen ArbeitslosensprecherIn zusammengeschlossen und wollen sich nicht mehr vertreten lassen – Selbstorganisation als Schritt zur Emanzipation. Mittlerweile ist klar, dass mit egalitärer und eigenverantwortlicher Interessensvertretung auch eine ganze Reihe von Umdenkprozessen verbunden ist. Maria Hintersteiner
MARIA HINTERSTEINER
Arbeitslosigkeit kann, aber muss kein Problem sein. Dies hängt vom politischen und wirtschaftlichen Kontext ab. Einkommensarmut bzw. Einkommenslosigkeit sind jedoch in jedem Fall prekär und bedrohlich. Definiert werden sollte das Problem Arbeitslosigkeit von jenen Menschen, die davon betroffen sind. Denn sie sind es schließlich, die die Auswirkungen in ihrem ganzen Umfang zu spüren bekommen. Die Lösungskonzepte der Erwerbsarbeitslosen sollen untereinander ausverhandelt werden und sind in lebendiger Wechselbeziehung mit der sich ändernden Wirklichkeit zu sehen. Die Selbstorganisation erfüllt nun genau diese Aufgaben: sie bildet ein Netzwerk. Dadurch können die vielfältigen Lösungsansätze untereinander ausgetauscht und ergänzt werden. Das Resultat deckt sich im Idealfall mit den Vorstellungen möglichst vieler am Prozess Beteiligten.
Auch den einzelnen AktivistInnen österreichischer Arbeitsloseninitiativen war im Vorfeld der Gründung des Vereins klar: Vertretung kann nur als Selbstvertretung akzeptiert werden. Die Einbettung in eine Koordination aus gesellschaftlichen Kräften kam nicht in Frage. Sie fühlten sich nämlich von gerade den Institutionen missverstanden, die vorgeben die Interessen der Erwerbslosen zu vertreten. Sie waren der Meinung, diese hätten am Problem nur ein instrumentelles, allenfalls ein karitatives Interesse – ein traditionsreiches Gesellschaftsspiel: Diejenigen, die offiziell als VertreterInnen einer Sache gehandelt werden, entpuppen sich in ihrem wirklichen Part als die klarsten Gegner, wenn es um den Kern des Problems geht. Man wollte keinesfalls ein Bündnis mit denen eingehen, die man für die Arbeitslosenmisere mitverantwortlich machte. Das hätte der Farce, die das Arbeitslosenschicksal in einem der reichsten Länder der Welt für die Betroffenen darstellt, noch eine weitere hinzugefügt. Daher wollte man aus eigener Kraft starten, um unbehelligt von politisch-taktischen Erwägungen sofort die Kernprobleme des Arbeitslosendaseins anzugehen.
Die erste Herausforderung als selbstorganisierte Gruppe ist es, sich Gehör zu verschaffen. Das kann insofern schwierig sein, als man die bereits etablierten Institutionen übertönen muss. Dazu bedarf es zuerst eines funktionierenden internen Kommunikationsflusses. Dieser muss für alle Beteiligten die Möglichkeit garantieren sich selbst und ihre Interessen einbringen zu können. Denn auch wenn der Zusammenschluss – wie im Fall der ArbeitslosensprecherIn – als bundesweite Interessensvertretung agiert, bedeutet das keine Übernahme von Vollmachten. Das heißt, es soll keine Ablösung der Verantwortung und Entscheidungskompetenz der einzelnen involvierten Initiativen passieren. Denn die jeweiligen Strategien zum Umgang mit Institutionen passen sich dem Bedarf vor Ort und den Voraussetzungen der Akteure an. Politische Analysen entstehen aus täglicher Expertise im eigenen Erfahrungsraum und werden in der gemeinsamen Diskussion der Initiativen weiterentwickelt. Denn nicht vom Arbeitsmarkt und seinen Institutionen muss die Theoriebildung ihren Ausgang nehmen, sondern von den Erlebnissen und Bedürfnissen der davon Betroffenen. Die Deckung zwischen erlebter Wirklichkeit und Theorie ist genauso wichtig wie der lebendige Austausch zwischen den Einzelnen und der Organisation. Dies bedeutet möglichst große Offenheit der Mitglieder untereinander und die Gestaltung egalitärer Beziehungen zwischen denselben. Dabei kann es mitunter zu Unstimmigkeiten durch allzu scharfe Kritik kommen.
