Innsbrucks Saubermacher - Wider der Wegschmeißwelt
Foto: Gerhard Berger
Es ist Punkt sechs Uhr morgens, als sich der Trupp orange uniformierter Männer im Halbdunkel des Innenhofes zu einer artigen Zweierreihe formiert. Einem Feldherrn gleich mustert der Chef die Angetretenen, kontrolliert Ausrüstung und Vollzähligkeit. Hinter dem Bodentrupp mit luftbereiften Kippern und Besen wartet auch schon das schwere, motorisierte Gerät – zuständig fürs Grobe. Nach kurzer Lagebesprechung, die sich hauptsächlich ums Wetter und die mögliche Glatteisbildung dreht, geht es los. Der Feind ist hinlänglich bekannt und auch sein bevorzugter Aufenthaltsort. Dem Kampf gegen Müll sowie kaputte und vereiste Gehwege haben sie sich verschrieben, die Männer vom Bauhof Innere Stadt. Einer von ihnen ist Walter Bucher. Zuständig dafür, dass sich Innsbrucks Altstadt weiterhin derart schnieke präsentiert.
STEFFEN ARORA
Die Kolonne setzt sich in Bewegung. Auf dem kurzen Weg zu „Walters Altstadt“, schert einer nach dem anderen in Richtung der eigenen Tour aus und verschwindet im frühmorgendlichen Dunkel. Die Männer im Alter zwischen 28 und 60 Jahren verteilen sich auf insgesamt zehn Routen, die penibel voneinander abgegrenzt sind. „Das kann für Außenstehende verwirrend sein“, bemerkt Walter. Später, beim Durchgang zum Franziskanerplatz wird klar was er meint. Die unteren beiden Stufen, altstadtseitig, fallen unter seine Zuständigkeit, der Rest schon unter die des Kollegen. Manchmal weisen ihn PassantInnen auf vermeintlich übersehenen Müll hin um dann wieder – nachdem Walter erklärt hat, dass er nur für diese Treppe zuständig sei – kopfschüttelnd von Dannen zu ziehen. Auch in Sachen Grünanlagen sind die Kompetenzen eindeutig. „Dafür sind nämlich die Gärtner zuständig“, führt Walter aus. Er selbst sieht das ganze weniger streng und relativiert: „Wenn ich irgendwo Dreck sehe, nehm’ ich ihn mit. Ob der mir g’hört oder nicht!“ Für das kleine Grün am Domplatz heißt das: „Wenn ich seh’, dass die Müllkübel übergehen, leer ich sie aus. Da habe ich ja nichts davon, wenn dann sowieso wieder alles auf der Straße landet.“
Streng nach Vorschrift verläuft hingegen der Rundgang – die erste Pflicht während der Wintermonate. Von November bis April kommt zu den üblichen Verantwortlichkeiten Reinigung und Instandhaltung noch der Winterdienst. Am Rundgang werden die Trottoirs und Straßen auf ihre Tauglichkeit für den Morgenverkehr geprüft. Ein Ausrutscher ist schnell passiert. Noch schneller gibt es dann in der Folge die Klagen gegen die Stadt, wie Walter weiß. Auf der Innbrücke, gegenüber der Ottoburg startet er, nicht ohne zuvor einen Eimer mit Sand und Kies – quasi erste Hilfe bei Glatteis – in den Kipper zu laden. Überall in der Stadt stehen große, so genannte Sandkisten. Schaudernd erinnert er sich an den Morgen, als er zum ersten Mal einen Schlafenden darin fand. „Ich hab’ geglaubt, der ist tot“, erinnert sich Walter. „Es war saukalt und der war stockbesoffen. Er lag ohne irgendetwas auf dem Kies, als Polster hat er einen Salzsack genommen.“ Vor ein paar Jahren hat ein Kollege tatsächlich einen Toten gefunden. Erfroren sei der arme Kerl in der Kiestruhe, erinnert sich Walter. Der heutige Rundgang verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Es ist zu mild für Glatteis. Walter bevorzugt die warme Jahreszeit, die engen Gassen sind zugig und kalt im Winter. Der Mittfünfziger ist seit fünf Jahren Straßenkehrer. Zuvor arbeitete er bei einem großen Getränkehersteller. Eine Krebserkrankung kostete ihn diesen Job und nach einer schweren Operation wollte man ihn eigentlich in die Frühpension schicken. „Das wollte ich auf keinen Fall.“ Er ist froh, diese Stelle gefunden zu haben. „Ein Bekannter half mir damals. Dem kann ich heute noch nicht genug danken.“ Es war eine harte Zeit für Walter. Er hatte erst kurz zuvor seine Frau, ebenfalls an den Krebs, verloren. Jammern kommt für ihn aber nicht in Frage. Egal ob Wochenenddienst oder Sonderreinigung nach Veranstaltungen. „Ich bin einfach froh arbeiten zu können.“
