Vor vier Monaten hat ein Erdbeben in Chile Tote und Zerstörung hinterlassen. Das südamerikanische Land wird derzeit von vielen Ereignissen erschüttert. Kurz vor dem Beben sind zum ersten Mal seit 52 Jahren wieder die Rechten durch freie Wahlen an die Macht gekommen. Und unter der Oberfläche schwelen schon lange gesellschaftliche Konflikte. GEORGIA SCHULTZE
Es war das fünftstärkste Erdbeben, das je auf der Welt gemessen wurde – 8,8 auf der Richterskala. Rund 700 Menschen sind bei der verheerenden Katastrophe gestorben, hunderttausende Menschen wurden obdachlos. Wolkenkratzer sind wie Kartenhäuser zusammengeklappt, ein Tsunami hat ganze Häuser weggespült. Noch immer leiden die Chilenen unter den Folgen. Der Schock sitzt tief.
„Ich dachte, das ist das Ende der Welt. Ich habe alles in meinem Leben verloren, alles. Das Haus, meine Sachen. Ich habe nichts mehr, nichts, nichts. Es ist traurig“, erzählt Daniela, eine ältere Dame aus Dichato. In dem kleinen Strandort 40 Kilometer nördlich von der chilenischen Stadt Concepción liegt nach drei Monaten noch immer alles in Trümmern. Es scheint ein Wunder, dass bei dem verheerenden Erdbeben und den darauffolgenden drei Tsunami-Wellen nur 17 Menschen in Dichato ums Leben gekommen sind: Der Ort gleicht einer einzigen Schutthalde. Überall liegen zerbröckelte Mauern, Teile von Dächern, geborstenes Holz. Dazwischen ragen bizarr kleine gelbe Häuschen heraus. Es sind die Badezimmer, die einzigen gemauerten Räume, die den Wassermassen getrotzt haben. Es herrscht Totenstille. Bis auf ein Klopfen.
Ramos, ein Mann Mitte fünfzig, steht mit dem Hammer in der Hand und Nägeln zwischen den Zähnen in dem, was von seinem Haus übrig geblieben ist. Das sind gerade mal ein paar Wände, die gefährlich wackeln und durch die der Wind pfeift: „Es ist kalt. Ich versuche es zu reparieren, mit den Brettern, die hier überall rundherum liegen und von den anderen Häusern heruntergefallen sind“, erklärt er. Das Beben hat ihn und seine Frau Marta um halb vier Uhr früh aus dem Schlaf gerissen: „Wir waren im Haus, als die Bewegungen begonnen haben. Wir konnten kaum stehen. Ich dachte, ‚das war es jetzt‘“, erzählt er. Seine Frau Marta ergänzt: „Ich wollte nur weglaufen, ich habe gedacht‚ gleich kommt das Wasser.“ Also flüchtete das Ehepaar in die Hügel über dem Dorf. Nach drei unbehaglichen Tagen oben im Freien trauen sie sich wieder zurück: Als sie wieder in ihre Stadt kommen, hatte das Meer alles weggeschwemmt. Über einen Meter hoch stand das Wasser in ihrem Haus. Zurück blieben nur Schlamm und Sand: „Es hat ausgesehen wie nach einem Krieg. Nichts stand mehr“, erinnert sich Marta. Trotzdem sagen beide: „Wir bleiben hier. Das ist unser eigenes Haus.“ In das Notcamp ziehen wollen Marta und Ramos nicht. Es wurde auf einem der umliegenden Hügel errichtet. Dort reihen sich zig neue Notunterkünfte eng aneinander. Es sind Holzverschläge, je sechs mal drei Meter groß, auf Holzpfählen gebaut. Am Rand des Camps sind die Toiletten in blauen Plastikhäuschen. Solche Camps, wie in Dichato, sind in der ganzen Erbebenregion entstanden. 22.000 Notunterkünfte will Chiles Regierung insgesamt bauen. Doch der Wiederaufbau geht nur langsam voran. Internationale Hilfsorganisationen wie World Vision helfen dabei aus.
Auch weiter südlich in Lota, einer kleinen Bergbaustadt, stehen jetzt rund 20 von der Regierung errichtete Holzhäuser. Doch hier ziehen es ebenfalls viele Menschen vor, in ihren baufälligen Häusern zu bleiben. „Da kann man nicht leben. Diese Häuschen sind für maximal drei Personen“, klagt Maria, „es gibt kein Bad, viele haben kein Licht und kein Wasser.“ Und überhaupt: „Es ist kalt“, ergänzt eine Camp-Bewohnerin: „Drinnen ist es kälter als auf der Straße. Also leben wir weiter im Zelt vor dem Not-Haus. Da ist es besser.“ Denn in Chile ist bereits Winter. Es regnet, untertags hat es 12 Grad und es wird jeden Tag kälter. Maria befürchtet, dass ihre kleine Stadt vergessen wird: „Wir sind die Letzten, die etwas bekommen. Wir sehen, dass der Präsident all die Hilfe an andere Orte verteilt. Lota ist in der Welt verschwunden“.
