Tomaten und Arbeitskämpfe - MigrantInnen in Europas Landwirtschaft
Foto: Klaus Görgen/ Version
Im globalisierten Supermarkt findet mensch – beinahe unabhängig von der Jahreszeit – vorgeblich frisches Obst und Gemüse. Die Herkunftsländer dieser Waren variieren. Wer die Produktionskosten immer weiter senken kann, hat die Nase vorn. In diesem Sektor spielen die Lohnkosten für LandarbeiterInnen eine entscheidende Rolle, da Pflege- und Erntearbeiten oft händisch erfolgen. Die fatalen sozialen Auswirkungen dieses „Wettlaufs nach unten“ in der industriellen Landwirtschaft Europas richten sich v.a. gegen ArbeitsmigrantInnen, die während der Arbeitsspitzen angestellt werden.
DIETER A. BEHR
Das Wirtschaftswunder im Plastikmeer und seine Schattenseiten
Im Februar 2000 ereigneten sich im südspanischen El Ejido pogromartige Ausschreitungen gegen vorwiegend marokkanische MigrantInnen und Migranten, die v.a. im intensiven Obst- und Gemüsesektor der Region beschäftigt waren. EinwohnerInnen der Stadt El Ejido, die nahe an der andalusischen Mittelmeerküste liegt, jagten MigrantInnen mit Baseballschlägern durch die Straßen, zerstörten ihre Geschäfte, Lokale und ihre Behausungen. Das Europäische BürgerInnenforum (im folgenden EBF), das sich vor ca. 15 Jahren aus den Europäischen Komitees zur Verteidigung der Flüchtlinge und ArbeitsmigrantInnen (C.E.D.R.I.), der Europäischen Föderation Freier Radios (F.E.R.L.) und der Kooperative Longo Mai zusammengesetzt hatte, organisierte daraufhin die erste internationale Menschenrechtsdelegation. Noch im Herbst des Jahres 2000 erschien die Publikation „El Ejido – Anatomie eines Pogroms”, in der die Hintergründe für den Rassismus ergründet werden. Auf mehr als 30.000 Hektar erstrecken sich die Gewächshäuser in der Region. Es handelt sich um die größte Konzentration von Gemüse- und Obstanbau unter Plastik weltweit. Während der Hochsaison im Winter verlassen täglich rund tausend Lastwagen das „Plastikmeer“, um die Ware an die Supermärkte in ganz Europa auszuliefern. ArbeitsmigrantInnen, die aus Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa kommen, sind unerlässlich für die Aufrechterhaltung dieses „Wirtschaftswunders“. Von den rund 80.000 übers Jahr Beschäftigten sind ca. 96% MigrantInnen, viele von ihnen Sans Papiers, also illegalisierte Menschen ohne Papiere und ohne Aufenthaltsstatus. Im März diesen Jahres fuhr eine weitere internationale Delegation nach El Ejido. Ein tragisches Ereignis gab dem Besuch dringliche Aktualität: Am 13. Februar wurde der Marokkaner Azzouz Hosni, Mitglied der andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC (Sindicato de Obreros/as del Campo), in El Ejido von einer Bande Jugendlicher überfallen und ermordet. Der Mord hatte unzweideutig einen rassistischen Hintergrund.
Selbstorganisation der MigrantInnen
Die Gewerkschaft SOC verteidigt die Rechte der ArbeitsmigrantInnen in der Region. Die beiden hauptamtlichen SOC-Vertreter sind selbst Migranten – sie stammen aus Marokko bzw. dem Senegal – und haben mehrere Jahre in den Treibhäusern gearbeitet. Da sie Übergriffe gegen MigrantInnen systematisch anzeigen, sind sie Drohungen aller Art ausgesetzt. Für die ArbeiterInnen ist es äußerst schwierig sich zu organisieren. Sie leben über die ganze Gewächshausregion verstreut, zwischen den Treibhäusern oder auf Brachland. In den Ortschaften riskieren sie, Einschüchterungen und Aggressionen zum Opfer zu fallen. Die „Papierlosen“ müssen ständig befürchten, von der Polizei aufgegriffen und ausgewiesen zu werden. Aus all diesen Gründen hat das SOC beschlossen, drei Gewerkschaftslokale im unmittelbaren Lebensumfeld der LandarbeiterInnen einzurichten. Diese sollen gleichzeitig als Beratungsstellen, Treffpunkte und soziale Zentren dienen. Für den Erwerb der Lokale läuft zurzeit in mehreren europäischen Ländern eine Solidaritätskampagne.