Der frühe Dienstbeginn, im Gegensatz zum Sommer- beginnt der Winterdienst bereits um sechs Uhr, stört ihn nicht: „Ich gehe jeden Tag schon vorm Arbeiten eine Stunde mit meinem Hund spazieren.“ Walter ist ein Tierfreund. Er zeigt sogar für die Tauben Verständnis, die sich durch „illegales Füttern“ noch immer in der Altstadt wohl fühlen. Dabei ist Taubenkot besonders hartnäckig und im Winter kann, wegen der Glatteisgefahr, kein Wasser zum Reinigen verwendet werden. „Ich habe selber drei Vogelhäuserl daheim. Ich sag’ immer, wenn die Leute sie schon füttern müssen, dann wenigstens richtig. Knödelbrot ist nämlich ungesund für die Tauben.“ Einer besonders gewieften Vogelfreundin kam er unlängst auf die Schliche. „Ich hab’ sie lang beobachtet bis ich draufgekommen bin. Ihr Sack hatte ein kleines Loch aus dem nach und nach die Körner raus gefallen sind.“ Auch Walter hat in seinem Hosensack immer etwas für die Hunde auf seiner Tour dabei. Viele der Vierbeiner in der Altstadt erkennen ihn schon an der orangen Uniform. Nicht unproblematisch, wenn ihn ein Kollege vertritt. „Auf meiner alten Tour in der Anichstraße, gab’s einen Rottweiler, der immer auf mich wartete. Als mein Kollege dann die Tour übernahm bekam er fast einen Herzkasperl, als ihn der Rottweiler voller Freude angesprungen ist.“ Auch heute trifft er wieder einige vierbeinige Anrainer, die er, wie jeden Tag, mit Leckerlis bei Laune hält. Keinen Spaß versteht er jedoch mit Herrchen und Frauchen, wenn sie die Ausscheidungen nicht wie vorgeschrieben entfernen und entsorgen. „Da war einmal so eine Dame. Ihr Hund hätte wohl dringend müssen, aber sie zog ihn weiter. Der Hund konnt’s nicht halten. Als ich ihr nachrief, dass sie da was verloren hätte, hat sie nur gemeint es sei sicher nicht von ihrem. Derweil hat ihr dann der Hund einen Haufen direkt neben die Füße gesetzt.“ Walter hat für solche Fälle immer eine Rolle mit den praktischen Plastikbeuteln dabei. Einen solchen gab er damals auch der Dame und schaute ihr, nicht ohne Genugtuung, beim Entfernen des Geschäfts zu.
Hunde sind aber nur marginal an den 16 bis 20 Tonnen Müll beteiligt, die Walter und seine Kollegen in der Innenstadt pro Monat aufsammeln – händisch wohlgemerkt. Er attestiert den Menschen in der Altstadt eine gewisse Sauberkeit. Natürlich finden sich auffallend viele Verpackungen einer amerikanischen Fast Food Kette in den Gassen. Es kommt auch schon mal vor, dass nachts die eine oder andere Bierflasche zu Bruch geht. Walter sieht das gelassen: „Dafür sind wir da. Wenn’s zu sauber wär’, hätten wir keine Arbeit.“ Die Ursache für das große Müllaufkommen sieht er viel tiefer in der Gesellschaft verwurzelt: „Wir leben in einer Wegschmeißwelt.“ Walter kann sich an Zeiten erinnern, als ein Papiersackerl eine ganze Woche lang fürs Jausenbrot Dienst tat.
Um neun Uhr gibt’s eine kurze Pause. Walter kehrt bei seinem „Morgenstern“ auf einen Kaffee ein. Er kennt so gut wie alle, die hier leben und arbeiten. Im Dienst herrscht für Straßenkehrer Alkoholverbot. Nur einmal hat er sich verleiten lassen, von der Bürgermeisterin persönlich. Er trifft sie fast jeden Tag und einmal lud sie ihn auf ein Bier ein: „Als ich ablehnte und erklärte, dass ich im Dienst nix trinken darf, meinte sie nur, wenn ich das sage, dann darfst du.“ Nicht nur die Einheimischen, auch die TouristInnen wissen Walters Arbeit zu schätzen. „Eine Holländerin hat letztens zu mir gemeint, es sei so schön sauber hier und ob ich nicht mit zu ihnen kommen wolle, weil’s da so wild ausschaut.“ Als Walter durch die Schlossergasse patrouilliert, ärgert er sich über die Fahrradleichen. „Wenn da ein Schloss drauf ist, dürfen wir’s nicht entfernen. Auch wenn das Ding schon völlig kaputt ist.“ Seit zwei Jahren stehe das rostige Rad nun schon im Eck und er müsse jedes Mal drum herum kehren. Gleich daneben leert Walter im Vorbeigehen einen Aschenbecher aus, der auf dem Fenstersims steht. „Hier rauchen die Mädels aus den Büros im Haus immer. Ich hab’ ihnen den Aschenbecher geschenkt, damit ich nicht ständig die Tschik wegputzen muss.“
Eine Tschik hat ihn auch dazu bewogen, vor allem im Sommer, mit einer Wasserflasche im Kipper auszurücken. „Einem Kollegen ist er abgebrannt, weil ihm jemand im Vorbeigehen eine Tschik reing’schmissen hat, während er auf Pause war.“ Walter schmunzelt und sagt mit einem Achselzucken: „Ja freilich, auch a Hetz muss sein – dann arbeitet man ja viel lieber.“