Tierische Beziehungen - Dir Liebe ist ein seltsames Spiel
Foto: Dave Bullock
Sie bedarf keiner Worte und funktioniert vielleicht gerade deshalb so gut: die Beziehung zwischen Mensch und Haustier.
Die tierischen Lebensbegleiter sind das beliebteste Familienmitglied, der beste Freund. Böse Zungen ätzen gar etwas vom Kinderersatz. Wer da mit wem und warum – das ist zwar von Fall zu Fall verschieden, aber immer etwas Besonderes.
STEFFEN KANDUTH
Beziehungsprobleme
Mike und Frauchen Simone hatten vor zehn Jahren einen wahrlich schwierigen Start. Als sie damals, im zarten Alter von zehn, partout Wasserschildkröten vom Christkind wollte, kam es zu einem Drama. Die – zwecks Überraschungseffekt im elterlichen Kofferraum versteckten – Tiere waren bei der Bescherung bereits erfroren. Um das traumatische Erlebnis vergessen zu machen, bezogen Levy und Mike kurz darauf das verwaiste Aquarium. Ein böses Karma überschattete anfangs die Beziehung – Levy unternahm bei einem Landspaziergang im Garten einen erfolgreichen Fluchtversuch. Lediglich Mike scheint sich nunmehr mit seinem Frauchen arrangiert zu haben. Nachdem auch er für ganze zwei Wochen verschwunden war, kehrte er zur allgemeinen Überraschung plötzlich wieder zurück. Seitdem vermutet Simone, dass ihre „Schröte“ sie doch irgendwie lieb hat. Sie ist ehrlich bemüht, diese Liebe zu erwidern, und so ist Mike wohl eine der wenigen Wasserschildkröten, die einen waschechten Whirlpool ihr Eigen nennen können. Aus Rücksicht vor dem gepanzerten Mitbewohner benutzen Simone und ihre Mutter nur mehr die Duschkabine und hüten sich davor, Mikes Zweitwohnung für Vollbäder zu missbrauchen. Für kurze Zeit dachte Simone sogar daran, ihrer Schröte die Freiheit in einem Teich zu schenken, aber irgendwie hat sie ihn nun doch lieb gewonnen.
Leidenschaft
Ein volles Jahr lang musste Hannes Überzeugungsarbeit leisten, bis ihm seine Eltern die Anschaffung einer Königspython gestatteten. „Normale Haustiere“ wären für den Reptilienfan niemals in Frage gekommen, denn „das, was alle haben, hat mich noch nie interessiert“. Auf die Königspython Ka – Hannes liebt das Dschungelbuch – folgte vor gut einem Jahr die Tigerpython Sira. Er musste sie einfach nehmen, denn „so ein schönes Exemplar ist selten zu haben“. Da er die Gelegenheit beim Schopf packten wurde die elterliche Einwilligung gar nicht erst abgewartet, was bei einem Tier mit einer zu erwartenden Länge von sechs Metern nicht unproblematisch ist. Hannes teilt derzeit mit seinen beiden Riesenschlangen und einigen Geckos das Kinderzimmer. Die Terrarien sind beachtlich, denn eine Riesenschlange braucht ausreichend Bewegungsspielraum. Sind die Eltern und Geschwister erst mal ausgezogen, so erklärt er, wird das Nebenzimmer inklusive Dachgeschoß zum Schlangenparadies umgebaut. Derzeit versucht er, sein Hobby zum Beruf zu machen und bemüht sich, bislang leider erfolglos, um eine Ausbildungsstelle als Tierpfleger. Ein Händchen für Tiere hat er, wie auch die liebevolle Beziehung zu seiner „Schmuseschlange“ Ka beweist. Mit den beiden Pythons ist seine Leidenschaft jedoch keineswegs befriedigt und so träumt er laut vor sich hin: „Am liebsten hätte ich ein Krokodil.“
Die Expertin
Sira ist eine echte Tierfreundin. Obwohl ihre Wohnung wahrlich keine Tierpark-Ausmaße erreicht, teilt sie ihr Domizil mit einigen Fischen, der Hündin Rona und fünf Frettchen namens Balu, Arrathon, Paul, Nelly sowie dem preisgekrönten „Sau-Fratz“ Eminem. Sira ist nämlich auch die Präsidentin des ersten und einzigen Frettchen-Vereins in Österreich. In dieser Eigenschaft beklagt sie die Unwissenheit vieler Menschen im Umgang mit den kleinen Räubern. „Frettchen sind die typische Fehlanschaffung – sie riechen, sind selten stubenrein, können nicht alleine gehalten werden und lieben es herumzutoben“, stellt Sira klar. Zugleich ist sie froh darüber, dass der Trend zum Frettchen nachlässt, da sie wegen ihrer Eigenheiten langsam ein Negativimage bekommen. Mit ihrem Verein kämpft sie auch darum, Zoohandlungen vom Verkauf der Tiere abzubringen. „Fachgeschäfte in Wörgl, Schwaz und Kufstein sind bereits frettchen-frei“, betont sie stolz. Ihre fünf Lieblinge bewohnen einen großzügigen Käfig am Balkon. Die Expertin rät übrigens dringend davon ab, die Tiere in der Wohnung zu halten. Die Unwissenheit bezüglich Frettchen ärgert sie sehr und sie arbeitet mit Nachdruck an der Aufklärung verschiedener Missverständnisse. So betreibt die gelernte Webdesignerin nicht weniger als drei Homepages (www.frettchenhilfe.at) zum Thema, wobei eine nun mangels Finanzen aus dem Netz genommen werden musste.