Der Aufbau von europaweiten Forschungs- und Solidaritätsnetzwerken
Seit dem Jahr 2000 organisierte das EBF Arbeitstreffen und Symposien, bei denen die europäische Dimension des Themas Arbeitsmigration in der Landwirtschaft diskutiert wird. Ascen Uriarte vom Europäischen BürgerInnenforum schrieb in der Oktoberausgabe 2001 des „Archipel“, der Monatszeitung des EBF: „Die vom EBF durchgeführten Nachforschungen über die Ereignisse in El Ejido bestätigen die Tatsache, dass die Ausbeutung von ImmigrantInnen und Rassismus feste Bestandteile des herrschenden Wirtschaftssystems sind. Es genügt jedoch nicht, nur die Situation im Süden Spaniens anzuprangern, weil diese Art von Ausbeutung im Sektor Obst und Gemüse auch in den anderen Ländern der Europäischen Union praktiziert wird. (...) Mehrere Gruppen haben sich gebildet, welche diese Untersuchungen auf europäischer Ebene weiterführen werden.“
Die Situation in Österreich:
Migrationspolitik und wirtschaftliche Verwertbarkeit
Auf der Basis dieser Zusammenarbeit entstand die Idee, einen Beitrag über die Situation der Saisoniers und ErntehelferInnen in Österreich zu verfassen. Forschungsgebiet war das ostösterreichische Marchfeld, das von intensiver Feldgemüseproduktion geprägt ist. Die Ergebnisse erschienen im Jahr 2004 in Form einer Diplomarbeit an der Boku Wien, sowie in der EBF-Publikation “Bittere Ernte – Die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas”. Für das Jahr 2005 bewilligte das BMWA für ganz Österreich ein Kontingent von insgesamt 18.199 Saisoniers und ErntehelferInnen. Dieses Kontingent ist als eine Höchstzahl zu verstehen, die zu keinem Zeitpunkt überschritten werden darf. Aufsummiert auf ein ganzes Jahr arbeiten deshalb weit mehr MigrantInnen in der Landwirtschaft, als die Ziffer wiedergibt. „... dutzende Blechcontainer auf dem Betonhof des Betriebes (...). Bis zu 200 Menschen waren dort untergebracht, jeweils sechs in einem Container. Schaumgummi ersetzt die Matratzen auf den dreistöckigen Betten. Tische oder Stühle fehlen. Ein paar Ziegel, auf dem Gelände zusammengesucht, dienen als Sitz- oder Abstellmöglichkeit.“ Dieser Bericht über polnische ArbeiterInnen bei einem großen Erdbeerbetrieb im Marchfeld aus der „Wiener Zeitung“ vom 28.6.05 spiegelt wider, was auch die Recherchen zu meiner Diplomarbeit ergaben: Die im landwirtschaftlichen Sektor vorherrschenden Lebens- und Arbeitsbedingungen werden von keinem/keiner ÖsterreicherIn mehr akzeptiert. Auf den intensiven Spargel- und Erdbeerbetrieben, auf denen zu Arbeitsspitzen bis zu 300 MigrantInnen arbeiten, werden bei den Erntearbeiten „Feldaufseher“ und Kontrolleure eingesetzt, die die Effektivität der ArbeiterInnen kontrollieren. Manche Unternehmen setzen zusätzliche Kontrollsysteme ein, wie die Registrierung der Saisoniers durch Chipkarten.
Aktuelle Erfahrungen
Ich verbringe diesen Sommer auf einer Kooperative der Genossenschaften Longo Mai in Frankreich. Der Hof liegt im Süden des Landes, nicht weit von Marseille. Mitte Juli erreichte uns die Nachricht, dass 250 Marrokaner und Tunesier, die in der Nähe bei einem Pfirsichbetrieb von mehr als 1.000ha Anbaufläche beschäftigt sind, streikten und somit die Erntearbeiten blockierten. Unmittelbarer Anlass für den Streik waren die seit der letzten Saison nicht ausbezahlten Überstunden. Darüber hinaus forderten die Arbeiter – die Equipe bestand ausschließlich aus Männern – die Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen. Sie sind während den sechs Monaten ihres Aufenthalts in überbelegten Wohncontainern sowie in einem alten Hof untergebracht, in dem der „Patron“ auch in den ehemaligen Stallungen Arbeiter einquartierte. Die Migranten arbeiten ohne entsprechende Ausrüstung und Schutzanzüge, was vor allem bei der Behandlung der Bäume mit Pestiziden zu Erkrankungen und Unfällen führt. Der Streik wurde von der CGT, einer Gewerkschaft mit kommunistischem Hintergrund, unterstützt. Im Rahmen der Vereinigung COTEDRAS (Collectiv pour la Defense des Travailleurs Saisoniers), in der auch das EBF vertreten ist, folgten wir der Einladung der Streikenden und nahmen an einer Demonstration vor Ort teil. Das COTEDRAS organisierte daraufhin am Longo Mai-Hof eine Versammlung, bei der über weitere Schritte des Arbeitskampfes der Saisoniers diskutiert wurde. Der Streik endete nach einer knappen Woche mit dem Erfolg, dass die Überstunden ausbezahlt sowie eine Verbesserung des Standards der Unterkünfte zugesagt wurden. Außerdem verpflichtete sich der Betriebsinhaber, die Saisoniers im kommenden Jahr wieder zu beschäftigen. Der Mut, einen Streik zu beginnen, der in der Region in dieser Form zum ersten Mal stattfand, hat sich für die Saisoniers gelohnt. Zwar bleiben viele ihrer Forderungen unerfüllt, die Eigenmacht der Arbeiter ist aber durch das Lahmlegen der Ernte und das Publikmachen der Missstände klar geworden und konnte vom Unternehmer nicht mehr ignoriert werden. Der Hauptfokus des EBF liegt momentan bei der Unterstützung der Gewerkschaft SOC in Südspanien. Wichtig ist aber unser aller Verhalten: JedeR kann die Entwicklungen in anderen Ländern beobachten, den Zusammenhang mit dem eigenen Konsumverhalten erkennen und eine andere, solidarische Landwirtschaft fördern.