Würstelstand und Imbissbuden - Im Schatten der Nacht zur Burenwurst
Foto: Gerhard Berger
Wenn sich die Nacht über die Innsbrucker Altstadt legt und die spärliche Beleuchtung geheimnisvolle Schatten auf die alten verwinkelten Häuserfassaden wirft, scheint es, als würden auch Helblinghaus und Goldenes Dachl die Ruhe nach dem Touristenansturm des Tages genießen. Wenn nicht gerade Wochenende ist …
NIKOLAUS PAUMGARTTEN
Denn an Freitagen und Samstagen verwandelt sich die nachts sonst friedlich schlafende Altstadt in einen aufgeweckten Ameisenhaufen. Menschentrauben vor den Lokalen, Gruppen junger Leute ziehen durch die Gassen, Mädchen kreischen, Stöckelschuhe klappern über das Kopfsteinpflaster. Theaterbesucher und Kinogeher hasten durch die Lauben. Andere spazieren gemütlich an den Schaufenstern vorbei und betrachten die sanft beleuchteten Auslagen. Wie für Motten ist ein helles Licht unter dem Stadtturm der Anziehungspunkt für so manchen Späthungrigen: das Würstelstandl. Samstags, eine halbe Stunde vor Mitternacht, haben sich eine handvoll Menschen um den Kastenwagen mit geöffneter Seitenklappe geschart und genehmigen sich Burenwurst, Frankfurter und Käsekrainer. Entlang des Standls stehen die Kurzzeitgäste wie aufgefädelt und dippen Würste in Senf und Soßen oder kauen an Brotrinden. „Einmal St. Johanner mit Ragout“, bestellt ein blonder Bursche, der sich zur offenen Glasluke durchgekämpft hat. Die Frau im Wagen, Uschi, nimmt den Deckel vom Würsteltopf und fischt mit der Zange durch eine Dampfwolke nach dem gewünschten Paar. „Darf’s ein Scherzerl sein?“, fragt sie und deutet auf ein Brotendstück. „Gerne“. „Dann bekommst auch ein zweites dazu“. „Danke“. Mit einer Kelle schöpft sie das Ragout – die „Spezialität des Hauses“, wie sie sagt – auf den Pappteller.
Gemeinsam mit ihrem Mann Herbert steht Uschi von sechs Uhr abends bis ein Uhr nachts hinter der Budel. Den Winter über hatten sie sonntags geschlossen. Doch jetzt im Frühling haben die beiden wieder eine Sieben-Tage-Woche. Im Moment ist sie alleine und kümmert sich um die Kundschaft. „Mein Mann und ich sind immer zu zweit hier. Dann kann einer von uns einmal Pause machen und Kaffee trinken gehen.“ Und genau das macht Herbert gerade. Seit 60 Jahren gibt es das Würstelstandl in der Altstadt schon, von einer zur nächsten Generation weitervererbt. „Und wenn wir von Würstelstandl reden, dann meinen wir auch Würstelstandl“, erklärt Uschi streng. „Ich würde nämlich sagen, dass wir in Westösterreich sicher das einzige echte Würstelstandl sind.“ Denn unter „echt“ verstehe man eine Verkaufsbude, an der ausschließlich gesottene, also gekochte Würste verkauft werden. Natürlich mit Ragout, Brot, Kren, Senf, sauren Gurken und Zwiebeln – aber eben nichts Gebratenes. „Die Leute sind zufrieden mit dem, was sie bei uns bekommen“. Das Publikum in der Altstadt ist bunt gemischt, vor allem aber Theater- und Kinobesucher kommen vor dem Heimgehen noch um eine Kleinigkeit zu essen. „Feine und unkomplizierte Gäste“, wie Uschi meint.
Der klassische Würstelstand hat Tradition und Geschichte: Gegründet in der K.u.K. Monarchie sollte er in Wien den Kriegsinvaliden der Stadt einen Arbeitsplatz und damit ein geregeltes Einkommen sichern. Zumindest für Österreich ist die Bundeshauptstadt damit die Wiege dieser Einrichtung. Andere Quellen berichten nämlich für den europäischen Raum von Würstelbuden, die es schon 1134 in Regensburg gegeben haben soll.
