Armut ist weiblich - Forschung zwischen Politikum und konkreter Hilfe
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Eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern soll einen Termin auf dem Sozialamt wahrnehmen. Was tun mit den Kindern? Was tun, wenn ein Kind krank wird? Was tun, wenn sie länger warten muss? Armut hat einen Alltag, einen beschwerlichen Alltag, bedeutet Stress, oft Unverständnis und Druck von vielen Seiten. Armut hat viele verschiedene Gesichter. Die meisten davon sind allerdings vornehmlich weiblich. Das gibt zu denken.
CLEMENS SEDMAK, THOMAS BÖHLER
Laut jüngstem Sozialbericht des BMSG leben 571.000 Frauen unter der (politisch) festgesetzten Armutsschwelle von monatlich netto € 785,– im Einpersonenhaushalt und von € 1.021,– im Alleinerzieherinnenhaushalt mit einem Kind. Keineswegs bedingt ein Einkommen unter dieser Grenze automatisch den Anspruch auf staatliche Unterstützungen. In Österreich sind insbesondere alleinerziehende Frauen, alte Menschen, vor allem Witwen, und Menschen ohne Arbeitsplatz Risikogruppen für Armut. International sieht es ganz ähnlich aus. Laut UNIFEM und UNDP sind 60% bzw. 70% aller Armen weltweit weiblich. Frauen, so hat die Wiener Ökonomin Karin Heitzmann nachgewiesen, sind nicht nur häufiger von Einkommensarmut betroffen, sondern sie bleiben dieser Benachteiligung auch länger ausgesetzt und sind damit chronisch arm. Warum? Frauen arbeiten eher in prekären Beschäftigungsverhältnissen, sie übernehmen den Großteil der unbezahlten Haus- und Familienarbeit. Frauen verdienen weniger als Männer und haben weniger Ansprüche auf Sozialleistungen, weil das Sozialsystem – wenn vorhanden – vor allem über den Arbeitsmarkt geregelt ist. In klassischen Familienstrukturen bestimmen meist die männlichen „bread winner“ über die Verteilung des verfügbaren Einkommens, obwohl gerade in Entwicklungsländern Frauen einen Großteil physischer Arbeit verrichten. In der Armutsforschung und auch in der Politik wird aber nach wie vor von einer Gleichverteilung des Einkommens innerhalb des Haushalts ausgegangen. Auch dadurch entstehen Nachteile für Frauen. All das gibt zu denken.
Armut ist nicht in erster Linie ein Mangel an Geld. Es hat viel mit Geld zu tun, keine Frage. Aber Armut geht weiter, tiefer – hat mit Ausgrenzung zu tun, mit dem Ausgeschlossensein aus sozialen Kreisen und von kulturellen Aktivitäten, betrifft einen Mangel an Information ebenso wie mangelndes Selbstvertrauen. Es fehlen Freiräume für die individuelle Entwicklung und, wie der Nobelpreisträger Amartya Sen betont, Wahlmöglichkeiten die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. In Armut leben heißt, ausgeschlossen sein, keinen Zugang haben zu elementaren Gütern oder zu standardisierten kulturellen Aktivitäten. Arme Frauen unterliegen einem androzentrischen Weltbild, in dem sie sich bewähren müssen, so Karin Heitzmann. Armut hat mit einem Mangel an Zugang („access“) zu tun, Zugang zu Gütern, zu Information, Zugang zu bestimmten Menschen, Zugang zu Rechten. Es sind verzwickte Zusammenhänge, in die die Armut von immer mehr Menschen eingebunden ist.
Das macht Forschungsarbeit notwendig. Armutsforschung beschäftigt sich mit Fragen wie: Warum sind arme Menschen häufig chronisch krank? Welche Lücken weist das Sozialsystem auf, dass immer wieder Menschen hindurchrutschen und ins Bodenlose fallen? Wo soll man Armutsgrenzen festsetzen, die Frauen nicht benachteiligen? Armutsforschung muss sich aber auch grundsätzlicheren Fragen, wie etwa dem Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum, stellen. Else Øyen vom Comparative Research Programme On Poverty (CROP) in Bergen ermahnt die Armutsforschungs-Community, armutsproduzierende Prozesse aufzuzeigen. „Poverty production“, also die Identifikation von armutserzeugenden Prozessen und Interessensgruppen, welche die momentane Macht- und Vermögensverteilung beibehalten wollen, bedeutet für die Armutsforschung Neuland. Dieser Ansatz untersucht Konflikte zwischen Reich und Arm, auch zwischen Mann und Frau; lange ein Tabuthema in der Armutsforschung. Verursacher von Frauenarmut sind oft Männer und Familienväter, die ungerechte Aufgabenverteilung im Haushalt, die bevorzugte Förderung männlicher Nachkommen, sowie Unterernährung von Müttern und Töchtern.