Auch die Ureinwohner Chiles, die Mapuches (Mapu = Mensch, Che = Land), fühlen sich vom Staat verlassen. Im Süden Chiles gehören ihnen 64 Prozent der Bevölkerung an. Die indigenen Ureinwohner fordern seit Jahren die Rückgabe des ihnen angestammten Landes, das ihnen nach ihrer Ansicht geraubt wurde. Ihr Zentrum ist die Kleinstadt Temuco, rund siebenhundert Kilometer von der Hauptstadt Santiago entfernt. Dort gehen sie regelmäßig auf die Straße, um ihrer „Unzufriedenheit mit der Unterdrückung der Mapuches“ Luft zu machen, erklärt einer der Demonstranten. Denn Demokratie in Chile sei für sie eine entfernte Vision: „Wir dürfen weder unsere Meinung als Mapuche äußern, noch unser Land beanspruchen, das uns genommen wurde.“ Ein anderer fügt hinzu, dass es das Schlimmste sei, dass sie verfolgt würden: „Unsere Häuser werden durchsucht. Und wir werden beschuldigt, Mapuche-Terroristen zu sein.“ Es ist ein farbenfroher Marsch: Menschen in teils selbstgenähten Trachten und mit ursprünglichen Musikinstrumenten wie Hörnern, den Trutrukas, und Pfeifen verschaffen sie sich Gehör. „Die Erde, unsere Mutter, werden wieder einnehmen!“, fordern die Mapuche in ihren Sprechgesängen die Rückgabe des ihnen unrechtmäßig genommenen Landes. Unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet sind die Mapuches enteignet und die Ländereien oft an private Investoren und Großgrundbesitzer verkauft worden, erzählt der Anthropologe Tibor Gutiérrez: „Alle Waldflächen, die von den großen Abholzungsunternehmen gerodet werden, die Pinienplantagen, die Minenunternehmen im Norden Chiles, die Seen, die großindustrielle Landwirtschaft, der Tourismus, das alles geschieht auf dem Land der Ureinwohner.“
„Der Mapuche hat angefangen, seine Philosophie zu verteidigen“, sagt einer der Demonstranten, „der Mapuche lebt mit der Erde und nicht von der Erde.“ Die meisten der 700.000 Mapuches protestieren friedlich. Doch rund hundert Aktivisten kämpfen mit teils radikalen Mitteln für ihre Rechte. Sie besetzen Wälder, greifen Polizisten an und stecken Busse in Brand. Auch bei der Demonstration in Temuco fliegt der ein oder andere Stein. Der Staat reagiert darauf mit Härte und Antiterrorgesetzen, die noch in der Zeit von Diktator Pinochet entstanden sind. Im August wurde ein Mapuche-Aktivist von einem Polizisten getötet. Knapp 30 sind mittlerweile verurteilt oder angeklagt worden. Die Mapuches haben offensichtlich Angst, viele haben sich bei der Demonstration mit Tüchern vermummt, nur wenige trauen sich mit der ausländischen Journalistin zu sprechen. Und wenn doch, dann nur anonym und immer wieder schieben sich Polizisten dazwischen: „Es ist Folter. Folter von Seiten der Polizei, der Policia de Investigaciones“, bekräftigt einer, der sich Antu nennt.
Und auch vor mir bauen sich plötzlich drei Männer in dunklen Anzügen auf und weisen sich als Angehörige der Policia de Investigaciones (PDI) aus: „Begleiten Sie uns bitte!“, fordern sie mich zum Mitkommen auf. Es sei verboten, über interne Konflikte zu berichten, erklärt man mir dann im Polizeibüro. Nicht nur in Temuco, auch in der Hauptstadt Santiago beobachte ich, dass, wo ein Mapuche auftaucht, seine Papiere fast immer sofort von Uniformierten kontrolliert werden.
Große Hoffnung setzen die Mapuches auf den Anfang Jänner gewählten neuen Präsidenten, den rechten Milliardär Sebastian Pinera. Viele von ihnen haben für ihn gestimmt. Obwohl Pinera für mehr Wirtschaftswachstum, modernes Management und die Macht der Unternehmer steht, wie der Anthropologe Tibor Gutiérrez zu bedenken gibt: „In diesem Land stehen die ökonomischen Interessen an erster Stelle. Und auch die aktuelle demokratische Regierung wird die Interessen der privaten Unternehmen schützen und ihre Aktivitäten legalisieren.“ Es hat den Anschein, als würden die Mapuches mit ihrem neuen Präsidenten vom Regen in die Traufe kommen. Und Chile gefährlich nahe an eine Eskalation des sozialen Konfliktes.