20er
Soziales

Spuckblasen und Wackelzahn - Im städtischen Kindergarten Innerkoflerstraße

Foto: Dave Bullock


Um 6.30 Uhr öffnet er seine Pforten. Der Kindergarten zwischen Chirurgie und Beselepark in Wilten. Ein ruhiges Fleckchen – liegt er doch an der verkehrsberuhigten Innerkoflerstraße und grenzt an den Westfriedhof. Bereits von außen erkennt man, dass es sich bei dem einstöckigen Gebäude um einen Kindergarten handeln muss. An den Fenstern hängen Bastelarbeiten, im Garten stehen Klettergerüste und Spielhäuschen.
NIKOLAUS PAUMGARTTEN



Um Viertel nach sieben haben sich sechs Kinder um den Tisch im Vorraum des Kindergartens versammelt. Müde blättern sie in Bilderbüchern oder lungern verschlafen auf den kleinen Sesselchen. Drei Frauen sitzen dabei und begrüßen die eintrudelnden Kinder. „Heuer haben wir erstmals schon ab halb sieben geöffnet“, erklärt Barbara Hatzl-Pfeifer, die Leiterin des Kindergartens. „Damit können vor allem Krankenhausbedienstete ihre Kinder vor Dienstbeginn direkt zu uns bringen. Ein Angebot, das sehr gern angenommen wird.“ Und bis genug Kinder eingetroffen sind, wartet man hier gemeinsam. Auf einer Pinwand hängt der Menüplan der Woche. Heute: Rohkost, flaumiger Kaiserschmarrn und Apfelmus. Die Speisekarte wird von Ernährungsexperten und Diätberatern zusammengestellt und gilt für alle städtischen Kindergärten.

Um halb acht ist der kleine Holztisch leer. Die Kinder sind in ihre Gruppenräume verschwunden. Vier Gruppen mit je 25 Kindern gibt es hier. 25 ist auch die maximale Größe die eine Gruppe haben darf, das ist genau im Tiroler Kindergarten- und Hortgesetz vorgeschrieben. Links vom Vorraum geht es zur Gruppe eins. Von der Decke hängen selbst gebastelte Mäuse aus Papier. Der kurze Gang führt zur Garderobe. Jedes Kind hat seinen eigenen Platz. Und damit nichts verwechselt wird ist der mit bunten Symbolen über den Haken gekennzeichnet. Gießkanne, Einkaufskorb, Storch oder Schlange, noch sind einige frei und es hängen nur die Turnbeutel dran. Barbara Hatzl-Pfeifer und eine weitere Kindergärtnerin sind für die Gruppe verantwortlich: Isabelle. Seit zehn Jahren ist sie Tante und wird von den Kleinen „Isi“ genannt. „Die Bezeichnung ‚Tante’ kommt kaum noch vor“, erklärt sie. „Find ich auch gut so, denn ‚Tante’ hat irgendwie etwas Altes.“ Auch aus der Mode sind die klassischen weißen Schürzen für Kindergärtnerinnen gekommen. Darum arbeiten hier alle „in zivil“. Bis neun Uhr können Eltern ihre Kinder bringen, dann beginnt der Ernst des Kinderlebens. War bislang freies Spielen angesagt, muss nun Ordnung in den Kinderhaufen gebracht werden. Isi hat eben den Letzten im Gruppenraum begrüßt und sorgt mit einem Klangstäbchen für Ruhe: „Aufräumen! Wir gehen jetzt in den Turnsaal.“
Ein Tag im Kindergarten ist nicht einfach nur Spielen. Die Kindergartenpädagogen müssen bestimmte Rahmenbedingungen einhalten. Das verlangt das Kindergartengesetz. In Arbeitsberichten muss Isi genau aufschreiben, was sie wann in welcher Woche mit den Kindern erarbeitet hat. „Religiöses Erleben“, „Sprachbildung“, „Bewegungserziehung“, oder „Natur- und Sachbegegnung“ sind nur einige Schwerpunkte des „Lehrplans“. Um auch für die Eltern transparent zu sein, ist der aktuelle Wochenplan in den Garderoben der Gruppen ausgehängt. Im Fall der Gruppe eins heute: „Turnen – was ich alles kann.“