Das multidimensionale Phänomen „Armut“ wurde bislang unabhängig von „Reichtum“ erforscht. Die klaffende Schere zwischen reich und arm ist zwar bekannt, die Herstellung einer Verbindung dieser beiden Prozesse und der damit verbundenen Machtkonstellationen erfolgt in der Forschung aber erst schleichend. So gibt es erst seit 2001 in Deutschland und seit 2004 in Österreich die ersten Armuts- und Reichtumsberichte, die allerdings beide Phänomene parallel analysieren und noch zu wenig miteinander in Beziehung setzen. Armutsforschung müsste eigentlich Wohlstandsforschung heißen. Einen guten Ansatzpunkt für „poverty production“ lieferte bereits 1973 der amerikanische Soziologe Herbert J. Gans, der Armut als ein funktionelles Phänomen identifiziert hat, welches für Nicht-Arme wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Vorteile, „positive functions“, schafft. Arme verrichten schmutzige und unwürdige Arbeit zu geringen Löhnen, sie stellen einen eigenen Billigmarkt dar, der von der Wirtschaft bedient wird. Zudem sind Arme meist stigmatisiert und Vorurteilen ausgesetzt, obwohl sie meist – gerade wirtschaftlich – Stützen dieser Gesellschaften sind. Auch in der Politik spielen Arme eine wichtige Rolle, sei es als leicht zu überzeugende WählerInnenzielgruppe oder als Sündenbock. All dies gilt im Besonderen für arme Frauen, sowohl in Industrie-, als auch in Entwicklungsländern.
Diese Zusammenhänge sind evident und müssen aufgezeigt werden. Die Gruppe Armutsforschung an der Universität Salzburg beschäftigt sich seit drei Jahren mit Armut. Insbesondere sind die Einbeziehung von Betroffenen in die Armutsforschung und die Möglichkeit eines Brückenschlags zwischen Armutsforschung und Armutsbekämpfung ein großes Anliegen unserer Arbeit.
Das ist nicht selbstverständlich. Häufig erfolgt Armutsforschung in Studierzimmern, Konferenzsälen und Seminarräumen, weit weg von den Menschen, die von Armut betroffen sind. Wir bemühen uns darum, nicht nur „über Armut“, sondern auch „mit Menschen, die von Armut betroffen sind“ zu reden, sie ernst zu nehmen und von ihnen zu lernen. Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus in die Forschungstätigkeit einzubeziehen, ist ein schwieriges Unterfangen, braucht Zeit und Verständnis. Es bedarf einer langfristigen und sensiblen Herangehensweise, um in Empowerment- und social inclusion-Prozessen nicht erneut Gefahr zu laufen, betroffene Menschen als passive Objekte von Wissenschaft und Forschung zu missbrauchen.
Außerdem geht es uns um die Frage nach konkretem Tun. Wir wollen nicht nur über Armut reden, sondern auch etwas dagegen unternehmen, mit wie auch immer kleinen, aber konkreten Schritten. Wir haben bei einer Bedarfsstudie festgestellt, dass es in Österreich – neben vielem anderem – vor allem eines braucht: Langzeitperspektiven für Menschen, die aus dem ersten Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Es handelt sich dabei vor allem um Menschen mit psychischen Problemen, die den immer stärker werdenden Druck in „normalen Arbeitsverhältnissen“ nicht mehr aushalten. Die Zahl der Menschen mit psychischen Problemen nimmt zu. Sie sind die Opfer des Fortschritts, des immer härter werdenden Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt, der immer höheren Anforderungen. Dies gilt übrigens global: Sozialpolitik und Entwicklungspolitik stehen dabei vor den selben Hindernissen. Bemerkenswert sind Strategien, wie die Vergabe von Mikrokrediten (ausschließlich an Frauen!), die zwar hohe Eigenverantwortung und ungeschützte Marktteilnahme erfordern, aber insbesondere in Asien große Erfolge bei der Bekämpfung absoluter Armut (Einkommen unter einem Dollar pro Tag) erzielt haben.
Die Armutsforschung der jüngeren Zeit hat gezeigt, dass Menschen, die von Armut betroffen sind, vor allem zwei Dinge brauchen, um aus der Armut herauszukommen: Identität und ein Ziel. Wer weiß, was er/sie ist, wohin und zu wem er/sie gehört, und wer weiß, was er/sie will, der/ die kann am ehesten aus der Armut herauskommen. Damit ist auch gesagt, dass Armut viel mit Zugehörigkeit (oder auch einem Mangel an Zugehörigkeit) zu tun hat. Folglich sind kleinräumliche, konkrete und langfristige Projekte, die auf gegenseitigem Vertrauen aufbauen, Basis für Solidarität und Gemeinschaft aber auch für die Identifikation von ArmutsproduzentInnen, ein lange überfälliger Ansatz zur Repolitisierung von Armuts- oder Wohlstandsforschung, Sozial- und Entwicklungspolitik.
Univ.-Prof. DDDr. Clemens Sedmak, Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, Projektleiter des START-Projekts des FWF (Y 164 Gruppe Armutsforschung – option for the poor).
Mag. Thomas Böhler,
Ökonom und Armutsforscher, dzt. Dissertant an der WU Wien, beschäftigt bei Gruppe Armutsforschung der Universität Salzburg, Koordinator diverser Fortbildungskurse zum Thema Armut im Innsbrucker Haus der Begegnung.