Gekonnt, und ganz im Stile eines Kellners, balanciert er die klobige Plastikbox mit nur einer Hand auf seinem Weg durch das knarrende Stiegenhaus. Im zweiten Stock angekommen, wird er bereits erwartet. Eine Dame, aufgrund ihres Alters auf eine Gehhilfe gestützt, begrüßt ihn freudig an der Schwelle zur Wohnung, als wäre lang ersehnter Besuch endlich eingetroffen. Man unterhält sich kurz. Es sind keine hohlen Floskeln, die da gewechselt werden. Neben dem angeregten Plausch tauscht der Besucher sein Mitbringsel gegen eine ident aussehende Box, die dafür schon bereit steht. Kurz darauf verabschiedet man sich auch schon wieder – „Bis morgen! Ach ja, und guten Appetit!“ Felix Federer muss weiter. Er wird heute noch weitere 78 solcher Besuche abstatten. Felix liefert „Essen auf Rädern“.
STEFFEN ARORA
Der Arbeitstag beginnt für die Fahrer beim Innsbrucker Menü Service (IMS) kurz vor sieben Uhr morgens mit dem Verladen der riesigen Geschirrwägen. Rund 500 Isolierboxen werden von den Rot-Kreuz-Mitarbeitern allmorgendlich sicher in den Kleintransportern vertaut. Jeder Fahrer ist mit einer detaillierten Liste ausgestattet, auf der alle relevanten Daten und Vorlieben der KundInnen vermerkt sind. Für Felix und seine Kollegen eigentlich überflüssig, aber für die Neuen unverzichtbar. Es dauert schon eine Weile bis man die Präferenzen von durchschnittlich 90 Personen aus dem Effeff kennt. Dabei liegt das Hauptaugenmerk weniger auf dem „Wer isst was?“, als vielmehr auf dem „Wer ist wer?“.
Felix weiß davon ein Lied zu singen. Er ist seit gut einem halben Jahr dabei. Davor habe er schon viele Jobs gemacht, vom Handwerker bis zum Pizzabäcker. Doch dieser ist anders. Zum Einen gefällt ihm der Kontakt mit den Menschen, zum Anderen ist sein Alltag trotz des strikten Zeitplans – bis 11.30 Uhr muss das letzte Essen geliefert sein – sehr abwechslungs- und erlebnisreich. Der zeitliche Druck spiegelt sich im Tempo, das Felix gleich von Beginn an vorlegt. Seine Tour führt ihn durch Pradl. Viele der alten Mietshäuser haben keinen Aufzug, daher ist Kondition gefragt um mit Felix mitzuhalten, der prinzipiell Stiegen läuft, statt steigt. An einem Tag kommt er so auf bis zu 100 Stockwerke – auf- wie auch abwärts. Kein Pappenstiel wenn man bedenkt, dass das Empire State Building auch „nur“ 103 Etagen hoch ist
Auf der anderen Seite bedeuten diese Treppen für die BewohnerInnen oft ein unüberwindbares Hindernis. Das macht Felix für manche seiner KundInnen zum einzigen sozialen Kontakt im Laufe eines Tages. Dementsprechend ist auch das Bedürfnis nach Zuspruch bei einigen sehr ausgeprägt. Ein Dilemma, denn 90 Essen innerhalb eines Vormittages zu liefern, bedeutet knappe drei Minuten pro Essen. Die Zeit, die Felix mancherorts überzieht, die holt er eben an anderer Stelle wieder ein. Aber wie könnte er den kurz Angebundenen spielen, wenn sich einige seiner Lieblingskundinnen sogar extra zurecht machen, bevor er vorbeikommt. „Bei einer Dame muss ich immer darauf achten, keine Minute zu früh dran zu sein, da sie sich noch die Perücke drapieren will.“ Eine andere seiner Stammkundinnen sei ebenfalls sehr auf ihr Äußeres bedacht. Da kommt es schon vor, dass im Übereifer, der Lippenstift über die Maßen zum Einsatz kommt. Felix ist eben charmant und bei den Damen beliebt. Als Gentleman weiß er sich über solche Situationen gekonnt hinwegzuretten und erwidert die nette Geste, indem er sich besonders galant zeigt.
Es gibt aber auch Adressen, denen er noch nicht einmal ein Gesicht zuordnen kann. So etwa dem Herrn im zweiten Stock in der Amraserstraße. Hier steht die Box vom Vortag stets feinsäuberlich vorbereitet neben der Türmatte. Felix kontrolliert den Inhalt der Gebrauchten auf Vollständigkeit, so wie er es ganz automatisch jedes mal tut und hinterlässt an ihrer Stelle das Menü des heutigen Tages. Hier ist er jedoch immer ganz besonders aufmerksam. Schon einmal hat Felix in einem solchen Fall ein unberührtes Essen vom Vortag gefunden. Die Dame war gestürzt und erst durch die Menü-Box wurde man auf sie aufmerksam. Für solche Fälle hat Felix auch eine Ausbildung als Sanitäter. Auch für andere Notfälle muss er gerüstet sein, weshalb er nun eine Taschenlampe und einen Feuerlöscher beantragt hat. Erst kürzlich betrat er eine Wohnung, in der er einen Topf mit eingebrannter Milch vom Herd rettete.
