Krieg in den Städten - Lateinamerikanische Jugendbanden
Die Warnungen sind unmissverständlich. „Gehen Sie dort nicht hin“, sagt der Besitzer des kleinen Lebensmittelgeschäftes im Osten von Los Angeles, „dort sind die Maras“. Aber wo herrscht Sicherheit? Die „Maras“, Banden junger Latinos, beherrschen nicht nur in diesem Teil der US-Metropole die Straßen, sobald es dunkel wird. Sie sind ebenso an der „West-Side“, im Norden und im Süden der Stadt. Und nicht nur dort. New York, Washington, Guatemala-Stadt, San Salvador – überall in den USA und Lateinamerika finden die Jugendgangs Zulauf. Ihre Mitglieder gelten als kriminelle Gewalttäter. Zugleich sind sie die letzten Opfer der Bürgerkriege in Zentralamerika.
HARALD NEUBER
Die US-Behörden reagieren auf die neue Bedrohung in den vergangenen Jahren zunehmend mit Repression. Doch diese seit Mitte der neunziger Jahre praktizierte Politik hat eine gegenteilige Wirkung. Durch die Ausweisungen haben sich regelrechte Netzwerke zwischen den US-amerikanischen Großstädten und zentralamerikanischen Metropolen gebildet. 2004 wies erstmals auch die spanische Polizei auf bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen lateinamerikanischen Jugendbanden in Madrid hin. Auf ihrer Internetseite geben die „Mara 18“ nicht ohne Stolz an, über Kontakte bis nach Australien und Libanon zu verfügen.
Ihren Ursprung haben die Gangs mit Namen wie Salvatrucha, Mara 18, MaoMao, Crazy Harrisons Salvatrucha oder Crazy Normans Salvatrucha in den 1970er- und 1980er-Jahren, als in Zentralamerika Bürgerkriege zwischen rechten und linken Parteien wüteten. Während die damaligen US-Regierungen aktiv in die Auseinandersetzungen eingriffen, um ein Erstarken der Linken zu verhindern, flüchteten Hunderttausende vor der ausufernden Gewalt in den Norden. Ein großer Teil von ihnen gelangte in die USA. In den Ghettos der dortigen Großstädte mussten sich die Neuankömmlinge gegen schon bestehende Latinobanden oder andere kriminelle Strukturen zur Wehr setzen. Es war die Geburtsstunde der Maras.
Allein in den USA wird ihre Mitgliederzahl heute auf 50.000 geschätzt, die Mitglieder sind zwischen zehn und 21 Jahren alt. Nach einer Untersuchung des Hamburger Institutes für Iberoamerikakunde stammen 83 Prozent der Mareros aus armen Verhältnissen, 73 Prozent von ihnen sind in zerrütteten Familienverhältnissen aufgewachsen. Es sind die Opfer einer brutalen Kriegspolitik, mit der Washington bis Ende der achtziger Jahre linke Gruppen daran zu hindern versuchte, an die Regierungen zu gelangen. Zwar sind die Kriege inzwischen beendet, doch nach wie vor finden die Jugendlichen in den Banden einen neuen Bezugspunkt. Die Maras bieten mit ihrer strengen Hierarchisierung eine kulturelle Identität und sozialen Halt. Vor allem aber ist das Bandenwesen lukrativ: Rund zwei Drittel des Kokains gelangt über die Maras in die USA. Nicht nur in ihren Ursprungsländern, sondern auch nördlich des Rio Grande werden die Gangs daher inzwischen als Sicherheitsproblem wahrgenommen. Sofern die Polizei ihrer habhaft wird, schiebt sie lateinamerikanische Gangmitglieder aus den USA in ihre Geburtsländer ab – mit den beschriebenen Folgen.
Maximal drei Jahre überlebt ein „Marero“, heißt es in Honduras. Tag für Tag fordert der Krieg zwischen den berüchtigten Jugendbanden in den USA und Zentralamerika, den Maras, seinen Blutzoll. Über 2.000 Bandenmitglieder fielen den Auseinandersetzungen von 1998 bis 2004 allein in Honduras zum Opfer. In Guatemala wurden nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Casa Alianza allein im Jahr 2003 über 700 Jugendliche unter 23 Jahren ermordet. Inzwischen sehen die zentralamerikanischen Regierungen in dem Bandenwesen eines der dringendsten Sicherheitsprobleme. Mit einem gemeinsamen Aktionsplan versuchen sie, die schwer bewaffneten Jugendgangs von den Straßen zu vertreiben. Doch mit der „Politik der harten Hand“ wurde die Lage noch verschlimmert. Nun kämpfen die Banden nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen den Staat. Die Zivilbevölkerung steht zwischen allen Fronten. Mit breit angelegten Medienkampagnen haben die Regierungen von El Salvador, Honduras und Guatemala in den vergangenen Jahren gegen die Jugendgangs Stimmung gemacht. Außer Acht gelassen wird, dass die Banden selber ein Produkt der Kriegspolitik der vergangenen Jahrzehnte sind. Nun wollen die betroffenen Staaten also erneut mit Repression reagieren. Die US-Regierung sicherte ihnen bereits finanzielle Unterstützung bei einem gemeinsamen und grenzübergreifenden Vorgehen gegen die Maras zu.