Polternd werden Bauklötze in Kisten geworfen, schnell verschwinden Spiele in den Regalen. Die Kinder versammeln sich in der „Kommunikationsecke“, einer u-förmigen Sitzbank. Plätze werden getauscht, es wird gezappelt und gestoßen. „Isi, Johannes macht Spuckblasen“, jammert ein Stimmchen aus der Ecke. Es folgt ein lautes „Wäähhh“ aus allen Kinderkehlen. Und Johannes macht keine Spuckblasen mehr. Nun dürfen zuerst die Buben, dann die Mädchen ihre Turnbeutel aus der Garderobe holen und mit dem Umziehen beginnen. Isi ist im Dauereinsatz, hilft beim Ausziehen und richtig Anziehen. Wer als erstes fertig ist, darf den heiß begehrten Platz ganz vorne bei der Türe einnehmen; nach und nach stellen sich auch die anderen in Zweierreihe an. Die Jüngsten kämpfen noch mit Turnhose und Patschen. „Die älteren Kinder helfen jetzt den Kleineren“, verlangt Isi. Bei der Zusammensetzung der einzelnen Gruppen achten Leiterin und Angestellte auf Ausgeglichenheit. Ende Februar finden jeweils die Einschreibungen für den Herbst statt. Kinder von drei bis sechs Jahren gilt es so gut wie möglich untereinander zu vermischen. Das soll den Älteren eine gewisse Verantwortung den Kleineren gegenüber geben. Das gleiche gilt auch für Kinder deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Sie sollen sich möglichst auf Deutsch unterhalten müssen. Auch die Verteilung von Buben und Mädchen in einer Gruppe muss passen. Isi zählt die Kinder durch und der Zug setzt sich in Bewegung. Vorsichtig tapsen Kinderfüße die Stufen hinunter zum Turnsaal. Nicht alle sind begeistert und wollen mitmachen. Der eine oder die andere ist schon nach wenigen Runden herumhüpfen im tennisfeldgroßen Turnsaal außer Atem und gönnt sich am Rand eine Ruhepause. Nach einer halben Stunde Bewegung geht es zurück in den Gruppenraum.

Die Kinder ziehen sich wieder um und setzen sich an die fünf Tische, die im Gruppenraum verteilt stehen. Denn es ist zehn Uhr: Jausenzeit. Zwei Kinder sind die „Hausfrauen“ des Tages – eine heiß begehrte Sonderstellung. Heute dürfen Anna und Caroline sich Schürzen anziehen und die bunten Plastikteller verteilen. Dann schleppen sie einen großen, mit Kindergartentaschen gefüllten Korb, in die Mitte des Raumes. „Achtung, Achtung aufgepasst, Taschen werden ausgeteilt“, rufen sie in die Runde. Jedes Kind holt sich seine Tasche mit der Jause ab. Gegen dreiviertel elf versammeln sich wieder alle in der Kommunikationsecke. „Hat jemand was Wichtiges zu erzählen?“, fragt Isi in die Runde. Doch heute scheint es nicht viel zu geben und so erzählen Barbara Hatzl-Pfeifer und Isi den Kindern von der „neuen Zeit“, die jetzt anbricht: Winter und Fasching. Da wird wild diskutiert als was man sich gerne verkleiden würde und warum man den Winter so gerne mag. Zum Abschluss des Vormittags nimmt Isi die Gitarre und gemeinsam singen die Kinder Lieder von der „Affenbande“, der „Hexe Wackelzahn“ und „Dracula“.

Um zwölf werden diejenigen abgeholt, die nur halbtags eingeschrieben sind. Zwischen 30 bis 40 Kinder sind dann noch beim Mittagstisch dabei und werden in den Speisesaal begleitet. Der Kindergarten Innerkoflerstraße ist einer von 16 ganztägigen städtischen Kindergärten in Innsbruck. Sieben sperren über Mittag zu, und vier haben nur halbtags geöffnet. Der Halbtageskindergarten kostet 73 Euro im Monat, ganztägige Betreuung 99 Euro. Dabei sind je nach sozialen Umständen auch Ermäßigungen möglich. Für das Mittagessen werden täglich 3,27 verrechnet. Nach dem Essen gehen die etwas Größeren wieder hinauf zum Spielen und die Kleineren schleichen in den Schlafsaal und legen sich in kleine Zwergenbettchen und lauschen der Geschichte der Helferin, einer von zehn Angestellten des Kindergartens. Mit ihr, der Leiterin, drei Gruppenleiterinnen, drei Kindergärtnerinnen, einer Köchin und einer weiteren Halbtags-Helferin sind hier ausschließlich Frauen beschäftigt. Das Klischee des Frauenberufs stimmt also noch. „Leider“, meint Isi. „Obwohl es den Kindern, vor allem wenn die Mutter Alleinerzieherin ist, gut tun würde, wenn sie hier eine männliche Bezugsperson hätten.“

Nach der Mittagsruhezeit, von zwei bis Viertel nach drei, also bis die Sonne hinter den Bäumen verschwunden ist, steht für die Kinder, die noch da sind, Bewegung im Freien auf dem Programm. Und was bietet sich im Winter besser an, als mit Plastikrutschern den Hügel vor dem Kindergarten runterzuflitzen, Schneekuchen zu backen oder Schneemänner zu bauen. Die letzte Einheit freien Spielens findet von halb vier bis zum Schluss, also bis 18.00 Uhr statt. Nach und nach kommen Väter und Mütter und holen ihre Söhne und Töchter wieder ab. Ein erlebnisreicher Tag für Kinder und Betreuerinnen geht zu Ende. Ob es für Isi denn nicht Dauerstress ist, sich um so viele Kinder zu kümmern? „Am Anfang hatte ich immer Angst, den Überblick zu verlieren. Da habe ich alle fünf Minuten leise durchgezählt. Aber mit der Zeit bekommt man ein Gefühl für seine Gruppe und ob alle da sind.“ Und natürlich ist es ein anstrengender Job: „Nach einem stressigen Tag schalte ich zu Hause um Viertel nach acht Fernseher und Radio aus, mach alle Türen und Fenster zu und genieße die Ruhe.“



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