Viele, vor allem ältere Menschen, die das Angebot des IMS in Anspruch nehmen, tun dies, um sich ihre Selbstständigkeit zu bewahren. Mittlerweile nutzen aber auch Firmen diesen Lieferdienst. Für die klassische Zielgruppe von „Essen auf Rädern“ ist der Gedanke an einen Umzug in ein Seniorenwohnheim unerträglich. Sie erhalten täglich ein dreigängiges Menü nach Wahl und wärmen dieses im Induktionsverfahren selbst. Meist stellt Felix die Box schon bei Lieferung auf die dafür vorgesehene Platte, die gegen eine Kaution vom IMS bereitgestellt wird. Das Erwärmen dauert nur 30 Minuten und funktioniert per Knopfdruck. Der Preis für dieses Service ist an die jeweilige finanzielle Situation jedes Einzelnen angepasst. Die maximalen Kosten, wenn also das Monatseinkommen mindestens € 1.072,– beträgt, belaufen sich auf € 7,50 pro Menü inklusive Zustellung. Menschen mit geringerem Einkommen erhalten Preisnachlässe. Voraussetzungen zur Teilnahme am IMS-Programm sind ein Mindestalter von 60 Jahren, ein Wohnsitz in Innsbruck-Stadt sowie die attestierte Pflegebedürftigkeit oder Krankheit des oder der EmpfängerIn.
Felix kann den Wunsch nach Selbstständigkeit bei einigen seiner KundInnen nur bedingt verstehen. In manchen Fällen, so denkt er, wäre ein Platz in einer betreuten Einrichtung eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität für die Betroffenen. Er betritt mit einem lauten „Guten Morgen!“ die nächste Wohnung. Schon beim Eintreten bedeutet Felix, dass wohl mit einem unangenehmen Geruch zu rechnen sei. Er steuert geradewegs ins Wohnzimmer, wo im Halbdunkeln ein ziemliches Durcheinander erkennbar wird. Der Raum ist, abgesehen von unzähligen, auf sämtliche Möbel verteilte Medikamentenpackungen und Zigarettenreste leer. Felix beginnt mit dem Nebenzimmer zu sprechen, während er die Einzelteile der gestrigen Lieferung zusammensammelt. Eine Stimme antwortet aus dem Schlafzimmer. Nach kurzer Zeit sind alle Teller und Schüsseln beisammen und nachdem der freundliche Nahrungslieferant sichergestellt hat, dass alles in Ordnung ist, geht es auch schon wieder weiter. Das sei normal, er habe den Kunden schon in schlimmerem Zustand angetroffen, erzählt Felix, der nun schon drei Treppen mit einem Schritt überwindet.
Gegen neun Uhr legt Felix eine kurze Pause ein. Er gönnt sich eine Kaiser-Max-Semmel und Kaffee aus der Dose, so wie jeden Tag. Sein Traumjob sei das nicht, erklärt er auf der Ladefläche seines Wagens sitzend. An den Wochenenden ist Felix DJ in einem Innsbrucker Bogenlokal, aber zum Leben reicht das leider nicht. „Essen auf Rädern“ ist daher die ideale Ergänzung für ihn. Er konnte für sich aushandeln, nur von Montag bis Freitag zu liefern. Wochenenddienste sind hier eigentlich Usus – IMS liefert nämlich 365 Tage im Jahr. Ein Gutteil der Fahrer sind Zivildiener, die anderen, wie auch er, sind beim Roten Kreuz eingestellt. Ihr Chef, Walter Gross, besorgt in der Zentrale, die im ISD-Wohnheim Pradl beheimatet ist, die Organisation der Fahrten. Martina Nowara betreut die Bestellungen, die wöchentlich per Menüplan erfolgen und an die Großküche im Untergeschoss weitergegeben werden. Gross, Nowara und ihr Team in der Administration verkosten auch täglich alle Speisen selbst, um so auf etwaige Reklamationen besser eingehen zu können.
Nach fünfzehn Minuten Pause geht es für Felix weiter. Noch rund 30 Essen warten darauf, ausgeliefert zu werden. Sein nächster Stopp führt ihn zur wohl erfahrensten Damen-WG Innsbrucks. Felix nimmt sich hier gerne eine Minute Zeit, um das Befinden des rüstigen Dreigestirns zu erkunden. Die Uhr verbietet ein ausführlicheres Gespräch – die Damen sind nachsichtig und verzeihen ihm die Eile. Einmal um den Block zu einer Kundin, die Felix freudig mitteilt, dass sie das Wochenende über nicht hier sein werde, da sie ihr Sohn mit aufs Land nehmen werde. Stolz zeigt sie ihm Fotos vom schmucken Landhaus ihres Sprosses. Erheitert stellen sie fest, dass sie in dessen Nachbarschaft einen gemeinsamen Bekannten haben. Wieder treibt ihn jedoch die Uhr weiter. Nun scheint er die Stufen gar nicht mehr zu benutzen, sondern darüber hinwegzuschweben. Eine Stunde später hat Felix die letzte Box abgeliefert – eine Viertelstunde vor der Zeit – „Morgen wird’s stressiger, weil Freitag ist mehr los.“