Freund und Helfer
Stefan ist Schüler der Berufseingliederungsklasse im Elisabethinum in Axams. Zu seinen Lieblingsfächern zählt unter anderem die Pflege von Kaninchen Lisa. „In Axams wurde schon immer mit Tieren gearbeitet“, erklärt Doris, Stefans Lehrerin. Lisa lebt in der Wohngemeinschaft bei Kindern und Jugendlichen mit Körper- und Mehrfachbehinderung. Heute ist Stefan mit Kaninchendienst an der Reihe. Er bemüht sich seine Streicheleinheiten so zu dosieren, dass Lisa es auch als angenehm empfindet. Das ist ganz nebenbei ein effektives Training der motorischen Fähigkeiten. Der Kontakt zu den Tieren hilft den Kindern zudem, soziales Verhalten zu trainieren. „Ein Bild vom Tier genügt da nicht“, begründet die Lehrerin die Entscheidung zur tierischen Therapie. Die Zartheit, mit der Stefan seine Lisa kuschelt, zeigt, wie wirkungsvoll das ist. Natürlich bedeuten Haustiere auch Verantwortung und die übernehmen die SchülerInnen, indem sie die Fütterung und Pflege, so weit dies möglich ist, in Eigenregie erledigen. Wenn es salat-bewaffnet zu den Enten und Gänsen geht, zeigen sich freilich Grenzen, da der klobige Elektrorollstuhl den Geländegegebenheiten im Gehege nicht ganz gewachsen ist. Der unbestritten positivste Aspekt ist und bleibt aber der, dass Tiere keinen Unterschied machen und so einen sozialen Kontakt ohne Vorurteile ermöglichen.
Ho-Chi-Minh und Sepp
Vor nunmehr sechs Jahren fanden sich der Kater Ho-Chi-Minh und sein Herrchen auf einem Bauernhof in der Nähe von Innsbruck. Die auffallende Gesichtszeichnung stach Sepp sofort ins Auge und so fiel die Entscheidung, mit welchem der kleinen Wollknäuel er in Zukunft Tisch und Bett in der Innsbrucker WG teilen solle, sehr leicht. Die beiden sind mittlerweile ein eingespieltes Team und wissen mit den kleinen Marotten des jeweils anderen umzugehen. Denn der Kater ist eigensinnig, aber Sepp ist das auch. So hat Ho-Chi, wie er gerufen wird, schnell akzeptiert, dass Herrchen nicht dazu bereit ist, seine Langschläfer-Usancen für ihn aufzugeben. Ho-Chi weiß, dass Herrchen seine Ruhe braucht, wenn die Nacht lang war und vermeidet jegliche unnötige Störung. Umgekehrt hat Sepp gelernt, dass der Kater kein Fan von Reisen, und sei es nur der Gang zum Tierarzt, ist. Sepp zeigt Verständnis und mischt daher im Vorfeld ein bisschen Baldrian ins Futter um Ho-Chi diesen Stress zu ersparen. Wie ähnlich ihre Interessen gelagert sind, bewies auch ein gemeinsam verlebter Sommer auf der Alm. Während Sepp sich als Senner versuchte, entdeckte der Kater das Tier in sich. „Manchmal hat er sechs Mäuse in einer Nacht angeschleppt und sogar an Murmerln’ hat er sich versucht “, bestätigt Herrchen nicht ohne Stolz die Jägerqualitäten seines Kompagnons. Wie eng die gemeinsame Bindung ist, beweist für Sepp, dass ihn Ho-Chi schon Minuten bevor er überhaupt das Haus betritt am Eingang erwartet.