Ein anderer Konflikt kann da entstehen, wo gleiche Entscheidungsbeteiligung bei unterschiedlichem Engagement eingefordert wird – ein grundsätzliches Problem der Basisdemokratie. Auch in selbstorganisierten Gruppen gibt es jene, die sich mehr, und jene, die sich weniger einbringen. Daraus resultieren Informationsvorsprünge für die einen und Rückstände für die anderen. Diese müssen freilich gerechtfertigt und – wo dies möglich ist – minimiert werden. Aber zügige Arbeit und die Forderung, immer am Puls des politischen Geschehens zu bleiben, sind mit ständiger Abklärung in Plenas und kleinlichen Rechtfertigungsbedürfnissen nicht vereinbar. Je mehr Menschen in die Selbstvertretung eingebunden sind, desto weniger Mobilität lässt sie nach innen zu. Sie soll aber kein Apparat werden und das Moment der Bewegung kann durchaus bedeuten, dass nicht alle in eine Richtung gehen. Nicht nur nach außen hin soll Selbstvertretung gelten, sondern auch nach innen: Jedes Mitglied bildet seine eigene Realität ab, spricht für sich. Der Diskurs wird geführt, aber auch der Spagat zwischen dem, was wünschenswert und dem, was möglich ist, muss gemeistert werden.
Wie also sollte Kommunikation in selbstorganisierten Gruppen passieren? Im schriftlichen Fernverkehr kommt es immer zu Einbußen in der Verständigung. Es ist daher wichtig in regelmäßigen Abständen persönliche Treffen zum unmittelbaren Erfahrungs- und Meinungsaustausch abzuhalten. Das dient dazu, unterschiedliche Zielvorstellungen abzuklären. Zudem ist der persönliche Austausch nötig, um ein für alle tragbares Konzept der Vertretung nach außen hin zu erarbeiten. Es ist oft schwierig, aufgrund mangelnder Ressourcen Reisen zu solchen Treffen durchzuführen. Daraus ergibt sich wiederum das Problem, Initiativen, die erst im Entstehen begriffen sind, zu unterstützen und in die Vereinstätigkeiten einzugliedern. Das gilt gerade für verarmte Erwerbsarbeitslose. So werden oftmals scheinbare Kleinigkeiten, wie etwa ein nicht vorhandener Internetanschluss, zur schier unüberwindbaren Kommunikationshürde. Die Betroffenen in den Bundesländern haben dadurch keine Chance zu erfahren, dass es eine selbstorganisierte Plattform gibt, dass sie nicht allein sind, sondern sich gemeinsam mit anderen gegen ihr Schicksal wehren könnten. Direkter Zugang zu Information ist demnach Voraussetzung für erfolgreiches Netzwerken.
Der Verein ArbeitslosensprecherIn selbst will ein Instrument zur Mobilisierung der Arbeitslosenbewegung sein. Er will lebendig bleiben als Zusammenschluss seiner Mitglieder. Anhand der skizzierten Herausforderungen wird deutlich, dass Praxistauglichkeit und Effektivität selbstorganisierter Strukturen permanent auf dem Prüfstand stehen. Das heißt, dass sich alle Beteiligten innerhalb ähnlicher Selbstvertretungsmodelle immer wieder an die gemeinsamen Gründungsabsichten erinnern müssen. Tun sie dies nicht, laufen sie Gefahr das Schicksal vieler Bewegungen zu erleiden: vielfältig und demokratisch im Ursprung erstarren sie im Laufe der Zeit an vorgegebenen Sachzwänge. Daher ist der ständige Austausch von Erfahrungen wichtig. Die Selbstorganisation muss sich die Fähigkeit erhalten, auf die sich ändernden Bedürfnisse der Beteiligten zu reagieren. Diese selbstauferlegten Richtlinien sollen Garant für einen Weg sein, der Menschenwürde und Menschenrechte zum Ziel hat.
Factbox:
Die Mitglieder des Vereins „ArbeitslosensprecherIn“ verstehen sich selbst als ExpertInnen für Erwerbsarbeitslosigkeit – qualifiziert durch die eigene Betroffenheit.
Der Verein ist ein Zusammenschluss regionaler Erwerbsarbeitslosenselbstinitiativen und engagierter Einzelpersonen mit Erwerbsarbeitslosenerfahrung. ArbeitslosensprecherIn engagiert sich für alle Menschen, die von Erwerbsarbeitslosigkeit bedroht oder betroffen sind und ermutigt diese selbst aktiv zu werden. Ziel des Vereins ist es Armut und Ausgrenzung zu bekämpfen. Zudem wollen die ExpertInnen in die Gestaltung von Maßnahmen zur Bekämpfung der Erwerbsarbeitslosigkeit miteingebunden werden. Langfristig strebt man einen Sitz und eine Stimme in der Bundesgeschäftsstelle des Arbeitsmarktservice an.