Seit 1997 sein Sohn von Maras erschossen worden war, schien vor allem der konservative Ex-Präsident von Honduras, Ricardo Maduro, einen persönlichen Feldzug gegen die Banden zu führen. Anfang 2002 hatte er den Wahlkampf gewonnen, indem er auf die Ängste des Mittelstandes und der Oberschicht setzte und ein schonungsloses Vorgehen gegen die Jugendbanden versprach. Im August 2003 startete Honduras Polizei die „Operación Libertad“ (Operation Freiheit). El Salvadors Staatschef Fransisco Flores folge dem Beispiel und initiierte eine „Operación Mano Dura“ (Operation Harte Hand), während Guatemalas Regierung für eine „Operación Escoba“ (Operation Besen) stimmte. Der Einfluss der Maras konnte damit bislang nicht zurückgedrängt werden. Im Gegenteil: Als der guatemaltekische Staatschef Oscar Berger im staatlichen Fernsehen ein hartes Vorgehen gegen die Jugendgangs ankündigte, fand man tags darauf auf einem zentralen Platz in Guatemala-Stadt eine verstümmelte Leiche. Neben ihr lag eine unmissverständliche Notiz: „Herr Präsident, wenn Sie uns weiter verfolgen, werden wir noch mehr Menschen umbringen.“
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International verweisen auf die Auswüchse der Null-Toleranz-Politik. Besonders in Honduras führt die Polizei inzwischen einen regelrechten Krieg gegen die Jugendbanden. Immer wieder finden sich Hinweise auf eine enge Kooperation mit Todesschwadronen. Schuld oder Unschuld zählt in diesem Krieg wenig. Nach Angaben der Deutschen Kindernothilfe leben in Honduras 8.000 Kinder und Jugendliche auf der Straße. Auch sie fallen den mordenden Polizisten zum Opfer. Das oft brutale Vorgehen belegt die Ohnmacht, mit der die Regierungen der Region dem Bandenwesen gegenüberstehen. Militärstrategen vom „U.S. Army War College“ stufen das Bandenwesen inzwischen als „neue Herausforderung für die kontinentale Sicherheitspolitik“ ein. Eine entsprechende Studie bezeichnet die organisierten Banden gar als „neue städtische Aufstandsbewegung“.
Während sich die staatlichen Institutionen für den Krieg wappnen, sorgen zivile Akteure für Deeskalation. In Honduras etwa hat die katholische Kirche das Programm „Adiós Tatuajes“ organisiert. Ausstiegswillige Gangmitglieder können sich im Rahmen dieses Projektes die für die Gangs typischen Tätowierungen entfernen lasen. Bislang nahmen 12.000 Jugendliche dieses Angebot wahr. Die Resonanz gibt einer Untersuchung von Casa Alianza recht. Demnach wünschen sich 87 Prozent der Bandenmitglieder – besonders diejenigen mit Familie – nichts als ein ruhiges Leben. Aber die Chancenlosigkeit schreckt viele vor einem Ausstieg ab. „Die neoliberale Öffnung der Märkte vernichtet so viele Jobs“, heißt es im Amnesty-International-Magazin, dass zahllose Jugendliche keine Chance in der legalen Wirtschaft haben.
Solange Mittelamerika im Rahmen des neoliberalen Freihandels also weiter Arbeitsplätze abbaut, werden die Maras als Sammelbecken für die Verlierer dieser Politik Zulauf erhalten. Die Polizei und zunehmend auch die Armeen der betroffenen Staaten werden einen immer brutaleren und immer aussichtsloseren Kampf gegen die Banden führen. In gewisser Weise finden die Bürgerkriege im Kampf um die Straße also ihre Fortsetzung. In Honduras wird auch der neue Präsident, Manuel Zelaya, an diesen Rahmenbedingungen nichts ändern können. Zumindest aber hat er nach seinem Amtsantritt Ende Januar Gespräche mit den Maras angekündigt.
Die Mara 18 verfügt inzwischen über eine eigene Internetseite: http://www.xv3gang.com