In Richtung Maria-Theresienstraße nimmt die Geräuschkulisse zu. Vorbei am gelb-roten Fastfood Restaurant erreicht der Lärmpegel an der Annasäule einen Spitzenwert. Um den langen eckigen Brunnen lungern Jugendliche mit Bierdosen und Weinflaschen in den Händen. Es wird gelacht, gelallt, geschubst und geraucht. Flaschen schlagen auf dem Asphalt auf, Papierkübel liegen auf dem Boden. Ein Polizeiauto fährt mit Schritttempo durch die Prachtstraße, Glasscherben zerknirschen unter den Reifen. Vor dem Kaufhaus Tyrol hat der „Würst’l Siggi“ seine Imbissbude aufgestellt. Auch ein Kastenwagen, aber kein „echter“ Würstelstand – es riecht nach Fett. Hier gibt es neben den klassischen Würsten auch Bosna, Hot Dog, Grillwurst und Schnitzelsemmel. Die beiden Verkäufer in der Bude haben alle Hände voll zu tun. „Siggi, der Chef, ist heute nicht da“, erklärt der mit Brille, schwarzem Hemd und Schnauzbart hastig und reicht eine Portion Würstel mit Ketchup durch das Fenster. Der jüngere der beiden stellt dem Gast eine Getränkedose hin und kassiert. „Zuerst kaum was zu tun, und dann plötzlich der volle Stress“, meint er und zupft sich die weiße Wollmütze zurecht. Ein Menschenknäuel hat sich um den Tresen gebildet und jeder wartet mehr oder weniger geduldig auf seinen Snack. „Wir haben schon einiges hier erlebt“, erzählt Edi – der mit dem Schnauzbart – in einer ruhigen Minute. „Wir stehen am Wochenende bis vier Uhr hier. Und ab zwei ist die Hölle los.“ Dann strömen die Nachtschwärmer aus den Lokalen um sich zu stärken. Meist nicht mehr ganz nüchtern. „Einmal wollten ein paar unseren Wagen umschmeißen“, grinst Edi. „Sie haben’s nicht geschafft“. Und sonst könne man von hier aus öfter Schlägereien beobachten. „Wie aus einer Loge“, lacht sein Kollege mit der weißen Mütze. Auch würden sie öfter einmal angepöbelt. „Dann heißt es Ruhe bewahren und sich nicht provozieren lassen“, fügt Edi hinzu und nimmt die nächsten Bestellungen auf.
Alkohol stimuliert die Magenschleimhaut und sorgt für den Hunger beim Ausgehen. Darum werden die Imbissbuden vor allem am Wochenende von Partygehern und Lokalbesuchern aufgesucht. Und die Jausenstationen sind in Innsbruck gut verteilt. Ob von der Altstadt in Richtung Süden oder Bogenmeile – eine Station zum Stärken liegt auf dem Weg. Lässt man die Bude bei der Triumphpforte weg, könnte man beinahe von einem magischen Würstelbudendreieck sprechen. Vom Stadtturm zum Kaufhaus Tyrol und hinüber in Richtung Angerzellgasse. Dort steht der dritte Stand. Genau da laufen die Seiten des Dreiecks zusammen und bilden den rechten Winkel zur Altstadt und Maria-Theresienstraße. Und hier, es ist halb eins, wartet Garip auf Kundschaft.
Ihm gehört die Imbissbude beim Treibhaus. „Ich bin seit vier Monaten in Innsbruck, seit zwei Monaten gehört mir der Stand“, erklärt der gebürtige Türke als er aus dem Wagen steigt und sich eine Zigarette ansteckt. Davor war er 16 Jahre lang Koch in Sölden am Gletscher. Ein Knochenjob. 5.000 Essen mussten sie am Tag zubereiten. Er und ein Kollege. Und wenn der Skiweltcup Station gemacht hat, waren es 21.000 Leute, die auf dem Gletscher unterwegs waren. „Verglichen damit ist das hier wie Urlaub“, meint er und deutet auf seine Bude. Drinnen steht ein junger Bursche. „Er hat heute seinen ersten Tag“, erklärt Garip. „Wenn er es gut macht, dann behalte ich ihn.“ Auch hier seien die Gäste bunt gemischt. Aber dass sich jemand vom Theater herverirrt, habe er noch nicht erlebt. „Ins Theater gehen alte Leute und die essen in der Nacht nichts mehr“, vermutet er. Bisher laufe das Geschäft ganz gut. „Ich möchte jetzt noch ein paar Monate warten und dann ein bisschen was Neues probieren.“ So könnten sich dann neben Schnitzel, Bosna, Hot Dog und Würsteln auch Gulasch und Knödel auf der Speisekarte finden. Denn das biete derzeit im nächtlichen Imbissgeschäft niemand an. Ein Schwall von Menschen verlässt in diesem Moment das Treibhaus und versammelt sich um Garips Imbiss. Schnell steigt dieser zurück in die Bude, um mitzuhelfen. Sein neuer Mitarbeiter wirft einige Bosna-Würste auf den Grill. Auch wenn es jetzt keine 5.000 Essen sind, die es zuzubereiten gilt – es ist stressig geworden.
Um kurz vor eins ist Schluss für Uschi und ihren Mann in der Altstadt. Herbert, längst zurück vom Kaffee trinken, beginnt schon mit dem Aufräumen. Jetzt geht es nicht darum, was der Gast haben möchte, sondern was noch da ist. Noch bevor die Letzten bestellen können, kommt Uschi ihnen zuvor: „Ich habe noch ein Paar St. Johanner und eine Burenwurst – das war’s dann“. Beides wird gerne genommen. Herbert verstaut die Servietten und das Besteck. „Ja, der einzige echte Würstelstand in Tirol“, bekräftigt auch er, nimmt eine Serviette in die Hand, streicht damit über die Decke des Wagens und präsentiert stolz das saubere Tuch: „Kein Fett“. Wie’s sich halt gehört – für eine echte Würstelbude.